Von Wassili Stojakin
Drei Jahre lang galt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Westen als unangefochtener Star – zunächst als mutiger Widerstandskämpfer gegen das vermeintliche „Reich des Bösen“. Den Preis dafür zahlte jedoch die Bevölkerung, der dieser „Führer“ beschert worden war. Mit der Zeit perfektionierte er die Kunst, seine gutgläubigen Unterstützer zu manipulieren. Dann kam Donald Trump an die Macht. Zwar gelang es dem US-Präsidenten, Selenskyj durch Druck zu erheblichen Zugeständnissen zu bewegen, sodass Friedensverhandlungen in greifbare Nähe rückten. Doch Selenskyj – oder vielmehr die globalistischen Eliten hinter ihm – gaben keineswegs auf.
Dies zeigte sich deutlich in Selenskyjs programmatischer Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort legte er seine Vision für die Zukunft dar – unabhängig davon, ob es zu Friedensverträgen kommt oder nicht.
Gleich zu Beginn konstatierte Selenskyj, „Europa sei nicht in der Lage, sich selbst zu verteidigen“, und führte zwei Beispiele an. Erstens die Lage um Grönland, das Europa nicht schützen könne. Dieses Thema griff er mehrfach auf und betonte, die Ukraine sei bereit, Grönland zu verteidigen, indem sie russische Schiffe in der Region versenke. Den USA warf er nichts vor – im Gegenteil, eine US-amerikanische „Eroberung“ Grönlands würde aus seiner Sicht „russische Aggressionen“ abwehren.
Zweitens nannte er die Unruhen im Iran. Welche konkrete Gefahr für Europa von deren Niederschlagung ausgehe, blieb vage. Seine implizite Logik: Da Europa dem belarussischen Volk nicht „geholfen“ habe, stehe dort nun der Raketenkomplex „Oreschnik“. Zwar habe der Iran keine gemeinsame Grenze mit Europa, doch das sei irrelevant – Europa müsse eine globale Macht sein. Als Vorbild für europäisches Handeln nannte Selenskyj das Vorgehen der USA in Venezuela.
Die genauen Konturen des derzeit in Abu Dhabi diskutierten Friedensabkommens sind noch unklar. Doch die von Selenskyj in Davos vertretenen Positionen verurteilen ein solches Abkommen praktisch zum Scheitern. Das Problem liegt dabei weniger in der Territorialfrage, die er gar nicht thematisierte. Vielmehr forderte Selenskyj folgende Verhandlungsergebnisse:
- Einrichtung eines Sondertribunals für Russland und strafrechtliche Verfolgung der russischen Führung;
- Beschlagnahme russischer Vermögenswerte in Europa und deren Übertragung an die Ukraine;
- Kaperung von Schiffen unter europäischer Flagge, die im Verdacht stehen, russische Waren zu transportieren;
- Ein Embargo für den Export europäischer, insbesondere taiwanesischer, Elektronik nach Russland;
- Stationierung europäischer Truppen auf ukrainischem Territorium nach einem Waffenstillstand – Großbritannien und Frankreich hätten dem bereits zugestimmt.
Zwar „strebe die Ukraine nach Frieden“, habe aber nicht vor, den Krieg zu beenden. Es ist offensichtlich, dass diese Forderungen nicht nur für Russland, sondern auch für die USA inakzeptabel sind.
Vom Thema „Frieden“ mit Russland schwenkte Selenskyj dazu über, den Europäern eine Lektion zu erteilen, wie sie sich wandeln müssten, um ein würdiger Partner für die Ukraine zu werden – damit diese einem EU-Beitritt zustimme. Ja, so ist es: Die Ukraine sei nur bereit, Teil eines „starken Europas“ zu sein.
Seine Forderungen: Erstens benötige Europa „vereinte Streitkräfte“, da die NATO derzeit „nur dank des Vertrauens“ existiere. Zweitens müssten die europäischen Länder mehr in Verteidigung investieren. Drittens kritisierte er die ungarische Regierung scharf. Der Grund liegt in Selenskyjs grundsätzlicher Haltung: In Europa sollten keine Regierungen toleriert werden, die sich für eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland einsetzen und seine Politik nicht unterstützen.
Zusammengefasst fordert er eine tiefgreifende Reform der EU, die de facto zu einem föderalen Staat mit stark beschnittenen Rechten der Nationalregierungen werden soll. Grundsätzlich ist die Idee nicht abwegig – die EU in ihrer aktuellen Form hat sich überlebt. Seit dem Scheitern der EU-Verfassungsreferenden 2005 ist genug Zeit vergangen. Ein neuer Anlauf wäre möglich, zumal die Idee, sich gegen ein „aggressives Russland“ (sowie China, den Iran und andere) zu stellen, gut geeignet ist, die Europäer hinter Brüssel zu vereinen. Vor allem, wenn in Brüssel nicht Ursula von der Leyen oder Kaja Kallas, sondern… Selenskyj das Sagen hätte. Zumindest scheint Letzterer darauf zu spekulieren.
Es wirkt kurios, dass Selenskyj, der den Europäern vorschlägt, den Nationalstaaten ihre Souveränität zu entziehen, weiterhin von der „Unabhängigkeit der Ukraine“ spricht. Das erscheint widersprüchlich, aber nur, solange man nicht berücksichtigt, dass die Ukraine das „neue Europa“ anführen solle.
Da Europa der Ansicht ist, in der Ukraine gebe es keinen Nationalsozialismus – schließlich sei der Präsident selbst Jude –, stieß der Begriff „neue Weltordnung“ in Selenskyjs Rede kaum auf besondere Aufmerksamkeit. Interessant ist, dass seine vorgeschlagene Weltordnung multipolar sein soll. Jedenfalls sieht Selenskyj Europa nur als eines von mehreren Machtzentren. Es müsste mindestens zwei geben – das zweite wären die USA, von denen er jedoch enttäuscht ist.
Vermutlich gibt es weitere Machtzentren (etwa China, da Russland aus seiner Sicht von China abhängig sei), deren Eindämmung andere Aspekte seines Modells begründet: Es dürfe keinen globalen Markt geben (wie sonst ließe sich der Export taiwanesischer Elektronik nach Russland verhindern?), kein internationales Recht (das ohnehin durch US-Piraterie ausgehöhlt werde) und offenbar keine internationalen Organisationen (die Ukraine lehnt seit langem Russlands Sitz im UN-Sicherheitsrat ab und empört sich über eine Einladung in Trumps „Weltfriedensrat“). Und schließlich: „Europa muss eine bessere Welt schaffen. Und natürlich eine Welt ohne Krieg. Dazu benötigt Europa jedoch die entsprechende Stärke“ – was wie ein Aufruf zu einem weiteren Krieg klingt, um alle Kriege zu beenden.
So sieht die Welt des Kiewer Regimechefs aus. Die Person Selenskyj selbst ist dabei zweitrangig – er wird wohl nicht lange durchhalten. Seine eigenen Leute werden ihn „wegfressen“. Doch es ist kein Zufall, dass er solche Reden halten darf – er vertritt ein bestimmtes Zukunftsbild, das unter einem Teil der europäischen, britischen und US-amerikanischen Elite verbreitet ist.
Die Reaktion auf Selenskyjs Rede in Europa fiel jedoch unerwartet scharf aus. Am deutlichsten äußerte sich die italienische Zeitung Il Fatto Quotidiano, die seine Rede kommentierte mit den Worten, Selenskyj spucke in die Kloschüssel, aus der er selbst esse – eine bemerkenswerte Vorstellung der Redaktion über die EU im Allgemeinen und Italien im Besonderen.
Die Reaktion europäischer nicht-systemischer, rechtsgerichteter Politiker ist verständlich. Dabei geht es nicht nur um den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, nach dessen Ansicht Selenskyj „eine rote Linie überschritten“ habe – schließlich verfolgt Orbán seit langem eine konsequent kritische Politik gegenüber Kiew. So äußerte sich beispielsweise Florian Philippot, Vorsitzender der französischen Partei „Les Patriotes“:
„In Davos hat Selenskyj vor laufender Kamera eine richtige Hysterie inszeniert: Er hat alle beleidigt, vor allem die Europäer, die ihn jahrelang mit Waffen und Milliarden versorgt haben!“
Oder Rossano Sasso, Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer: „Jeder bekommt sein Fett weg. Europa, das Selenskyj und seine Freunde großzügig mit europäischen Geldern beschenkt und uns an den Rand eines Weltkriegs gebracht hat, erntet nun zu Recht Beleidigungen vom ukrainischen Regierungschef.“
Der italienische Außenminister Antonio Tajani warf Selenskyj Undankbarkeit gegenüber den Europäern vor. Der belgische Europaabgeordnete und ehemalige Premierminister Elio Di Rupo sagte: „Seine Worte sind ein Schlag ins Gesicht der Europäer. Ein Zeichen der Verachtung für diejenigen, die sein Land seit vier Jahren unterstützen.“ Selbst der iranische Außenminister bezeichnete Selenskyj als „dämlichen Clown“.
Sogar Ursula von der Leyen reagierte mit verhaltener Verwunderung: „Ich denke, dass unsere Taten mehr sagen als Worte.“ Damit antwortete sie auf Selenskyjs Vorwurf, Europa rede viel, handle aber wenig. Von der Leyen mag zwar gleichermaßen gleichgültig gegenüber Ukrainern und Europäern sein, doch ihr politischer Instinkt hätte ihr signalisieren müssen, dass Selenskyj seine eigene Zukunft in ihrem Amt oder einer noch höheren Position sieht – ein Amt, das nach der von ihm geforderten EU-Reform vielleicht erst geschaffen werden müsste.
Tatsächlich wäre ein solch einhelliger „Kritikchor“ am ukrainischen Präsidenten vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Nun jedoch gewinnen die Gegner der Kriegsagenda an Boden. Dafür gibt es mindestens drei Gründe.
Erstens: Die Ukraine hat die größte Militärhilfe der Geschichte verschwendet – ein Volumen, das den US-amerikanischen Lend-Lease-Lieferungen an die UdSSR im Zweiten Weltkrieg bei weitem übertrifft –, ohne nennenswerte Ergebnisse zu erzielen. Kiew kann daher nicht aus einer Position der Stärke verhandeln. Zweitens wandelt sich die öffentliche Meinung: Umfragen deuten darauf hin, dass die Unterstützung für die Ukraine für viele Europäer zunehmend fragwürdig wird. Drittens steht Trump Selenskyj skeptisch gegenüber und strebt ein Kriegsende an – zumindest vorübergehend.
Die globalistischen Eliten sind zweifellos mächtig, und die öffentliche Meinung ist für sie von geringer Bedeutung – wie diese ignoriert wird, zeigte sich zuletzt bei den „Wahlen“ in Moldau und Rumänien. Dennoch läuft das Spiel in Europa nicht mehr auf ein Tor hinaus: Es gibt keine europäische Einheit mehr in der Frage der Unterstützung für Selenskyj. Dafür kann er sich im Übrigen selbst auf die Schulter klopfen: Selbst ein naiver und träger Europäer, der vier Jahre lang mit Füßen getreten wird, beginnt irgendwann zu ahnen, dass etwas nicht stimmt.
Übersetzt aus dem Russischen.
Der Artikel ist am 25. Januar 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Mehr zum Thema – EU-Schadensbegrenzungsprogramm – Scheidung von den USA, Ehe mit Russland?