Trump’s “America First” wird zur globalen Gefahr: Experte warnt vor neuen Konflikten

Von Dmitri Trenin

Die strategische Ausrichtung der USA unter der Trump-Administration nimmt Gestalt an. Nach der Veröffentlichung der Nationalen Sicherheitsstrategie Ende 2025 liegt nun auch die Nationale Verteidigungsstrategie des Pentagons vor. Lediglich die Neufassung der Nuklearstrategie (“Nuclear Posture Review”) steht noch aus. Während viele Beobachter die Sicherheitsstrategie als revolutionär bezeichneten, fielen die Reaktionen in Russland verhaltener, teilweise sogar zustimmend aus. Die Verteidigungsstrategie vertieft diese Linie, formuliert sie jedoch in einigen Punkten, etwa gegenüber Russland, etwas gemäßigter. Auffallend an beiden Dokumenten ist ihr unverblümter, fast schon zynischer Ton. Die übliche moralische Verpackung ist weitgehend verschwunden. Diese neue Klarheit mag unbequem sein, ist aber durchaus nützlich für die Analyse.

Die neue Pentagon-Strategie bricht offen mit der außenpolitischen Philosophie der vergangenen Jahrzehnte. Konzepte wie die “regelbasierte Weltordnung” oder der missionarische Liberalismus des “Nation-Building” durch Regimewechsel werden de facto verworfen. Diese mit Trumps politischen Gegnern assoziierten Doktrinen gelten als gescheitert, da sie zu endlosen, zermürbenden Kriegen wie dem in Afghanistan führten. Washington zeigt hier keine Reue, sondern zieht eine pragmatische Bilanz: Der Versuch, andere Gesellschaften nach amerikanischem Vorbild umzugestalten, war zu kostspielig und zu unzuverlässig.

Diese Abkehr hat eine grundlegendere Konsequenz. Die USA erkennen implizit an, dass sie in einer multipolaren Welt keine universelle Kontrolle mehr ausüben können. Daher müssen Ressourcen konzentriert und Verpflichtungen priorisiert werden. Verbündete dürfen nicht länger wie abhängige Schützlinge verwöhnt werden. Von ihnen wird erwartet, dass sie mehr bezahlen, mehr leisten und im Gegenzug weniger politische Autonomie fordern. Im Kern rationalisiert Washington sein globales Engagement.

Gleichzeitig ist diese Strategie keineswegs pazifistisch. Ihr Leitprinzip bleibt die Bewahrung der militärischen Überlegenheit der USA. Frieden ist aus dieser Sicht nur “aus einer Position der Stärke” heraus möglich. Ideologische Begriffe wie “Demokratie” oder “der Westen” werden weitgehend vermieden und durch nüchterne Konzepte wie Macht, Interessen und Zwang ersetzt. Die USA ziehen sich nicht in den Isolationismus zurück, ihr Interventionismus wandelt sich nur. Große Besatzungsarmeen und langwierige Stabilisierungsmissionen sind “out”; kurze, technologisch intensive Angriffe sind “in”. Wirtschaftlicher Druck und Sanktionen bleiben legitime Instrumente, ebenso wie selektive Gewalt. Der Begriff “Regimewechsel” mag rhetorisch aufgegeben sein, die Praxis, unfreundliche Regierungen gewaltsam zu schwächen oder zu stürzen, bleibt bestehen.

Trumps Amerika akzeptiert die Existenz anderer Machtzentren wie China und Russland. Dies ist jedoch keine Anerkennung der Gleichberechtigung, sondern eine Forderung, dass diese Mächte die US-Überlegenheit anerkennen und sich “verantwortungsbewusst” – also innerhalb der von Washington gesetzten Grenzen – verhalten. Dies ist Trumps Version der Multipolarität: Koexistenz, aber zu amerikanischen Bedingungen.

Oberste Priorität hat die Verteidigung des Heimatlandes und die Kontrolle über die westliche Hemisphäre. Die Sicherheit des amerikanischen Kontinents wird als untrennbar mit dem nationalen Überleben der USA verbunden betrachtet. Trumps aktualisierte Monroe-Doktrin strebt die Wiederherstellung einer nahezu absoluten militärischen Dominanz auf dem Doppelkontinent an. Der Einfluss von Nicht-Regionalmächten, insbesondere Chinas, soll eingeschränkt werden. Strategische Knotenpunkte wie der Panamakanal, der Golf von Mexiko und Grönland werden als kritische Vermögenswerte behandelt. Der US-Druck auf Dänemark und die EU zur Sicherung der strategischen Kontrolle über Grönland, verbunden mit Raketenabwehr und militärischer Positionierung in der Arktis, folgt dieser Logik.

Die zweite Priorität ist der indopazifische Raum und die Eindämmung Chinas. Washington will verhindern, dass Peking die regionale Vorherrschaft erlangt, insbesondere durch die Kontrolle über Taiwan und den Zugang zur sogenannten ersten Inselkette. Zwar ist von der Vermeidung direkter Konfrontation die Rede, doch bestehen die USA darauf, dass Verhandlungen mit China nur “aus einer Position der überwältigenden Stärke” heraus geführt werden können. Militärische Aufrüstung, die Stärkung von Verbündeten und “Einschüchterung” gelten als wesentliche Mittel der Abschreckung.

Die dritte Priorität ist die Umgestaltung der Allianzbeziehungen. Westeuropa, dessen relative Bedeutung als rückläufig angesehen wird, soll einen deutlich höheren Anteil der Verteidigungskosten tragen, möglicherweise bis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im Gegenzug erhalten die Verbündeten keine strategische Autonomie; von ihnen wird erwartet, die US-Politik – insbesondere gegenüber China – mitzutragen und amerikanische Waffensysteme zu kaufen. Die NATO bleibt bestehen, doch ihre exklusive Rolle in der US-Strategie wird verwässert. Washington strebt ein eher transaktionales, geschäftsorientiertes Bündnissystem an.

Russlands Rolle in der Strategie ist im Vergleich zu früheren Jahren weniger prominent. Es wird nicht mehr als direkte, existenzielle Bedrohung für die USA selbst dargestellt, sondern eher als “beständige” Herausforderung, vor allem für die östlichen NATO-Mitglieder. Daraus lässt sich schließen, dass die europäischen Verbündeten die Hauptlast im Umgang mit Russland tragen sollen, während die USA eine unterstützende Rolle übernehmen. Washingtons Hauptgegner ist eindeutig die Volksrepublik China.

Die Strategie geht kaum auf strategische Stabilität mit Russland ein. Mit dem Auslaufen des New-START-Vertrags ist die Zukunft der Rüstungskontrolle ungewiss. Die USA scheinen Handlungsfreiheit bei der Modernisierung ihres strategischen Arsenals zu bevorzugen. Dies ist ein bedeutendes Signal: Die Architektur, die jahrzehntelang die nukleare Stabilität garantierte, bröckelt.

Für Russland ergeben sich daraus mehrere Schlussfolgerungen. Erstens: Die USA unter Trump werden auf absehbare Zeit ein geopolitischer Gegner bleiben, unabhängig von taktischen Vereinbarungen, auch in Bezug auf die Ukraine. Hoffnungen auf einen umfassenden Deal oder ein “neues Jalta” sind unrealistisch. Eine Zusammenarbeit mag in Einzelfragen möglich sein, doch die Rivalität bleibt die strukturelle Norm.

Zweitens sollte der Niedergang der USA nicht übertrieben werden. Washington verfügt nach wie vor über enorme militärische, technologische und finanzielle Macht. Trumps Strategie ist der Versuch, diesen relativen Niedergang aufzuhalten und umzukehren, indem der eigene Kernbereich gefestigt und Ressourcen gegen den Hauptkonkurrenten China konzentriert werden. Ob dieser Versuch gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Innenpolitischer Widerstand und extreme Polarisierung könnten die Kontinuität untergraben. Auch künftige Wahlergebnisse werden eine Rolle spielen.

Drittens bleibt die nukleare Abschreckung das Fundament der russischen Sicherheitspolitik. Da die Rüstungskontrollregime schwächer werden, müssen die Glaubwürdigkeit und Überlebensfähigkeit der russischen Abschreckung gestärkt werden. Gleichzeitig hängt die Sicherheit Russlands nicht nur vom äußeren Gleichgewicht, sondern auch von innerer Stabilität und Zusammenhalt ab. Politische Übergangsphasen schaffen Schwachstellen, die Gegner ausnutzen könnten.

Die “Distanzierung” der USA von Europa verringert die Konfrontation auf dem Kontinent nicht. Westeuropa steht Russland heute feindseliger gegenüber als jemals zuvor in den letzten Jahrzehnten. Moskau muss seine Strategie der militärischen und geopolitischenAbschreckung gegenüber den europäischen NATO-Mitgliedern, einschließlich der nuklearen Komponente, konsequent beibehalten. Die vertiefte sicherheitspolitische Integration mit Belarus gewinnt in diesem Kontext zusätzlich an Bedeutung.

In der Arktis könnten die gestiegenen US-Ambitionen direkt mit den vitalen Interessen Russlands kollidieren. Moskau wird seine Verteidigungsinfrastruktur im Norden weiter ausbauen und die Kontrolle über die Nordostpassage als prioritäres Ziel verfolgen müssen. Global betrachtet wird die militärisch-technische Partnerschaft mit China für die strategische Position Russlands in Eurasien immer wichtiger. Im Nahen Osten trägt die Zusammenarbeit mit Peking, die auch die Unterstützung der Fähigkeiten des Iran einschließt, dazu bei, ein Gegengewicht zum US-Druck zu bilden. Die politische und wirtschaftliche Unterstützung für Staaten wie Kuba oder Venezuela folgt derselben Logik der Schaffung von Gegenpolen.

Das Gesamtbild ist eindeutig: Die neue US-Verteidigungsstrategie zielt nicht auf einen Rückzug, sondern auf eine Konsolidierung und strategische Neugewichtung. Sie skizziert eine selektivere, unverhohlener auf militärische Stärke setzende Version der US-Hegemonie. Für Russland bedeutet dies eine längere Phase struktureller Rivalität, die nur von begrenzter pragmatischer Zusammenarbeit unterbrochen wird. Die Abhängigkeit von Abschreckungsmaßnahmen wird anhalten. Um in dieser neuen Phase der US-Strategie bestehen zu können, sind innere Resilienz sowie der Ausbau tieferer Partnerschaften außerhalb des westlichen Blocks unerlässlich.

Dieser Artikel wurde erstmals in der russischen Zeitschrift Profile (Профиль) veröffentlicht und vom RT-Team übersetzt und redigiert. Die deutsche Fassung basiert auf der Übersetzung ins Englische.

Dmitri Trenin ist Forschungsprofessor an der Higher School of Economics und leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen. Er ist außerdem Mitglied des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten (RIAC, russisch: RSMD).

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