Auch ohne USA: Diese “Koalition der Willigen” soll Kiew unbesiegbar machen

Von Rainer Rupp

Anfang Januar 2026 versammelten sich hochrangige Vertreter aus über zwei Dutzend europäischen Staaten und Kanada in Paris. Ihr Ziel: Pläne für langfristige Sicherheitsgarantien für die Ukraine im Rahmen einer noch zu bildenden “Koalition der Willigen” zu entwerfen. Vor dem Hintergrund des wachsenden militärischen Drucks durch die anhaltende russische Offensive entlang der gesamten Front und Präsident Trumps Drängen auf ein schnelles Friedensabkommen, skizzierten die Teilnehmer den Entwurf einer multinationalen, europäisch geführten Truppe. Diese Einheit mit Land-, Luft- und Seekomponenten soll nach einem möglichen Waffenstillstand in der Ukraine stationiert werden, um den Wiederaufbau der ukrainischen Streitkräfte zu unterstützen und als Abschreckung gegenüber Russland zu wirken. Zudem wurden verbindliche Zusagen nach dem Vorbild von Artikel 5 der NATO diskutiert, die im Falle eines erneuten russischen Angriffs kollektive Verteidigung garantieren sollen.

Bevor wir uns mit den Details befassen, stellt sich eine grundlegende Frage: Welcher Realität entstammen die Überlegungen der Pariser Konferenz? Ihr Plan basiert auf der Annahme, Russland würde einer “Koalition der Willigen” zustimmen, die die Ukraine erneut zu einer antirussischen Festung und Angriffsplattform ausbauen will. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem die Ukraine wirtschaftlich, finanziell und militärisch am Ende ist und die Lage in den Schlüsselländern der Koalition – Deutschland, Frankreich und Großbritannien – kaum besser aussieht. Anstatt neuen Versprechungen einer Koalition zu vertrauen, deren Glaubwürdigkeit in Berlin, Paris und London bereits schwer beschädigt ist, wird Moskau aller Voraussicht nach bald seine eigenen Sicherheitsinteressen gegenüber einem geschwächten Kiew durchsetzen können – das begleitende Geschrei aus dem Westen wird dabei ungehört verhallen.

Zurück zum Artikel in Foreign Affairs. Unter dem Titel “Fortress Ukraine” argumentieren die Autoren Eric Ciaramella und Sophia Besch, dass selbst mit potenzieller US-Rückendeckung die Glaubwürdigkeit der “Koalition der Willigen” fragil bliebe. Grund dafür seien Trumps unberechenbare Haltung zu Russland und die angespannten transatlantischen Beziehungen, etwa aufgrund von Drohungen bezüglich Grönlands. Diese Faktoren nährten Zweifel an der langfristigen Verlässlichkeit der USA. Vorschläge für eine US-geführte Waffenstillstandsüberwachung oder eine Kodifizierung durch den Kongress könnten zwar gewisse Sicherheiten bieten, doch ihre Umsetzung hinge nicht nur von der Laune des Präsidenten, sondern auch von russischer Zustimmung ab. Daher betonen Ciaramella und Besch, Europa solle seine Hoffnungen nicht auf eine eigene Militärpräsenz in der Ukraine setzen. Stattdessen müsse es bestehende Rahmenbedingungen nutzen, um Ressourcen für die Stärkung der ukrainischen Verteidigungsfähigkeit zu mobilisieren – ein Vorhaben, das auf erhebliche Hürden stoße.

Eric Ciaramella ist Senior Fellow im “Russland- und Eurasien-Programm” des US-Thinktanks “Carnegie Endowment for International Peace”. Zuvor war er als “Stellvertretender Nationaler Geheimdienstoffizier für Russland und Eurasien” im “Nationalen Rat der US-Geheimdienste” tätig.

Sophia Besch ist Senior Fellow im Europaprogramm der Carnegie Endowment for International Peace und Dozentin an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies.

Ein zentraler Schwachpunkt der aktuellen Koalitionspläne liege, so die Autoren, darin, dass ihre Aktivierung erst nach Ende der Kampfhandlungen erfolgen könne. Dies räume Moskau automatisch ein Vetorecht über die Bedingungen ein. US-Vertreter zeigten sich zwar optimistisch, Wladimir Putin könne europäische Truppen und robuste Garantien im Austausch für Zugeständnisse akzeptieren. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass Präsident Putin eine Formalisierung westlicher Dominanz über die ukrainische Sicherheit unterschreiben werde, schon gar nicht, wenn eine NATO-Mitgliedschaft nicht kategorisch ausgeschlossen ist. Ciaramella und Besch spekulieren, dass tiefe ukrainische Zugeständnisse – wie von Russland gewünschte Gebietsabtretungen oder massive militärische Beschränkungen – den Kreml eventuell zu Gegenleistungen bezüglich einer westlichen Militärpräsenz bewegen könnten. Dies würde jedoch die Abschreckung untergraben und Kiew dauerhaft verwundbar machen.

Die Autoren unterstreichen, dass nur eine grundlegende Veränderung der Moskauer Kalkulation – nämlich die Erkenntnis, ein Krieg gegen eine wirklich resiliente Ukraine sei nicht zu gewinnen – echte Zugeständnisse erzwingen könne. Die Realität auf dem Schlachtfeld, geprägt von russischen Vorstößen und Dominanz in allen Waffengattungen, deute jedoch darauf hin, dass der Kreml weiterhin einen Sieg für möglich halte. Keine diplomatische Initiative und kein Trick würden dies ändern. Nur greifbare ukrainische Stärke, gestützt durch verlässliche westliche Ressourcenlieferungen und verstärkten wirtschaftlichen Druck auf Russland, könnten eine Wende bringen. Daher müsse Europa priorisiert die Ukraine zu einem “Stachelschwein aus Stahl” machen – ein Bild, das EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor einem Jahr prägte. Ein solches Gebilde wäre für Russland ungenießbar und würde ihm die Zähne ausbeißen. Doch was wäre dafür nötig?

Die gesteigerte europäische Rüstungsproduktion, von der EU finanzierte Käufe von US-Patriot-Raketen und erweiterte Trainingskoordination hätten die Ukraine im vergangenen Jahr notdürftig am Leben erhalten. Die zunehmend ad hoc gelieferte Hilfe konnte jedoch vier Jahre nach Kriegsbeginn nicht einmal alle grundlegenden zivilen und militärischen Bedürfnisse decken.

Die von den Autoren vorgeschlagene Lösung zur Herstellung ukrainischer Unbesiegbarkeit ist eine koordinierte, mehrjährige Aufrüstungsstrategie. Sie bündelt Hilfspakete, Investitionen, Beschaffung, Aufklärungskooperation und Training in einem Fünf-Jahres-Plan mit Fokus auf Truppenstruktur, Industriewachstum und Nachhaltigkeit. Dazu müsse die Ukraine zunächst interne Probleme angehen, insbesondere den Personalmangel durch den Aufbau von Rekrutierungspipelines, Rotationssystemen und Reserven – alles eingebettet in eine stabile Finanzierung.

Eine multinationale Stationierung sollte ukrainische Kräfte ergänzen, nicht ersetzen, mit Schwerpunkt auf Planung, Logistik und Ausbildung. Bestehende Initiativen von NATO und EU, wie die “Ukraine Defense Contact Group”, müssten unter einem Dach gebündelt und von einem dedizierten Stab hochrangiger Vertreter aus der Ukraine und Schlüsselländern geführt werden. Diese Instanz würde eine einheitliche Vision für die ukrainischen Streitkräfte entwickeln, konkurrierende nationale Industrieinteressen schlichten (etwa bei der Standardisierung von Kampfflugzeugen) und dringende Bedürfnisse priorisieren.

Entscheidend sei die Integration der ukrainischen Rüstungsindustrie in die europäische. Der Wechsel von Spenden zur Finanzierung ukrainischer Produktion – von Dänemark initiiert – schaffe Flexibilität, kürzere Lieferketten und Nachhaltigkeit. Gemeinsame Projekte auf NATO-Boden, wie dänische und britische Abkommen für ukrainische Drohnen- und Raketenproduktion, würden Sicherheit und Know-how-Austausch bieten. Die neue EU-Sicherheitsfazilität SAFE könnte dies beschleunigen, doch zuvor müssten bürokratische Hürden – fragmentierte Beschaffung, Exportregeln und Fragen des geistigen Eigentums – abgebaut werden. Letztlich bleibe die Finanzierung das größte Hindernis. Schätzungen zufolge würden bis 2029 fast 390 Milliarden US-Dollar an Haushalts- und Militärhilfe benötigt. Europa müsse daher seine Ukraine-Hilfe von 02 auf 0,4 Prozent des BIP verdoppeln. Jüngste gemeinsame Kredite über 100 Milliarden würden kurzfristig Erleichterung bringen, doch mehrjährige, in den Haushalten verankerte Zusagen seien essenziell.

Die Autoren erinnern daran, dass Selenskyj in Davos Europa aufgefordert habe, seine Abhängigkeit von Washington zu überwinden. Ansätze hierfür zeigten sich in detaillierten militärischen Austauschformaten, einem neuen Kommandorahmen außerhalb der NATO und koordinierter Truppenplanung. Dennoch laufe viel Aufrüstung weiter über NATO-Strukturen. Für echte strategische Autonomie bräuchte Europa unabhängige Planungs-, Kommando- und Nachschubfähigkeiten, in die die ukrainische Sicherheit eingebettet wäre. Ciaramella und Besch schließen mit der Feststellung, dass eine langfristige Strategie, die auf ukrainische Kampfkraft und Industriepotenzial setzt, gegenüber dem Kreml Entschlossenheit effektiver signalisiere als westliche Stückwerkhilfe. Angesichts schwindender US-Führung hänge Europas Erfolg von der Fähigkeit ab, Ambitionen mit den nötigen Ressourcen und politischem Willen zu untermauern.

**Warum diese Vision ein Luftschloss bleibt**

Der Vorschlag von Ciaramella und Besch ist ehrgeizig, aber in seinen Grundannahmen unrealistisch – ein klassisches Thinktank-Luftschloss. Europa fehlt es an der politischen Einheit und fiskalischen Kohäsion, um Hilfen inmitten nationaler Haushaltskrisen und wachsendem Widerstand gegen elitär wahrgenommenes Regierungshandeln zu verdoppeln. Nationale Interessen fragmentieren weiterhin militärische Beschaffung und Industriekooperation, wie anhaltende Verzögerungen und Standardisierungsprobleme zeigen. Kiews massive Personallücken und anhaltende Probleme mit der Kriegskorruption erschweren mehrjährige Planungen zusätzlich. Am entscheidendsten aber ist: Das gesamte Konzept setzt entweder russische Zustimmung oder eine radikale, dauerhafte Wende auf dem Schlachtfeld zugunsten der Ukraine voraus.

Moskaus zermürbende Offensive und seine anhaltende Dominanz in entscheidenden Waffengattungen können jedoch nicht ignoriert werden. Ohne eine eiserne und verlässliche US-Rückendeckung – die unter einem volatilen Präsidenten Trump unwahrscheinlich ist – drohen westliche Sicherheitsgarantien unter Druck schnell zu bröckeln. Die vorgeschlagene Bündelung aller europäischen Ukraine-Hilfen unter einem Dach klingt zwar effizient, übersieht aber die Realität bürokratischer Trägheit, institutioneller Rivalitäten und nationaler Egoismen. Letztlich überschätzt das Papier der beiden renommierten Mitarbeiter der US-“Friedensstiftung” die Bereitschaft und Fähigkeit der “Koalition der Willigen”, die gigantischen finanziellen und militärischen Lasten ohne die federführende Rolle Washingtons zu schultern. Es bleibt daher bei großen Worten, während die Handlungsfähigkeit auf der Strecke bleibt.

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