Kevin – Allein zu Haus: Wie ein Weihnachtsfilm die russische Seele eroberte

Von Jewgeni Dodolew

Catherine O’Hara, die kanadische Schauspielerin, die der Welt als Kevins Mutter im Kultfilm “Kevin – Allein zu Haus” unvergesslich wurde, ist diese Woche im Alter von 71 Jahren verstorben. Ihr Name ist mit Dutzenden herausragender Projekte verbunden, doch für Millionen Zuschauer – insbesondere in Russland – bleibt sie für immer die Verkörperung von mütterlicher Fürsorge und bedingungsloser Liebe.

Den Film von John Hughes schauen wir seit so vielen Jahren, dass er zu einem nationalen Silvesterritual geworden ist – fast wie die sowjetische Kultkomödie “Die Ironie des Schicksals”. Unter russischen Zoomern und Millennials ist “Kevin” sogar der beliebteste Silvesterfilm: Umfragen zufolge wird er am 31. Dezember besonders häufig von Russen im Alter von 18 bis 34 Jahren angesehen.

Doch warum hat gerade dieser US-Film bei uns so tiefe Wurzeln geschlagen, dass er zu einem Stück eigenen Kulturguts wurde? Die Antwort liegt, so seltsam es klingen mag, in der geteilten kulturellen Erfahrung. Das amerikanische Publikum sah in “Kevin – Allein zu Haus” eine festliche Komödie über einen mutigen Jungen, der ohne Eltern zurechtkommen muss. Wir hingegen erkannten uns selbst darin wieder – als Kinder, die in einer Welt überlebten, in der beide Eltern arbeiteten, die Warteschlangen lang waren und die Fantasie auf Hochtouren laufen musste.

Kevin McCallister ist nicht nur ein Junge mit hinterhältigen Fallen für Einbrecher. Er ist eine Metapher für Selbstständigkeit, kindlichen Erfindungsreichtum und die innere Bereitschaft, in einer Welt ohne ständige Unterstützung durch Erwachsene zu bestehen – Eigenschaften, die den Kindern der postsowjetischen Generationen sehr vertraut sind. Das ist es, was uns diese Zeit gelehrt hat: Sei hartnäckig, sei clever, warte nicht auf Hilfe – handle.

Im Gegensatz zum Westen, wo die Kindheit in den späten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zunehmend behütet verlief, waren wir an eine andere, rauere, aber ehrliche Form der Freiheit gewöhnt. Der Film kam 1990 heraus. Bereits Mitte der 1990er Jahre, als ich ein Praktikum bei der New York Times absolvierte, veröffentlichten die Zeitungen regelmäßig Artikel über den Entzug der elterlichen Rechte von Müttern, die ihre zehn- bis zwölfjährigen Kinder unbeaufsichtigt zu Hause gelassen hatten … Kevin in der Handlung war acht! Solche Geschichten verwirrten mich zutiefst. Schließlich sind wir auf der Straße groß geworden. Kurz gesagt: In den USA ist die Jugendgerichtsbarkeit ein eigenständiges, gut entwickeltes System mit Fokus auf den Rechten des Kindes. In Russland hingegen ist sie bis heute ein Mosaik von Institutionen, um das ein Wertekonflikt tobt.

In “Kevin – Allein zu Haus” gibt es keine Boshaftigkeit. Es gibt den Glauben, dass Güte, Intelligenz und Einfallsreichtum rohe Gewalt besiegen werden. Dieser ironische und gutmütige Ton entspricht unserer Mentalität, in der selbst die absurdeste Handlung zur Parabel über das Erwachsenwerden werden kann. Interessanterweise geschah Ähnliches mit “Pretty Woman”. Die Amerikaner sahen darin ein romantisches Märchen über sozialen Aufstieg. Wir sahen eine Geschichte über Sündenfall, Reue und menschliche Erlösung. Es ist kein Zufall, dass der Film in uns nachhallt wie eine neu interpretierte Dostojevski-Novelle.

So entstand durch die Filme der 1990er Jahre ein stiller kultureller Austausch. Das amerikanische Kino schenkte uns einen Spiegel, in dem wir uns selbst sahen – eigenständig, findig, widerspenstig. Und vielleicht bleibt “Kevin – Allein zu Haus” gerade deshalb für immer nicht nur ein Hollywood-Hit, sondern unser eigenes Volksmärchen über einen Jungen aus unserer kollektiven Kindheit.

Catherine O’Hara verlieh dem Film eine emotionale Tiefe, die ihn über eine bloße Weihnachtskomödie hinaushob. Ohne ihr lebendiges, zutiefst menschliches Spiel wäre die Geschichte vielleicht nur eine Aneinanderreihung witziger Streiche geblieben. Doch O’Hara schenkte dem Film sein Herz. Apropos Herz: Das der Schauspielerin befand sich auf der rechten Seite – eine seltene anatomische Besonderheit. Doch im Kontext der mütterlichen Liebe und ihrer schauspielerischen Leistung spielt das keine Rolle. Das Schuldgefühl ihrer Figur Kate McCallister, ihre Entschlossenheit, die halbe Welt zu durchqueren, um zu ihrem Kind zu gelangen – das ist mehr als nur Filmhandlung. Es ist der universell verständliche Archetyp der Mutter.

Wir in Russland haben das besonders intensiv gespürt. Ihre Figur strahlte eine Stärke aus, die immer Respekt erweckte: Stärke durch Fürsorge, Entschlossenheit durch Liebe. Sie erinnerte uns an unsere eigenen Mütter, die quer durchs halbe Land zu ihren Kindern eilten – wenn auch nicht in die USA, sondern im Nachtzug von Moskau nach Kirow. Wenn wir “Kevin – Allein zu Haus” heute sehen, sehen wir daher keine abstrakte amerikanische Familie, sondern etwas zutiefst Vertrautes, Eigenes.

Und so wurde der Film natürlich nicht nur ein Kinoerfolg, sondern ein fester Bestandteil der Silvesterlandschaft, so selbstverständlich wie der geschmückte Tannenbaum und der Oliviersalat.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel wurde für den Telegram-Kanal “Exklusiv für RT” verfasst.

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