Amerikas Vasallen wehren sich: “Wir sind glücklich, aber keine Sklaven!

Von Wladimir Kornilow

Das Ende des Euroatlantismus ist in aller Munde. Während die Financial Times über “Die letzten Tage des Atlantismus” bilanziert und The Economist von “Europas fünf Phasen der Trauer” schreibt, kommt selbst der Guardian zu dem Schluss: “Die regelbasierte Welt existiert nicht mehr.” In dieser Debatte wird eine Rede zum zentralen Bezugspunkt: die Ansprache des kanadischen Ministerpräsidenten Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Von der New York Times als neuer “globaler politischer Star” gefeiert, wird Carneys Auftritt bereits mit Winston Churchills berühmter Fulton-Rede verglichen – als Wendepunkt zwischen zwei Epochen. Die kanadische Presse jubelt, ihr Land spiele plötzlich wieder eine Rolle bei der Gestaltung weltpolitischer Ereignisse. The Observer mahnt zwar zur Vorsicht, doch der Tenor ist klar: Die liberale Weltordnung, die in den letzten Jahren schwer erschüttert wurde, scheint in Carneys Worten neuen Halt und eine kämpferische Vision gefunden zu haben.

Doch in ihrem Eifer, einen Helden und eine neue Erzählung zu finden, übersehen die westlichen Kommentatoren das eigentlich Revolutionäre an Carneys Rede. Denn er verkündete nicht einfach den Tod der regelbasierten Ordnung. Er gestand ein, dass es sie in der idealisierten Form nie gegeben hat. Sein wörtliches Zitat:

“Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war. Dass die Stärksten sich ausnahmen, wenn es ihnen passte. Dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und dass internationales Recht je nach Identität des Beschuldigten oder des Opfers unterschiedlich streng angewandt wurde. Diese Fiktion war nützlich, und die US-amerikanische Hegemonie lieferte insbesondere öffentliche Güter.”

Genau diese Kritik führt Russland seit Jahren an. Man erinnere sich an Wladimir Putins Worte:

“Haben Sie jemals diese Regeln gesehen? Nein, weil sie niemand geschrieben und mit niemanden abgestimmt hat. Wie kann man denn von einer Ordnung sprechen, die auf Regeln basiert, die niemand gesehen hat? Aus rationaler Sicht ist es Unsinn. Doch das ist vorteilhaft für jene, die diese Herangehensweise propagieren.”

Was von russischer Seite lange als Heuchelei angeprangert wurde, präsentiert der kanadische Premier nun als schockierende neue Erkenntnis.

Der emotionalste Teil von Carneys Rede war sein Verweis auf Václav Havels Essay “Die Macht der Machtlosen”. Carney erinnerte an den Gemüsehändler, der ein Schild mit der Losung “Proletarier aller Länder, vereinigt euch!” in sein Fenster stellt, ohne daran zu glauben – einfach, um Ärger zu vermeiden. “Es ist an der Zeit, dass Unternehmen und Länder ihre Schilder entfernen”, rief Carney unter Beifall.

Die Ironie ist bitter: Die liberalen Eliten, die sich stets als Hüter von Freiheit und Wahrheit sahen, gestehen damit unfreiwillig ein, jahrzehntelang genau die Rolle von Havels angepassten Gemüsehändlern gespielt zu haben. Sie hingen die Schilder einer freiheitlichen Weltordnung auf, während das System im Kern auf Macht und Anpassung beruhte. Havel nannte dieses Verhalten eine “private Verkörperung des Prinzips des gesellschaftlichen Selbsttotalitarismus”.

Noch treffender wird der Vergleich, wenn man Havels Gedanken zu Ende denkt. Er schrieb, der Händler würde sich weigern, ein Schild mit der Aufschrift “Ich habe Angst, und leiste daher unbedingten Gehorsam” aufzuhängen, da dies seine Erniedrigung allzu offen bloßlegen würde. “Immerhin ist er ein Mensch und hat folglich ein Würdegefühl.”

Genau diese Demütigung fordert heute, so die Argumentation, Donald Trump von den transatlantischen Partnern ein. Die als “Daddy” betitelte Ansprache des NATO-Generalsekretärs an den US-Präsidenten wäre für Havels Gemüsehändler ein unerträgliches Schild gewesen. Der belgische Ministerpräsident Bart de Wever brachte diese gefühlte Erniedrigung in Davos auf den Punkt:

“Bisher hatten wir versucht, es dem Präsidenten im Weißen Haus recht zu machen. Doch heute werden so viele rote Linien überschritten, dass sich uns die Frage nach der Selbstachtung stellt: Es ist eine Sache, ein glücklicher Vasall zu sein, und eine andere, ein elender Sklave.”

Hier offenbart sich der wahre Kern der sogenannten regelbasierten Ordnung. Die liberale Welt gesteht nun selbst ein:

  1. Die oft beschworene regelbasierte Weltordnung war eine Fiktion.
  2. Das, was existierte, war im Wesentlichen ein Vasallensystem unter US-Führung.

Diese Einsicht wirft eine fundamentale Frage auf: Was bedeuten dann die Sanktionen gegen Russland, die mit der Verletzung genau dieser nicht-existierenden Regeln begründet wurden? Die offizielle Begründung entpuppt sich als hohl. Aus dieser Perspektive hat sich Russland nicht gegen Regeln aufgelehnt, sondern schlicht geweigert, ein “glücklicher Vasall” zu werden. Es verweigerte sich, das Schild der liberalen Hegemonie aufzuhängen, und bewahrte so – im Gegensatz zu vielen europäischen Staaten – seine politische Würde.

Nun, da sich die Vasallen zunehmend als “elende Sklaven” fühlen und erste Revolten proben, bleibt aus russischer Sicht nur, sie an Putins prophetische Frage aus dem Jahr 2015 zu erinnern: “Versteht ihr denn jetzt, was ihr getan habt?”

Ein Jahrzehnt später scheint ein langsames Erwachen einzusetzen. Die ideologische Revolte der Europäer bleibt jedoch ziellos und kraftlos, solange sie kein neues, überzeugendes Schild für ihr Schaufenster finden. Die Unterdrückung dieser aufkeimenden Rebellion durch die USA, so die implizite Warnung, könnte gnadenlos ausfallen.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei “RIA Nowosti” am 26. Januar 2025.

Wladimir Kornilow ist ein sowjetischer, ukrainischer und russischer Politologe, Geschichtswissenschaftler, Journalist, Schriftsteller und gesellschaftlicher Aktivist. Er ist der ehemalige Leiter der ukrainischen Filiale des Instituts der GUS-Staaten in Kiew und Leiter des Zentrums für Eurasische Studien in Den Haag. Nach seiner scharfen Kritik am Euromaidan musste er aus der Ukraine flüchten und arbeitet seit 2017 als Kolumnist bei “Rossija Sewodnja”. Er führt eine Telegram-Kolumne zu aktuellen politischen Themen.

Mehr zum Thema – Zunehmende Zerfallserscheinungen – NATO-Krise vertieft sich

Schreibe einen Kommentar