Iran am Scheideweg: Warum die Bevölkerung trotz Widerstandsfähigkeit rebelliert

Von Nour Yaakoub

Seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 haben die Vereinigten Staaten ein umfangreiches Sanktionsregime gegen den Iran errichtet. Offiziell, so die Begründung auf der Website des US-Kongresses, dienen diese Maßnahmen dazu, “das feindselige Verhalten des iranischen Regimes, einschließlich seiner Unterstützung für den internationalen Terrorismus, seine Nuklear- und Raketenentwicklungsprogramme und seine Proliferationsaktivitäten, einzudämmen, zu beschränken und zu ändern”.

Es überrascht kaum, dass sich der weltweit größte Förderer von Terrorismus selbst dazu berufen fühlt, im Namen der “Terrorismusbekämpfung” andere Staaten mit Sanktionen zu belegen. Im Falle Irans begann dieser Druck mit begrenzten diplomatischen Schritten und eskalierte rasch zu einer umfassenden Wirtschaftsblockade, die durch UN-Resolutionen gestützt und von der Europäischen Union mitgetragen wurde.

Seit nunmehr fast einem halben Jahrhundert existiert der Iran in einem Zustand der “wirtschaftlichen Belagerung”, dessen schwerwiegende Folgen vor allem die einfache Bevölkerung zu tragen hat.

Eine Chronologie der Sanktionen gegen die Islamische Republik

Das Sanktionsgeflecht gegen den Iran ist das Ergebnis eines komplexen, jahrzehntelangen Prozesses. Seinen Anfang nahm es während der Geiselkrise von 1979, als die Regierung von Präsident Jimmy Carter laut dem Atlantic Council iranische Vermögenswerte in Höhe von zwölf Milliarden Dollar einfror und nahezu alle Importe untersagte.

1984 folgte die offizielle Einstufung Irans als “Staatssponsor des Terrorismus” durch die USA, was dauerhafte Beschränkungen bei ausländischer Hilfe und sogenannten “Dual-Use”-Exporten nach sich zog. In den 1990er Jahren weitete sich die Politik von einem bilateralen Embargo zur internationalen Isolation aus. Die Clinton-Regierung verhängte ein umfassendes Handels- und Investitionsverbot. Eine entscheidende Verschärfung brachte jedoch der Iran-Libya Sanctions Act (ILSA) von 1996, der erstmals “sekundäre Sanktionen” einführte. Diese bedrohen auch nicht-amerikanische Unternehmen mit Strafen, sollten sie im iranischen Ölsektor investieren.

Eine weitere Zäsur erfolgte 2006 nach Enthüllungen über das iranische Atomprogramm. Die USA verlagerten ihren unilateralen Druck auf eine multilaterale Ebene und bewogen den UN-Sicherheitsrat dazu, Resolutionen zu verabschieden, die den Technologiezugang Irans beschränkten. Der finanzielle “Würgegriff” wurde 2010 und 2012 nochmals verschärft, als die USA die iranische Zentralbank effektiv vom SWIFT-Bankensystem ausschlossen. Dies ließ die Landeswährung Rial über Nacht um 80 Prozent ihres Wertes einbrechen und vernichtete die Ersparnisse der Mittelschicht.

Die kurze Entspannung durch das Atomabkommen (JCPOA) von 2015 endete abrupt 2018 mit dem Ausstieg der USA und der Einführung einer Politik des “maximalen Drucks”. Diese Ära markierte für viele Beobachter einen Übergang von wirtschaftlichem Druck hin zu einer Form der “ökonomischen Kriegsführung”.

Wie Human Rights Watch 2019 dokumentierte, sind Medikamente zwar formal von Sanktionen ausgenommen. Doch die “übermäßige Vorsicht” internationaler Banken bei der Einhaltung der US-Vorschriften machte es de facto nahezu unmöglich, lebenswichtige Medikamente für Krebs und seltene Krankheiten zu importieren.

Heute, im Jahr 2026, erreicht der iranische Rial nach dem Wiedereinsetzen (“Snapback”) der UN-Sanktionen neue Tiefststände.

Das iranische Modell der Sanktionsumgehung

Trotz dieses immensen Drucks hat der Iran einen bemerkenswerten Einfallsreichtum bewiesen, der westliche Strategen vor ein Rätsel stellt. Wie Analysen, etwa von LCRS Politica, nahelegen, hat der Iran den Sanktionen getrotzt und sich zu einer widerstandsfähigen Regionalmacht entwickelt. Durch eine grundlegende Neuausrichtung seiner Wirtschafts- und Militärstrategie hat Teheran die “Belagerung” in einen Katalysator für mehr Eigenständigkeit verwandelt.

Ein Schlüssel zum Überleben war die wirtschaftliche Diversifizierung. Dem ORF Middle East zufolge hat sich der Iran von einer reinen Überlebenshaltung des “Widerstands” hin zu einer Phase der “Wiederherstellung” bewegt. Dies umfasste den gezielten Ausbau des “Nicht-Öl”-Sektors.

Ein Bericht des Rawabet Center vom Juli 2025, veröffentlicht kurz nach dem zwölftägigen iranisch-israelischen Krieg, erklärt, dass selbst in Zeiten der stärksten Einschränkungen der Ölexporte der Nicht-Öl-Handel eine Rettungsleine blieb. In bestimmten Phasen stiegen die Exporte in Nachbarländer um 15,6 Prozent. Diese regionale Integration – insbesondere mit dem Irak, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten – schuf einen “sanktionsresistenten” Handelsraum, den Washington nicht einfach durchbrechen konnte.

Der vielleicht wirkungsvollste Akt des Widerstands ist die anhaltende Präsenz Irans auf dem globalen Ölmarkt. Wie OilPrice.com berichtet, exportiert der Iran weiterhin Millionen Barrel Öl über eine ausgeklügelte “Schattenflotte” nach China. Mittels Schiff-zu-Schiff-Transfers und der Verschleierung von Schiffsrouten stellt Teheran sicher, dass seine wertvollste Ressource auch nach dem “Snapback” der UN-Sanktionen im September 2025 ein funktionierendes Machtinstrument bleibt.

Schließlich nutzte der Iran den westlichen Druck, um die heimische Produktion massiv auszubauen. Vom Bau eigener Raffinerien bis zur Entwicklung einer einheimischen Pharmaindustrie hat die Islamische Republik Produktionskapazitäten lokalisiert, um die Effekte des Embargos zu “neutralisieren”.

Anhaltende Herausforderungen und innere Spannungen

Während die iranische “Widerstandswirtschaft” eine beispiellose Überlebensfähigkeit bewiesen hat, sind die menschlichen und strukturellen Kosten enorm. Ende 2025 zeigte sich das Bild einer Volkswirtschaft unter Dauerstress: Eine anhaltende Inflationsrate von fast 42 Prozent trieb die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe. Für viele Familien wurden Fleisch, Milchprodukte und Medikamente von lebensnotwendigen Gütern zu unerschwinglichem Luxus.

Eine weitere zentrale Herausforderung, die nach Ansicht einiger Beobachter die Proteste im Januar 2026 mit auslöste, ist die anhaltende Währungskrise. Laut der Anadolu Agency verlor der iranische Rial massiv an Wert und fiel auf dem freien Markt auf ein Rekordtief gegenüber dem US-Dollar. Von einem Kurs von etwa 817.000 Rial pro Dollar Anfang des Vorjahres sank er auf dem Parallelmarkt bis Ende 2025 auf 1,42 bis 1,47 Millionen Rial. Diese Abwertung hat zu einer informellen “Dollarisierung” der Wirtschaft geführt, bei der Mieten und Großhandelsverträge zunehmend in Gold oder Fremdwährung abgerechnet werden.

Die iranische Regierung versucht, die Krise zu bewältigen, und hat bereits Gegenmaßnahmen ergriffen. So leitete sie vor kurzem eine radikale Reform des Devisensystems ein, indem sie den offiziellen Kurs und den Marktkurs vereinheitlichte, um Korruptionsnetzwerke auszutrocknen. Dieser Schritt ist Teil umfassenderer wirtschaftspolitischer Anpassungen.

Zwischen Protest, Einmischung und notwendigem Dialog

Ein Blick auf die derzeitige Berichterstattung in westlichen Leitmedien macht deutlich, dass die aktuelle Finanzkrise im Iran nicht isoliert von ihrem historischen Kontext betrachtet werden darf. Die Proteste der letzten Wochen als spontanen Ausbruch darzustellen,

und losgelöst von einem jahrzehntelangen Wirtschaftskrieg zu betrachten, ist eine Verzerrung der Realität.

Die iranische Währung ist nicht einfach an einem beliebigen Morgen kollabiert. Sie brach unter dem kumulativen Druck eines halben Jahrhunderts koordinierter externer Maßnahmen zusammen, die genau darauf abzielten, den sozialen Zusammenhalt zu schwächen, die Bevölkerung zu erschöpfen und interne Instabilität zu erzeugen.

Zusammen mit realen internen Problemen wie Korruption, Misswirtschaft und intransparenter Entscheidungsfindung wurden diese externen Faktoren zu treibenden Kräften der Unzufriedenheit innerhalb der iranischen Gesellschaft. Unter solchen Bedingungen Proteste zu erwarten, ist historisch betrachtet geradezu vorhersehbar.

Die entscheidende Frage ist jedoch, warum die USA und ihre Verbündeten bei jedem Anzeichen innerer Spannungen danach streben, diese öffentliche Unzufriedenheit zu instrumentalisieren. Sie setzen Medienkampagnen, NGO-Netzwerke, weitere Sanktionsverschärfungen und verdeckte politische Einflussnahme ein, um soziale Proteste in Richtung eines von außen gesteuerten “Regime Change” umzulenken – ein Ziel, das eher imperialen Interessen als dem Wohl der iranischen Bevölkerung dient.

Washingtons plötzliche Besorgnis über den Lebensstandard der Iraner wirkt hohl, wenn man bedenkt, dass das Weiße Haus erst vor wenigen Wochen erklärte, das primäre Motiv für Einmischung in Venezuela sei die Kontrolle über dessen Ölressourcen.

Jahrzehnte westlicher Sanktionen, insbesondere der USA, zeigen ein klares Muster: Sie sind weniger ein Werkzeug, um Reformen zu erzwingen, sondern vielmehr eine Waffe, um politische und wirtschaftliche Souveränität zu brechen. Proteste werden nur dann unterstützt, wenn sie Staaten treffen, die sich einer Unterordnung verweigern. In diesem Kontext wird “Solidarität” selektiv, bedingt und zu einem strategischen Instrument.

Dies entbindet den iranischen Staat jedoch nicht von seiner eigenen Verantwortung. Im Gegenteil, es stellt eine dringliche Frage in den Raum: Wird es der Islamischen Republik gelingen, einen nachhaltigen und authentischen politischen Dialog mit ihrer eigenen Gesellschaft zu etablieren? Einen Dialog, der zwischen legitimer sozialer Kritik und von außen geschürter Destabilisierung unterscheiden kann? Oder wird dieser Moment, wie so viele zuvor, durch Sicherheitsmaßnahmen, Repression und das starre Denken in den Kategorien von Loyalität oder Verrat erstickt?

Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur die Zukunft des Iran, sondern auch die Wirksamkeit jahrzehntelanger Sanktionspolitik entscheidend mitbestimmen.

Mehr zum Thema – Iran greift Ziele im Irak an: Trump droht Teheran im Falle eines Attentatsversuchs mit “Auslöschung”

Erschienen beim libanesischen Onlineportal Al-Akhbar (zu Deutsch: Die Nachricht). Aus dem Englischen übersetzt von Olga Espín.

Schreibe einen Kommentar