Eisige Kältewelle lässt Gaspreise in EU und USA explodieren

Von Olga Samofalowa

Eine anhaltende Kältewelle bringt die Energiemärkte in den USA und Europa unter Druck. In den Vereinigten Staaten stieg der Erdgaspreis erstmals seit 2022 auf über sechs US-Dollar pro Million British Thermal Units (MMBtu). Grund dafür sind massive Produktionsausfälle: Fast zehn Prozent der US-Erdgasförderung mussten eingestellt werden. Die Folge waren überlastete Stromnetze, ein beeinträchtigtes Transportsystem und tausende gestrichene Flüge.

Die Lieferungen an US-Flüssigerdgas (LNG)-Exportterminals fielen aufgrund winterlicher Schneestürme auf den niedrigsten Stand seit zwölf Monaten.

In Europa führte der starke Temperaturrückgang zu einer beschleunigten Entnahme aus den Untergrundspeichern. Ihr Füllstand sank auf 45,6 Prozent (laut Gas Infrastructure Europe) – etwa 15 Prozentpunkte unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Der aktuelle Verbrauch liegt vier Wochen vor dem üblichen Zeitplan. Die Großhandelspreise am europäischen Referenzmarkt TTF erreichten bereits 500 US-Dollar pro Tausend Kubikmeter. Da die Wetterdienste bis Ende Januar und auch für Februar Temperaturen unter dem klimatischen Mittel vorhersagen, könnte eine neue Kältewelle die Gaspreise weiter in die Höhe treiben.

In Russland meldet Gazprom unterdessen einen Rekordanstieg der Inlandsgaslieferungen aufgrund der Kälte. Dank staatlicher Regulierung bleiben die Preise dort stabil.

Igor Juschkow, Experte der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation und des Nationalen Energiesicherheitsfonds (NESF), kommentiert:

“In den USA ist ein starker Anstieg der Gaspreise zu verzeichnen. Vor Kurzem hatte der Preis noch bei 130, dann bei 150 US-Dollar gelegen, und jetzt ist er auf über 200 US-Dollar pro tausend Kubikmeter gestiegen. Aus europäischer Sicht ist das zwar nicht viel, aber nach US-Maßstäben ist das ein ziemlich starker Anstieg.”

Wladimir Tschernow, Analytiker bei Freedom Finance Global, warnt: “Die Risiken bestehen darin, dass teures Gas die Stromkosten erhöht, die Belastung der Stromnetze verstärkt und industrielle Verbraucher trifft. Für die USA bedeutet dies einen Anstieg des Inflationsdrucks und die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung lokaler Stromausfälle.”

Europa ist in hohem Maße auf US-LNG-Exporte angewiesen, während auf asiatischen Märkten auch andere große Lieferanten wie Australien und Katar aktiv sind. Ob die EU-Lieferungen betroffen sein werden, hängt von der Dauer des extremen Wetters in den USA ab. Der Markt geht derzeit nicht von einem lang anhaltenden Schneesturm aus.

Sergei Kaufman, Analytiker bei der Finanzgruppe Finam, erläutert: “Die Auswirkungen auf die US-amerikanischen LNG-Exporte werden hauptsächlich von der Dauer der ungünstigen Wetterbedingungen abhängen, jedoch werden sie voraussichtlich nur von begrenzter Dauer sein. Zuletzt gab es im Februar 2021 einen starken Wintersturm in den USA, der die LNG-Exporte im Februar um 30 Prozent reduzierte. Diese konnten sich jedoch recht schnell wieder normalisieren.”

Für US-Verbraucher könnte die Situation kurzfristig noch beherrschbar sein. Langfristig sieht es jedoch anders aus. Juschkow erklärt: “Sollten in den USA mehrere neue LNG-Exportanlagen gebaut werden, werden die Gaslieferanten beginnen, zwischen Export und Binnenmarkt zu manövrieren. Und selbst wenn es in den USA keine Schneestürme mehr gäbe, werden die Preise auf dem Binnenmarkt steigen und hoch bleiben, einfach weil eine Kältewelle über Europa hereinbricht. Sollten in einer solchen Situation die Gaspreise in Europa um 100 US-Dollar auf 500 US-Dollar steigen, wie es derzeit der Fall ist, würde dies auch in den USA zu einem Preisanstieg von 100 US-Dollar führen, da sonst das gesamte Gas auf die Außenmärkte gelangen würde. Die Preise würden hoch bleiben. Genau dazu führt die Entscheidung, eine große Anzahl von LNG-Anlagen in den USA bauen zu lassen.”

Europa erlebt derweil seine erste große Kälteperiode vollständig ohne russisches Pipelinegas. Da der LNG-Anteil an den EU-Gasimporten auf 45 Prozent gestiegen ist, muss der Kontinent nun verstärkt mit asiatischen Abnehmern um die verfügbaren Mengen konkurrieren. Früher konnte man bei Gazprom einfach mehr Gas ordern, ohne den Markt wesentlich zu beeinflussen. Heute muss dieser Wettbewerb über den Preis ausgetragen werden.

Juschkow sagt dazu:

“Zum Glück ist es in Asien derzeit nicht so kalt, sodass die Verbraucher dort noch nicht mit voller Kraft in den Wettlauf um Gaslieferungen eingestiegen sind. Sonst könnten die Preise noch weiter steigen.”

Aktuell kostet Gas in Europa bereits mehr als 500 US-Dollar pro Tausend Kubikmeter. Sollte das kalte Wetter im Februar und März anhalten, dürften die Importpreise weiter steigen. Die Speicher würden dann stärker geleert, und die Nachfrage der EU nach zusätzlichem LNG würde zunehmen.

Tschernow ist der Meinung: “Wenn die Kälte bis Ende Januar anhält und sich bis in den Februar hinein fortsetzt, könnten die Preise um weitere zehn bis 20 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau steigen, vor allem auf dem Spotmarkt. Die Strompreise werden aufgrund des hohen Anteils der Gaserzeugung ebenfalls steigen.”

Kaufman sagt:

“Die Lage in Europa ist zwar nicht komfortabel, aber noch nicht kritisch. Nach unseren Prognosen könnte die Füllung der Gasspeicher bis zum Ende der Heizperiode bei 22 bis 25 Prozent liegen, was den niedrigsten Stand seit 2018 darstellen würde. Dies treibt die Preise natürlich nach oben, und wir schließen nicht aus, dass sie bei kaltem Wetter auch im Februar 600 US-Dollar pro tausend Kubikmeter erreichen könnten, sich also den Höchstständen des letzten Jahres annähern würden.”

Juschkow weist auf ein langfristiges Problem hin: “Eine intensivere Entnahme von Gas aus den Untergrundspeichern erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Europäer die Heizperiode mit stark erschöpften Speicherbeständen beenden werden. Dies bedeutet, dass sie in den verbleibenden Monaten bis November 2026 nicht nur für den laufenden Verbrauch, sondern auch für die Befüllung der Speicher große Mengen an Gas einkaufen müssen. Damit bleiben die Gaspreise in der EU das ganze Jahr über auf einem hohen Niveau.”

Die größte Herausforderung für die EU ist ihre fast vollständige Abhängigkeit von LNG und dem volatilen Spotmarkt. Tschernow fügt abschließend hinzu: “Früher konnte man mit dem russischen Pipelinegas Wetterextreme ausgleichen und die Volatilität verringern. Heute reagiert der Markt empfindlicher auf Wetter, Logistik und die Lage außerhalb Europas. Es ist schwieriger geworden, Preisrisiken und Vorräte zu steuern. Jede Kälteperiode schlägt sich sofort in der Preisentwicklung nieder und erhöht den Druck auf Verbraucher und Haushalte.”

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 27. Januar 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.

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