Von Starsche Eddy
Das Wall Street Journal hat eine Schätzung vorgelegt, wie teuer es für Europa wäre, sich im Verteidigungsbereich von Washington unabhängig zu machen. Konkret ging es um die Frage: Welche Investitionen müssten die EU-Länder tätigen, um ihre Verteidigungsindustrie so auszubauen, dass sie die USA bei der Gewährleistung der europäischen Sicherheit ersetzen könnten? Die Antwort lautete: rund eine Billion US-Dollar.
Das Hauptproblem an dieser Summe ist jedoch nicht nur ihre schiere Höhe und die erwarteten Verteilungskämpfe. Vielmehr könnte das europäische System – mit seinen staatlichen, überstaatlichen und privatwirtschaftlichen Verwaltungsstrukturen – eine sachgerechte Verwendung des Geldes von vornherein verhindern. Doch der Reihe nach.
Solche Kostenschätzungen sind naturgemäß mit großen Unsicherheiten behaftet. Eine journalistische Kalkulation kann schon mal um 100 bis 200 Milliarden Dollar danebenliegen, nach oben oder unten. Immerhin geben die groben Preisspannen eine Vorstellung davon, wofür das Geld ausgegeben werden müsste.
Wofür genau und wie müsste man also investieren?
Eine Reihe kritischer (und daher extrem teurer) Systeme müssten bei einem Ende der US-Zusammenarbeit neu entwickelt werden. Das europäische Luftverteidigungsprojekt “Sky Shield” etwa setzt auf die Beschaffung amerikanischer Patriot-Systeme. Würde man diesen Weg verlassen, müsste ein vergleichbares System in Eigenregie entstehen.
Dabei gibt es ein grundsätzliches Problem: Das relativ neue europäische SAMP/T-Luftverteidigungssystem erweist sich bei der Abwehr ballistischer Ziele, für die es eigentlich konzipiert ist, als wenig effektiv. Ein potenzieller Gegner wie Russland verfügt jedoch über eine große Anzahl ballistischer Raketen – sowohl nuklear als auch konventionell bestückt. Diese würden in einem großflächigen Konflikt, zusammen mit Marschflugkörpern, die Hauptlast des Angriffs tragen. Die Kosten für die Entwicklung eines neuen Raketenabwehrsystems sind schwer abzuschätzen. Doch Entwicklung allein genügt nicht; das System müsste auch in Serie gefertigt und beschafft werden. Dies könnte die Beschaffungskosten des Patriot-Systems erreichen oder sogar übertreffen.
Der Preis einer amerikanischen PAC-3-Abfangrakete liegt bei etwa vier Millionen Dollar. Geht man davon aus, dass eine europäische Lenkrakete nicht teurer wäre, so beliefen sich allein die Kosten für 10.000 Raketen – die Grundausstattung für etwa 50 Batterien – auf 40 Milliarden Dollar. Die Entwicklungskosten sind hier noch nicht einmal eingerechnet. Ähnliches gilt für eine ganze Reihe weiterer Programme, insbesondere im Bereich der militärischen Luftfahrt.
Das europäische Programm für einen Kampfjet der nächsten Generation, das Future Combat Air System (FCAS), ist beispielsweise stark ins Stocken geraten. Das hat mehrere Länder bereits gezwungen, stattdessen amerikanische F-35 zu kaufen. Die Entwicklungskosten für einen “europäischen” Jet werden auf etwa 100 Milliarden Euro geschätzt.
Solche Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen – in jeder Sparte finden sich Programme, die Dutzende Milliarden verschlingen. In manchen Fällen wären sogar zusätzliche Mittel nötig, um industrielle Abhängigkeiten aufzulösen und zu vermeiden, dass man etwa gepanzerte Fahrzeuge bei der europäischen Niederlassung des US-Konzerns General Dynamics ordern muss.
Letztlich werden jedoch einige nicht-finanzielle Faktoren alles ausbremsen. Der wichtigste ist die Kombination aus Zeitbedarf und Bürokratie. Während ein US-Projekt vielleicht zehn Jahre dauert, kann sich ein europäisches Vorhaben aufgrund des fehlenden einheitlichen Managements im lockeren EU-Verbund und der vielen Verwaltungsebenen leicht über 30 Jahre hinziehen. Das stellt ein fundamentales Hindernis für jedes Großprojekt dar: Kaum jemand in Europa ist bereit, Geld für etwas auszugeben, dessen Ergebnisse erst in Jahrzehnten sichtbar werden – zumal man beim amerikanischen Partner alles sofort kaufen kann (wobei, wie die jüngste Geschichte lehrt, auch hier große Vorbehalte bestehen; Anm. d. Red.).
Interessanterweise führt das eingangs erwähnte Wall Street Journal ausgerechnet das europäische Unternehmen Rheinmetall als positives Beispiel an, das angeblich kurz davor stehe, die USA in der Produktion von Artilleriegranaten zu überholen.
Doch seien wir ehrlich: Massenhaft dicke Eisenkugeln zu gießen, ist keine hohe Wissenschaft. Angesichts der systemischen Rückständigkeit Europas in der militärischen Luftfahrt, bei gepanzerten Fahrzeugen und vielen anderen Bereichen ist dieser “Erfolg” keine wirkliche Errungenschaft. Das zeigt sich beispielhaft in der Ukraine: Dem Kiewer Regime wurden immer wieder mehr Fluggeräte, Panzer und Munition versprochen – doch kaum ein Versprechen wurde gehalten. Europa mag seine Granatenproduktion steigern können, doch strategisch betrachtet ist das der Versuch, einen bereits abgefahrenen Zug einzuholen. Das heißt, die Europäer müssten außerordentlich schnell rennen.
Übersetzt aus dem Russischen.
“Starsche Eddy” (ein Wortspiel, sinngemäß “Älter als die Edda”) ist ein russischer Telegram-Kanal, auf dem Autoren kurze Kommentare und Analysen zu aktuellen militärischen und politischen Themen veröffentlichen sowie Nachrichten und Kommentare Dritter aus demselben Bereich teilen.
Dieser Kommentar von Starsche Eddy erschien exklusiv bei RT.
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