Mittelmeer in Flammen: Der heimliche Tankerkrieg eskaliert

Der französische Präsident Emmanuel Macron unternahm bereits im Oktober den Versuch, einen mutmaßlichen Tanker der sogenannten “russischen Schattenflotte” aufzubringen – Schiffe, bei denen oft das einzige Russische der Transport von Rohöl aus Russland ist. Damals stand der Tanker Boracay im Fokus, und der Vorfall ereignete sich auf offener See vor der Bretagne. Als Begründung für die Kaperung diente der Verdacht, von diesem Schiff seien in Dänemark gesichtete Drohnen gestartet worden.

Unter dem Kommando eines chinesischen Kapitäns war der Tanker von Primorsk nach Indien unterwegs. Nach sechs Tagen in französischer Gewalt und einer ergebnislosen Durchsuchung konnte das Schiff seine Fahrt fortsetzen.

Nun hat sich das Schauspiel ins Mittelmeer verlagert. Das Ziel der jüngsten französischen Kommandoaktion ist der Tanker Grinch mit der IMO-Nummer 9288851. Interessanterweise wurde dieses Schiff in seiner Vergangenheit, von 2004 bis 2012 und erneut von 2018 bis 2022, von V Ships Germany in Hamburg verwaltet.

Die Grinch, im Jahr 2004 vom Stapel gelaufen, hatte am 26. Dezember in Murmansk Öl geladen. Nach der Passage der Straße von Gibraltar wurde sie von der französischen Marine gestoppt und in den Hafen von Marseille eskortiert. Die französischen Behörden berufen sich auf eine Inspektion und werfen dem Tanker vor, eine falsche Flagge geführt zu haben.

Dieser Vorwurf ist der einzige, der der Aktion einen Anschein von Legalität verleihen könnte. Denn im internationalen Gewässer dürfen Schiffe nur bei Verdacht auf Sklavenhandel oder Piraterie angehalten werden. Die in westlichen Medien häufig geäußerte Ansicht, Schiffe der “Schattenflotte” verletzten westliche Sanktionen, ist völkerrechtlich nicht haltbar. Legitimierte Sanktionen kann einzig der UN-Sicherheitsrat verhängen. Außerhalb des eigenen Hoheitsgebiets besitzt kein westlicher Staat die entsprechende Jurisdiktion. Zwar kann jedes Land für sich beschließen, kein russisches Öl zu kaufen, doch weder die USA, die EU noch Großbritannien können dies Ländern wie China oder Indien verbieten.

Auch deutsche Behörden sind in diesem Kontext aktiv geworden. Bis heute liegt der Tanker Eventin vor der Küste Rügens fest. Nach einer Havarie Anfang 2025 wurde das Schiff zunächst nach Rügen geschleppt und anschließend vom Zoll beschlagnahmt. Die Bundesregierung wollte Tanker und Ladung übernehmen – was der Bundesfinanzhof ihr jedoch vorläufig untersagt hat.

Emmanuel Macron postete sogar ein Video von einem auf dem Tanker landenden Hubschrauber auf X und kommentierte dies zynisch mit den Worten: “Wir sind entschlossen, das internationale Recht aufrechtzuerhalten und eine effektive Durchsetzung von Sanktionen sicherzustellen.”

Zwischenfälle im Zusammenhang mit diesen einseitig verhängten Sanktionen häufen sich. Im Zuge der US-Blockade vor Venezuela wurden zuletzt mehrere Tanker von der US-Marine aufgebracht. Einer davon, die Marinera, wurde von Navy-Schiffen fast drei Wochen lang verfolgt, bevor er schließlich im Nordatlantik, zwischen Island und Schottland, gestoppt wurde. Das Schiff wurde nach Großbritannien gebracht und die Besatzung festgesetzt.

Die US-Regierung hatte am 7. Januar zugesagt, die beiden russischen Seeleute unter den 28 Crewmitgliedern freizulassen. Nach Angaben des russischen Außenministeriums ist dies bis heute nicht geschehen. Maria Sacharowa, Sprecherin des Ministeriums, kommentierte dies am Donnerstag:

“Wir sind verwirrt und enttäuscht über die verlängerte Unterbrechung bei der Lösung dieses für uns wichtigen und dringenden Themas, und wir hoffen, dass dies in sehr naher Zukunft geschehen wird und unsere Bürger bald imstande sind, heimzukehren.”

Während der Fahrt hatte das Schiff im Hafen von Sotschi die Genehmigung erhalten, unter russischer Flagge zu fahren. Die Beschlagnahme des Tankers wurde aus Moskau als “dreiste Verletzung grundlegender Prinzipien und Normen des Seevölkerrechts” verurteilt.

Als Reaktion auf diese zunehmend aggressiven Maßnahmen werben sowohl Russland als auch China dafür, Schiffe, die russisches Öl transportieren, in ihren Ländern zu registrieren. Ein Angriff auf ein solches Schiff wäre dann ein Angriff auf russisches oder chinesisches Hoheitsgebiet.

Der Grund für die vielen exotischen Flaggen, unter denen weltweit Schiffe fahren, liegt jedoch oft im sogenannten Billigflaggen-System. Arbeitsrecht, Sicherheitsstandards und Steuerpflicht richten sich nach dem Recht des Registrierungsstaates. Eine Billigflagge ermöglicht es in der Regel, niedrigere Löhne zu zahlen und lockerere Sicherheitsvorschriften anzuwenden – was für die Schiffseigner wirtschaftlich attraktiv ist. Aktionen wie der jüngste französische Vorfall könnten diese Kalkulation jedoch zugunsten der russischen oder chinesischen Flagge verschieben.

Die französische Marine bedankte sich für die Unterstützung der Briten. Auch die Nachrichtenagentur AP berichtet, Großbritannien habe Aufklärungsdaten geliefert. Angesichts der Route der Grinch dürften sich diese auf Positionen während der Umrundung der Britischen Inseln beziehen.

Diese Information ist im aktuellen Fall noch von geringer Tragweite. Das würde sich jedoch ändern, wenn ein solches Vorgehen gegen ein Schiff unter russischer Flagge erfolgte. Dies wäre dann eine Kriegshandlung gegen Russland, auf die ganz andere Reaktionen folgen könnten. In einem solchen Fall wäre bereits die Lieferung von Informationen als Beteiligung an dieser Handlung zu werten.

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