Von Astrid Sigena
Unmittelbar vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag lud das Körber-Forum zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Die Bundeswehr im Baltikum: Einsatz mit Verantwortung“. Im Zentrum stand die Frage, inwieweit die deutsche NS-Verbrechen in der Region die gegenwärtige Stationierung einer Bundeswehrbrigade in Litauen überschatten.
Als militärischer Vertreter war der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, anwesend. Freuding, der sich ohnehin nicht durch besondere rhetorische Brillanz auszeichnet, hielt sich auffallend zurück und beschränkte sich weitgehend auf einstudierte Floskeln. Dies wurde besonders ab Minute 17 in der Diskussion um den Traditionserlass deutlich. Seine Zurückhaltung war nachvollziehbar, war der ranghöchste Heeresoffizier doch zuletzt von Skandalen umgeben – von den Eskapaden der Fallschirmjäger in Zweibrücken bis zur umstrittenen Fackelfeier bei einem Appell in Litauen. Eine authentischere Note zeigte Freuding erst ab Minute 43, als er – möglicherweise aus persönlicher Betroffenheit – von einer Bedrohungslage durch Ballons während eines Litauen-Besuchs berichtete.
Die inhaltliche Führung des Abends übernahmen daher vorrangig die anderen Teilnehmer: die Moderatorinnen der Körber-Stiftung, Gabriele Woidelko und Alisa Vogt, sowie der zweite Gast, Lorenz Hemicker, Redakteur bei FAZ.net und sicherheitspolitischer Experte. An diesem Abend stand jedoch weniger seine journalistische Expertise im Vordergrund, sondern seine Rolle als Enkel eines SS-Täters. Hemicker hatte kürzlich das Buch „Mein Großvater, der Täter“ veröffentlicht, in dem er die Geschichte seines Großvaters Ernst Hemicker nachzeichnet, der an den Massenerschießungen im Wald von Rumbula 1941 beteiligt war. Die späte juristische Aufarbeitung endete mit dem Tod des Angeklagten vor Urteilsverkündung.
Besondere Fürsorge erfuhr der Enkel durch Moderatorin Gabriele Woidelko. In betulichem Ton sprach sie mit Hemicker über das Familientrauma, das Leid (Minute 8), das über die Familie hereinbrach, als sie durch eine unerwartete Anklageschrift von den Verbrechen des Patriarchen erfuhr. Sie lobte Hemickers Recherche als „sehr mutig“ (Stunde 1, Minute 17), ein Kompliment, das er mit geschmeichelter Bescheidenheit zurückwies (Stunde 1, Minute 23).
Die Diskussion kreiste stark um die Befindlichkeiten der Familie Hemicker. Das Leid der Opfer seines Großvaters – der ermordeten Juden und der russischen Kriegsgefangenen, die die Gruben mit bloßen Händen schaufeln mussten – trat dabei in den Hintergrund. Sie wurden nur zweimal erwähnt: einmal im Zusammenhang mit Hemickers Unsicherheit, wie Überlebende ihn als Enkel eines SS-Mannes empfangen würden (Minute 49), und ein zweites Mal, als er einen bevorstehenden Besuch bei einem hochbetagten Überlebenden im Baltikum ankündigte (Stunde 1, Minute 13).
Zur Beteiligung von Balten an NS-Verbrechen äußerte Hemicker (Minute 34), man müsse verstehen, dass sich die Balten derzeit „auf einer ganz anderen Stufe der nationalen Findungsphase“ befänden – eine recht herablassende Erklärung für den wahrgenommenen Unwillen, sich mit der dunklen Seite der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Woidelko pflichtete ihm bei und verwies auf die „doppelte Besatzungserfahrung“ der Balten. Für Hemicker sei es sogar „nachvollziehbar“, dass angesichts der jüngeren sowjetischen Besatzung und der aktuellen russischen Bedrohung die deutsche Besatzung „als das kleinere Übel“ empfunden werde (Minute 36).
Hemicker betonte gerne, sein Großvater sei ein „Jedermann“ gewesen. Dies mag als anthropologische Banalität gemeint sein, um auszudrücken, dass jeder Mensch zum Guten wie zum Bösen fähig ist. Es wirkt jedoch dreist, wenn damit die individuelle Schuld des Ahnen in eine neue Form deutscher Kollektivschuld umgedeutet werden soll (Minute 51: „…weil es ein Mensch war, wie wir auch. Wir sind unter günstigeren Voraussetzungen groß geworden.“). Einen „Jedermann“ kann man jedoch kaum einen Mann nennen, der 1931 in die NSDAP und 1933 in die SS eintrat. Die treffendere Bezeichnung wäre: ein überzeugter Nationalsozialist. Anders als bei manchen zwangsrekrutierten Jugendlichen gegen Kriegsende war dieser Beitritt bewusst und freiwillig.
Das Baltikum, in dem sein Großvater wirkte, übt auf Lorenz Hemicker offenbar eine große Anziehungskraft aus: Er ist ein glühender Befürworter der Brigade Litauen. Seiner Argumentation nach schützt diese nicht nur das Baltikum vor einer angeblichen russischen Bedrohung, sondern gleich „unser aller Freiheit“ (Minute 54). Für die Akzeptanz der Brigade hält er es für wichtig, dass auch die Familien der Soldaten nach Litauen ziehen. Zwar lägen deren neue Wohnorte im Konfliktfall bedrohlich nahe an Belarus, aber es gebe „ja immer eine gewisse Vorwarnzeit“, wie Hemicker verharmlosend anmerkte (Minute 54).
Gabriele Woidelko wiederum geriet ins Schwärmen, wenn sie die angebliche Zuneigung der Litauer zur Panzerbrigade 45 beschrieb. „Bemerkenswert“ (Minute 10), ja fast ein historisches Wunder (Minute 57) sei es angesichts der NS-Vergangenheit, dass die Deutschen wieder im Baltikum präsent seien und dass am Rathaus von Vilnius ein Zitat von Bundeskanzler Merz prange: „Die Sicherheit Litauens ist unsere Sicherheit. Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin.“
Was sie unerwähnt ließ: Das litauische Establishment kommt vergleichsweise günstig dabei weg – eine bronzene Gedenktafel für wenige tausend Euro im Tausch gegen die Bereitschaft deutscher Soldaten, im Ernstfall ihr Leben zu riskieren, sollte die russophobe Elite Litauens die Brigade in einen Konflikt mit Russland hineinmanövrieren. Welch günstige Konstellation, dass sich die Deutschen aufgrund ihrer NS-Vergangenheit so leicht unter Druck setzen lassen! Und wie dankbar diese Deutschen dafür sind, einmal nicht als Nazis beschimpft, sondern herzlich willkommen geheißen zu werden!
In der Diskussion wurde auch deutlich, dass man bezüglich der Brigade Litauen eine Instrumentalisierung der deutschen NS-Verbrechen (Minute 41 und 46) oder aktueller rechtsextremer Vorfälle in der Bundeswehr (Minute 21) durch „russische Propaganda“ fürchtet. Dass auch Russen als Opfer des NS-Rassenwahns diese Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen können, dieser Gedanke kam den Diskutanten nicht. Ebenso besorgt verwies man auf eine Falschmeldung von 2017 über eine angebliche Vergewaltigung einer litauischen Minderjährigen durch deutsche Soldaten (Minute 41).
Auch die beträchtliche russischsprachige Minderheit in Estland und Lettland wurde thematisiert. Hemicker mahnte, die Balten sollten es mit Maßnahmen gegen diese Minderheit nicht übertreiben – sonst könnten russische Medien dies aufgreifen: „Wo die baltischen Staaten, der eine mehr, der andere weniger – glaube ich – aufpassen müssen, ist mit Extremismus, Nationalismus, weil Gewalt und Extremismus gegenüber Russischsprachigen natürlich die absolute Flanke ist für russische Propaganda.“ (Stunde 1, Minute 9). Ein unbeabsichtigter Hinweis darauf, dass nur eine aufmerksame russische Berichterstattung die Russen im Baltikum vor weiterer Repression schützen könnte.
An diesem Donnerstag wird die Brigade Litauen weiter aufgerüstet: In einem feierlichen Appell in Veitshöchheim unterstellt die Bundeswehr der Panzerbrigade 45 zwei weitere Kampftruppenbataillone. Damit ist ein weiterer Schritt auf einem Weg getan, der in eine gefährliche Eskalation mündkönnte. Nein, die im Baltikum stationierten Soldaten sind keine Nationalsozialisten in Bundeswehruniform – allen Skandalen zum Trotz. Es wäre unzulässige Propaganda, das zu behaupten. Und doch scheint bei der Stationierung in Litauen ein unheimlicher Wiederholungszwang zu walten – diesmal nicht im Namen des Nationalsozialismus, sondern im verzweifelten Versuch, dessen belastendes Erbe endlich loszuwerden.
Wenn der Abend bei der Körber-Stiftung eines verdeutlicht hat, dann dies: Wie sehr Teile der meinungsbildenden Elite immer noch – oder vielleicht: mehr denn je – danach lechzen, von anderen Völkern eine Absolution für eine sie weiterhin belastende historische Schuld zu erhalten. Unter dieser Prämisse tritt dann die unzureichende Aufarbeitung der eigenen Rolle an NS-Verbrechen durch baltische Staaten oder die erneute Verfolgung von Minderheiten in den Hintergrund. Solange deutsche Führungsschichten die NS-Vergangenheit auf diese Weise zu bewältigen hoffen, machen sie sich manipulierbar. Im Fall der Brigade Litauen sind sie sogar bereit, ihre eigenen Landsleute – die Bundeswehrsoldaten und deren Familien – als potenzielle Opfer für die Anerkennung durch russophobe baltische Eliten in Kauf zu nehmen. Es ist der Versuch einer Befreiung vom Schuldtrauma, der auf Kosten anderer und um jeden Preis erkauft wird.
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