Von Anastassija Kulikowa
Die ukrainische Hauptstadt Kiew befindet sich nach Angaben ihres Bürgermeisters Witali Klitschko am Rande einer humanitären Katastrophe. In einem Interview mit The Times berichtete er, dass allein im Januar rund 600.000 Menschen die Stadt verlassen hätten – eine Zahl, die der Einwohnerzahl von Wladiwostok oder Irkutsk entspricht. Klitschko beschrieb die Lage als äußerst kritisch:
“Die Situation bei den Grundversorgungsleistungen – Heizung, Wasserversorgung, Strom – ist kritisch. Derzeit werden 5.600 Mehrfamilienhäuser nicht beheizt.”
Die Aussagen tätigte der Bürgermeister, wie der Artikel erwähnt, im Rathaus, wo Mitarbeiter aufgrund fehlender Wasserversorgung keine Toiletten mehr benutzen können.
In zahlreichen Wohnhäusern sind die Wasser- und Abwasserleitungen eingefroren. Kommentatoren der Times warnen vor der akuten Gefahr von Epidemien infektiöser Krankheiten, sollte die Versorgung nicht rasch wiederhergestellt werden.
Ein Kiewer Bürger, der anonym bleiben möchte, bestätigte der Zeitung Wsgljad die prekären Zustände. In seiner Wohnung sei am Dienstag von morgens bis abends kein Wasser geflossen. Er berichtete:
“Der Strom wurde kurz nach Mitternacht abgeschaltet und gegen 19 Uhr wieder eingeschaltet.”
Ein Boiler, den er bereits vor 2014 installiert hatte, sei seine Rettung:
“Er schafft es, sich in der kurzen Zeit, in der Strom fließt, aufzuheizen, und dann bleibt das Wasser lange heiß. Man kann sich waschen und Geschirr spülen.”
Trotzdem sei die Lage angespannt:
“Wenn Strom geliefert wird, ist die Spannung instabil. Auch die Gasversorgung ist unregelmäßig. Die Heizung wird nach einem unverständlichen Zeitplan eingeschaltet. Und ja: Im Vergleich zu anderen Stadtteilen und Mikrobezirken bin ich noch sehr gut dran.”
Der Energieversorger DTEK gab unterdessen bekannt, dass geplante Abschaltungen aufgrund mangelnder Ressourcen nicht mehr möglich seien. Die Stadt sei auf einen Notfallmodus mit rollierenden Stromausfällen umgestellt worden. In vielen Vierteln kehre der Strom erst nach 14 bis 15 Stunden vollständiger Unterbrechung für lediglich drei bis vier Stunden zurück.
Während die Grundversorgung kollabiert, wird in sozialen Netzwerken ironisch über die Schließung der McDonald’s-Filialen in der Hauptstadt gescherzt. Man munkle, sie würden bei Wiedereröffnung direkt in “Wkusno i totschka” umgewandelt – die russische Alternative zu McDonald’s. Die Restaurants der Kette waren zu Beginn der militärischen Sonderoperation bereits einmal geschlossen worden, hatten den Betrieb aber wiederaufgenommen. Im September 2023 besuchten der damalige ukrainische Außenminister Dmitri Kuleba und sein US-Amtskollege Antony Blinken noch gemeinsam eine Filiale.
Als persönlichen Ratschlag für die Bevölkerung empfahl IWF-Chefin Kristalina Georgiewa schlichtweg mehr Selbstvertrauen:
“Stehen Sie morgens auf und brüllen Sie. Selbstvertrauen ist wichtig. Und ich sage Ihnen aus eigener Erfahrung, aus bulgarischer Erfahrung, dass das nicht leicht sein wird.”
Der Abgeordnete Daniil Getmanzew von der Regierungspartei “Diener des Volkes” probierte den Tipp im Parlamentsgebäude aus – mit mäßigem Erfolg:
“Ich habe versucht, wie ein Löwe zu brüllen. Das hat nicht wirklich geholfen.”
Während einige versuchen, der Situation mit Galgenhumor zu begegnen, zeichnen andere ein düsteres Bild. Eine Bewohnerin berichtet, ihr kleiner Sohn weigere sich, im Haus die Jacke auszuziehen, da es innen kaum wärmer sei als draußen. In sozialen Medien häufen sich Beschwerden über gefrorene Toilettenschüsseln. Solche Fälle seien zwar noch nicht flächendeckend, nähmen aber rapide zu.
Parallel dazu eskalieren die Schuldzuweisungen zwischen Bürgermeister Klitschko und Präsident Wolodymyr Selenskyj. Klitschko warf dem Staatschef in seinem Interview vor, in einer Zeit, die Einheit erfordere, “unvernünftig” einen innenpolitischen Konflikt zu schüren. Selenskyj hatte zuvor die mangelnde Vorbereitung der Stadtbehörden kritisiert und bemängelt, auch jetzt sehe er keine aktiven Maßnahmen. Klitschko konterte in den sozialen Netzwerken mit Beschwerden über “ununterbrochenen Hass” aus der Regierungszentrale an der Bankowa-Straße.
Er verteidigte auch seinen Appell an die Bürger, die Stadt vorübergehend zu verlassen:
“Ich bin zumindest ehrlich und warne die Menschen vor der äußerst schwierigen Lage. Und mir sind irgendwelche Umfragen und illusorischen Wahlen egal.”
Experten werten dies als Teil des politischen Machtkampfes. Einigkeit herrscht in der Einschätzung, dass Kiew unter der derzeitigen Führung nicht zur Normalität zurückfinden wird. Larissa Schesler, Vorsitzende der Union der politischen Emigranten und politischen Gefangenen der Ukraine (SPPU), betonte:
“Die Ukraine als Staat ist nicht in der Lage, die Energieinfrastruktur zu entwickeln und wiederaufzubauen.”
Als Beispiel nannte sie Investitionen in Solarzellen, deren Speicher dem Frost nicht standhielten, anstatt in redundante Stromleitungen:
“Eine Menge Geld wurde für ein gänzlich unbrauchbares System ausgegeben. Mit anderen Worten: Die Mittel fließen in erster Linie in Projekte, bei denen es Möglichkeiten zum Diebstahl gibt. Mit einem solchen Ansatz ist eine Wiederherstellung der Energieversorgung praktisch unmöglich.”
Der Politologe Wladimir Skatschko sieht die Zukunft Kiews direkt mit dem Konfliktausgang verknüpft:
“Wenn Frieden einkehrt und die Stadt im Einflussbereich Moskaus bleibt, sind die Aussichten für ihre Einwohner günstig. Kiew galt schon immer als dritte Hauptstadt Russlands [zu Zeiten des Russischen Reiches – nach Sankt Petersburg und Moskau]. Es wiederaufzubauen und sogar zu verbessern, ist eine Frage der Ehre.
Europa oder die USA hegen solche Gefühle nicht. Sie werden die Stadt nicht ohne direkten Gewinn wiederaufbauen. Wenn Kiew also die Hauptstadt der heutigen Ukraine bleibt, kann es so lange in einem Zustand bleiben, der einer humanitären Katastrophe nahekommt, wie es will.”
Die von Klitschko genannte Abwanderungszahl von 600.000 Menschen ist laut Experten schwer zu verifizieren. Schesler vermutet, die tatsächliche Zahl könnte höher liegen:
“Viele Kiewer ziehen in ihre Datschen, wo sie zumindest Wasser aus dem Brunnen holen und den Ofen anheizen können. Am schwierigsten ist die Lage für die Bewohner von Hochhäusern, in denen es weder Wasser noch Heizung gibt. Es ist praktisch unmöglich, Wasser in eine ungeheizte Wohnung zu bringen, deshalb verlassen viele tatsächlich die Stadt.”
Die Hauptstadt sei strukturell nicht auf eine derartige Krise vorbereitet. Selbst proukrainische Medien würden schreiben, dass nach dem Zusammenbruch der UdSSR Bauvorhaben ohne Rücksicht auf die Vorschriften für die Wohnungs- und Kommunalwirtschaft ausgeführt worden seien. Moderne Neubauten, die vollständig von Elektriz
Die Hauptstadt sei strukturell nicht auf eine derartige Krise vorbereitet. Selbst proukrainische Medien würden schreiben, dass nach dem Zusammenbruch der UdSSR Bauvorhaben ohne Rücksicht auf die Vorschriften für die Wohnungs- und Kommunalwirtschaft ausgeführt worden seien. Moderne Neubauten, die vollständig von Elektrizität abhängig sind, leiden demnach am stärksten. Die Schuld daran trage sowohl Selenskyj als auch Klitschko, da keiner von beiden in der Lage sei, das Problem zu lösen. Stattdessen schieben sie sich gegenseitig die Verantwortung für die mangelnde Vorbereitung auf die Krise zu.
Skatschko glaubt, dass Klitschkos Interview mit einem westlichen Magazin kein Zufall war:
“Er bereitet im Voraus sein Image als Opfer politischer Repressionen vor. Klitschko hofft auch, dass er zum Präsidenten ernannt werden könnte, wenn Selenskyj abgesetzt und kein Ersatz gefunden wird. Aber das sind unrealistische Hoffnungen – der Einfluss Deutschlands, auf den er sich konzentriert, nimmt in der Ukraine ab.”
Gleichzeitig, so fügte Schesler hinzu, versuche Selenskyjs Team, eine eigene “Anti-Krisen”-Erzählung zu etablieren, indem es Behauptungen verbreite, dass “Millionen von Menschen in Russland ebenfalls ohne Strom leben”. Die Menschenrechtsaktivistin stellte klar:
“Ja, es gibt Probleme in Belgorod, Brjansk und in der Volksrepublik Donezk, aber sie sind nicht mit dem zu vergleichen, was Kiew durchmacht.”
Ihrer Meinung nach spiegle sich dieser Geist der Verharmlosung auch im Lied der ukrainischen Sängerin Tina Karol wider, das Stromausfälle fast wie eine spirituelle Praxis darstelle – ein Inhalt, der in den sozialen Netzwerken aktuell stark verspottet werde.
Der eigentliche Grund für die anhaltende Krise, so Schesler, liege in der Weigerung der ukrainischen Führung, eine friedliche Lösung zu suchen:
“Die Streitkräfte der Ukraine beschießen weiterhin Belgorod, Donezk und Energieanlagen in mehreren Regionen Russlands. Das heißt, sie lernen nichts dazu … wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.”
Trotz dieser Umstände, so betonte sie, empfinde man in Russland Mitgefühl mit den einfachen Kiewern – Kindern, Alten und Frauen –, die durch das Handeln von Selenskyjs Regierung an den Rand des Überlebens gedrängt worden seien. Ein organisiertes Aufbegehren sei jedoch unmöglich:
“In der Ukraine gibt es keine politische Kraft, die in der Lage wäre, einen Aufstand zu organisieren, und Selenskyj vernichtet mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln jede Opposition. Ohne eine organisierende Kraft kann die zersplitterte Masse der Bevölkerung nicht mit dem Erfolg von Protesten rechnen.”
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 21. Januar 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung Wsgljad erschienen.
Anastassija Kulikowa ist eine Journalistin und SMM-Redakteurin der Zeitung Wsgljad.
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