Von Dagmar Henn
Es wirkt wie ein zwanghaftes Ritual. Es gibt da eine Kiste, gefüllt mit all den Dingen, die deutsche Politiker eigentlich niemals tun sollten. Seit einigen Jahren wird diese Kiste jedoch systematisch geleert, ihr Inhalt Stück für Stück hervorgeholt. Nach der Gleichschaltung der Medien und der Rückkehr zur Kriegsfähigkeit hat man schon tief gegraben. Und nun taucht sie wieder auf: die deutsche Atombombe. Oder genauer: die Gier danach.
Noch ist das Thema nicht offiziell auf der politischen Agenda angekommen, sondern wird von der Seite herangetragen. Man könne ja mal darüber diskutieren. Das tut nun Brigadegeneral Frank Pieper, der an der Führungsakademie der Bundeswehr angehende Generalstabsoffiziere ausbildet. Sein Argument? “Konventionell, das zeigt uns Putin jeden Tag in der Ukraine, werden wir ihn nicht abschrecken können – da lacht er drüber.”
Nun, die Welt kennt durchaus andere Mittel als militärische Abschreckung. Die Diplomatie zum Beispiel. Deren Existenz scheint in Westeuropa jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Aber Atombomben? Wie viele schweben dem Herrn General vor? Ist ihm bewusst, dass das dicht besiedelte Deutschland alles daran setzen sollte, einen nuklearen Schlagabtausch zu verhindern, anstatt sich einzubilden, mit Atomwaffen “abschrecken” zu können?
Da muss man noch nicht einmal das Fass mit den Hyperschallraketen aufmachen. Wenn es etwas gibt, das noch törichte wäre, als mit Taurus-Raketen auf russisches Gebiet zu schießen, dann wäre es, diese durch Atomraketen zu ersetzen. Und ja, es bliebe bei Raketen, denn die Zeiten, in denen der eigens dafür entwickelte Tornado feindliches Radar unbemerkt unterfliegen konnte, sind lange vorbei. Vielleicht sollte sich der Herr General erst einmal über die russische Luftabwehr informieren, anstatt nur über Nuklearsprengköpfe zu spekulieren… Das müsste ihm eigentlich liegen, begann er seine Karriere doch bei der Luftabwehr.
Das Bedenkliche daran ist sein Einfluss als Direktor der Führungsakademie. Und dass ihm sogleich mehrere der üblichen Verdächtigen beisprangen. Bereits vor einer Woche hatte ein Mitarbeiter einer Brüsseler Denkfabrik erklärt, die Lage im transatlantischen Verhältnis werde “eine neue Diskussion über die Frage, ob Deutschland eigene Atomwaffen anschaffen sollte” auslösen. Und siehe da, der Herr General liefert prompt nach. So sorgt man dafür, dass über eine Idee gesprochen wird, die eigentlich spätestens mit der Ratifizierung des Atomwaffensperrvertrags durch die Bundesrepublik 1974 erledigt sein sollte. Auch im Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 verzichtet Deutschland explizit auf Atomwaffen. Wobei in diesem Vertrag auch stand, von deutschem Boden werde nur Frieden ausgehen – und das… Nun ja, die deutsche Bereitschaft, sich an Verträge zu halten, war auch schon einmal höher.
Das Magazin Stern sinniert ausführlich darüber, welche Varianten denkbar wären. Kündigung des Atomwaffensperrvertrags? Oder, wie ein “Experte am International Institute for Strategic Studies” ausführt, eine Art Halbfertigprojekt, bei dem nur der Träger, nicht aber der Sprengkopf entwickelt wird?
Der Präsident der Bonner Bundesstiftung “Haus der Geschichte” jedenfalls will den “Nachkriegspazifismus” klar durch Vorkriegsmilitarismus ersetzen: “Militär, Machtpolitik, Geheimdienste – das alles wird abgelehnt. Das ist ein großes Problem.” Die Frage der Beschaffung von Atomwaffen sei eine Frage der “Existenz der Bundesrepublik”. Übrigens wird diese freundliche Person, eine Besoldungsgruppe B5, also zwischen 9.800 und 10.200 Euro im Monat, aus Steuergeldern bezahlt.
Einzig Carlo Masala äußert ausnahmsweise Bedenken und sieht in derartigen Überlegungen “die Büchse der Pandora”. Joschka Fischer wiederum, der langjährige Kriegstreiber, spricht sich nicht grundsätzlich gegen Atomwaffen aus, meint nur, das solle besser “europäisch” passieren. Vermutlich kann er sich nicht vorstellen, welche Alpträume allein der Gedanke an eine Ursula von der Leyen mit einem roten Knopf bei vernünftigeren Zeitgenossen auslösen würde. Europäisch ist derzeit meist noch aggressiver als deutsch allein…
Interessant ist, dass all diese Beiträge, die das Thema einer deutschen Atombombe lancieren, sogleich darauf hinweisen, dass es da eine Firma namens Urenco in Gronau gibt. Diese sei der zweitgrößte Hersteller von angereichertem Uran weltweit, gleich hinter Rosatom. Bisher produziert die Anlage nur bis zu sechs Prozent U-235-angereicherten Brennstoff für Kernkraftwerke, der vor allem in die USA geliefert wird.
Urenco Deutschland ist eine Tochter einer britischen Firma, die je zu einem Drittel der britischen und der niederländischen Regierung sowie E.ON und RWE für den deutschen Anteil gehört. Die Bundesregierung hat zwar noch Vetorechte bei der Mutterfirma, doch durch die Privatisierung der Stromversorgung gelangten die beiden Energiekonzerne in diese Position. Gehässig könnte man sagen, damit wäre die Vorstellung einer rein deutschen Bombe eigentlich vom Tisch, und es bliebe nur die europäische Variante, da weder Briten noch Niederländer ein Interesse an einem atomar aufgerüsteten Deutschland haben dürften.
Abgesehen von diesen Details wäre es wohl möglich, die dortigen Gaszentrifugen für eine höhere Anreicherung zu nutzen. Der Stern hat auch hierfür einen Experten parat, der erläutert: “wir wären innerhalb von drei Jahren in der Lage, eine Atombombe zu bauen”. Und dann vorrechnet: “Bei der genehmigten Anreicherungskapazität in Gronau könnte man jährlich rund 17 Tonnen waffenfähiges Uran herstellen. Das wäre die 340-fache kritische Masse, also rund 340 Sprengköpfe.”
Das ist gruselige Lektüre. Doch es geht noch einen Schritt weiter. Denn waffenfähiges Uran liegt in Deutschland bereits herum; der Forschungsreaktor in Garching wird mit 95-prozentigem Uran-235 betrieben, auch wenn er seit 2020 stillsteht. Das Material ist gewissermaßen fertig und müsste nur noch “eingedost” werden. Besonders bizarr ist die Lieferquelle – sie heißt nämlich Russland. Die USA weigerten sich damals, als der Reaktor errichtet wurde, waffenfähiges Uran an Deutschland zu liefern.
Weil man also eingesehen hat, dass man konventionell nichts ausrichten kann und den Russlandfeldzug fast absagen müsste, denkt man jetzt über deutsche Atombomben nach? Als ließe sich der eklatante Mangel an Souveränität, der im Schweigen zu den Nord-Stream-Anschlägen zutage trat, mit ein paar Dutzend Kilo Uran-235 heilen; als wäre die politische Klasse nicht nach wie vor dieselbe Zwergentruppe, derselbe Haufen vernunftbefreiter Russland-Hasser. Klar, in den letzten Jahren wurde stets die Nummer mit der Wunderwaffe gezogen, warum also nicht auch für Deutschland und nicht nur für die Ukraine?
Vor dem Hintergrund, dass gerade wieder ein US-Flugzeugträger im Nahen Osten kreuzt – was die USA unter anderem mit dem Atomprogramm des Iran begründen –, ist das besonders zynisch. Angesichts des Verhaltens deutscher Regierungen in den letzten Jahren muss man anmerken, dass eine religiöse Fatwa, die die Herstellung von Atomwaffen verbietet, für den Iran vermutlich bindender ist als ein ganzer Aktenschrank völkerrechtlicher Verträge für Deutschland. Immerhin bräuchte es gegen Deutschland keinen Flugzeugträger; dafür gibt es ja Landstuhl.
Wobei es da natürlich noch die alte Feindstaatenklausel gibt. Diese könnte durchaus bedeuten, dass die Vereinigten Staaten, mit oder ohne Donald Trump, freundlich lächelnd zur Seite sch
Wobei es da natürlich noch die alte Feindstaatenklausel gibt. Diese könnte durchaus bedeuten, dass die Vereinigten Staaten, mit oder ohne Donald Trump, freundlich lächelnd zur Seite schauen dürften, wenn, sagen wir einmal, Gronau und Garching Besuch von Herrn Oreschnik erhielten. Ganz abgesehen von der Schauervorstellung einer atomar bewaffneten Flintenuschi: Würde man weltweit eine Umfrage abhalten, welches Land auf keinen Fall Atomwaffen haben sollte, gäbe es mit Sicherheit einen klaren Spitzenreiter. Und der heißt, leider immer noch oder vielleicht schon wieder, Deutschland.
Nein, Israel kann diese Liste nicht anführen. Das Land besitzt bereits Atomwaffen. Und fährt sie in U-Booten herum. Die, das sollte man bei der Gelegenheit nicht vergessen, aus – Deutschland stammen. Von denen gerade mal wieder welche gebaut werden.
Eigentlich muss man darauf hoffen, dass diese nun begonnene Debatte möglichst laut geführt wird. Mit viel Schwung. Und unter Beteiligung vieler Politiker. Wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann etwa. Oder Roderich Kiesewetter. Damit es auch der letzte Hinterwäldler mitbekommt. Denn eines ist klar: Bei deutschen Atomwaffen wäre für viele auf diesem Planeten Schluss mit lustig. Und bei Weitem nicht nur für die Russen. Wenn es schon in Deutschland nicht genug Widerstand gibt, um die Lust an solchen Überlegungen auszutreiben, vielleicht gibt es ja ausnahmsweise so etwas wie eine “internationale Gemeinschaft”, die dann das Schlimmste verhindert.
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