Flo Osrainik: Hendrik, in Berlin gibt es zwei Journalisten, die seit sechs Jahren eine gedruckte Wochenzeitung mit dem Namen „Demokratischer Widerstand“, kurz DW, herausgeben. Sie brachten sie an Kioske, in Läden und Tankstellen und zeigten damit offensiv, dass es sehr wohl eine außerparlamentarische Opposition gegen den Corona- und Kriegswahn gibt. Einer dieser Journalisten heißt Hendrik Sodenkamp, der andere Anselm Lenz. Auch ich habe gelegentlich für den DW geschrieben. Nun habt ihr mit dem DW eine Pause eingelegt. Warum?
Hendrik Sodenkamp: Sechs Jahre lang jede Woche eine neue Ausgabe unter ziemlich harten Bedingungen zu produzieren, hat uns viel abverlangt. Wir hatten zwölf Kontokündigungen, vor der Wohnung meines Kollegen Anselm Lenz fuhr jahrelang mehrmals täglich eine Polizeistreife vorbei – angeblich „nur zu seinem Schutz“ – und wir wurden inhaftiert. Diese Zeitung, die 2020 aus einem Flugblatt entstand, das wir bei den maßnahmenkritischen Spaziergängen am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz verteilten, haben wir knapp sechs Jahre lang durchgezogen – ohne Urlaub, ohne Pause. Um weitermachen zu können, mussten wir diese Pause ausrufen, um die Zeitung auf eine neue Stufe zu heben.
Flo Osrainik: Nicht nur das, ihr hattet auch mit Gerichtsverfahren gegen Jens Spahn zu kämpfen, habt viel riskiert, um ein Zeichen gegen Nancy Faesers illegales Vorgehen – konkret gegen das Magazin Compact – zu setzen, und euch mit Straßenprotesten gegen Corona- und diverse Kriegsmaßnahmen engagiert. Ist der Fortbestand des „Demokratischen Widerstands“ nun in Gefahr oder wie ist der aktuelle Stand?
Hendrik Sodenkamp: Zunächst zur Compact-Nummer: Unsere damalige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hielt es für angemessen, Maschinengewehrtruppen in die Redaktionsräume eines unliebsamen Pressemediums zu schicken. Man kann von Compact halten, was man will – was die Bundesregierung dort abzog, war ein direkter Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Darum sprangen wir ein und veröffentlichten sämtliche Inhalte der damals verbotenen Compact-August-Ausgabe unter dem Namen Die Näncy. Es ging auch darum, die Haltlosigkeit der vermeintlichen Rechtsgrundlage für das Verbot vorzuführen: Kein Text der Ausgabe stand auf dem Index, kein Autor hatte ein offizielles Berufsverbot. Dennoch sollte „es“ illegal sein. Hier sollte ein neues Mittel des Obrigkeitsstaates eingeführt werden, um unliebsame Stimmen zum Verschwinden zu bringen. Als wir die Veröffentlichung bekanntgaben, wurden wir umgehend von Polizisten umzingelt, unsere Personalien wurden aufgenommen und der Verfassungsschutz ermittelte gegen uns. Dass die Bundesregierung nicht viel von Grundrechten hält, war uns seit Corona bekannt. Aber uns war wichtig, dass Solidarität für andere Journalisten nicht bei symbolischen Unmutsbekundungen bleibt.
Bekanntlich hob das Bundesverwaltungsgericht das Verbot gegen Compact auf – der abenteuerliche Rechtsweg, ein oppositionelles Medium zu einem Verein zu erklären und dann zu verbieten, blieb jedoch bestehen. Das schwebt nun über jedem Medienbetrieb, der wirkungsvoll gegen die Regierungspolitik anschreibt. Und ja: Auch über unserer Zeitung schwebt dieses Damoklesschwert, insofern sind wir in Gefahr. Der Verfassungsschutz führt den Demokratischen Widerstand in seinen Berichten – ebenfalls als Verein, den man dann einfach verbieten kann. Das hat reale Konsequenzen. Die ehemalige Krankenschwester Sabrina Kollmorgen, die sich öffentlich gegen Corona-Maßnahmen geäußert hatte, wurde aus ihrem neuen Job im Bundestag gefeuert. Die Begründung von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU): Sie hatte unserer Zeitung ein Interview gegeben und galt daher als politisch „unzuverlässig“. Als ich das las, war ich fassungslos. Dass Menschen entlassen werden, weil sie mit mir sprechen, war mir neu.
Ehrlich gesagt: Ich bin Journalist, Zeitungsmacher und Verleger. Vor Corona habe ich Theater gemacht, erfolgreich. Ich war die rechte Hand des einflussreichen Theaterdramaturgen Carl Hegemann, habe mit Herbert Fritsch und anderen gearbeitet. Ich sehe es nicht ein, dass ich, weil ich seit sechs Jahren konsequent für die Republik einspringe – also dafür, dass alle Stimmen gehört werden können –, zu einer Art Dunkelmann gemacht werde, mit dem man nicht sprechen darf. Dass ich eine Zeitung mache, die nicht genannt werden darf, weil dann die Staatsmacht kommt.
Wir machen eine gedruckte Wochenzeitung. Jeder liest sie heimlich, aber niemand nennt sie. Aus Angst vor dem Staat. Wenn man aufgrund dieses Drucks nie in anderen Medien auftaucht, nie zitiert wird, wird es schwer, die Kosten zu stemmen. Dann wird es schwer, sich nicht – wie alle anderen – ins Internet zu verflüchtigen. Sie, Herr Osrainik, sind eine Ausnahme. Dafür bin ich dankbar. Pardon, dass ich so ausgeholt habe. Aber mir platzt da langsam der Kragen.
Flo Osrainik: Dass wir in einem neuen Totalitarismus angekommen sind, wo Werte wie Freiheit und Solidarität ins Gegenteil verkehrt werden, sollte mittlerweile jedem kritischen Geist klar sein. Wir befinden uns in einem ungleichen Informationskrieg, mit Zensur, Einschüchterung und Spaltung. Zur Meinungsfreiheit gehört es, unbequeme Wahrheiten abzubilden – das ist die eigentliche Aufgabe. Der DW hat dabei gerne mal übertrieben, zugespitzt oder provoziert. Was würde sich ändern, wenn die Zeitung auf eine „neue Stufe“ gehoben wird? Was wäre nötig?
Hendrik Sodenkamp: Dass wir uns in einem andauernden Kriegszustand befänden, ist die Ansage unserer Regierungen. 2020 der Krieg gegen ein Virus, ab 2022 der Krieg gegen Putin. Jeder, der dagegen schreibt, soll ein Agent des Feindes sein. Diese Rolle als Kombattant nehme ich nicht an. Ich bin Journalist, ich bin Zivilist und genieße dementsprechende Rechte. So einfach ist das.
Kürzlich sagte mir ein Autor der Berliner Zeitung: „Demokratischer Widerstand, ihr bietet zu viel Angriffsfläche. Ich mache das geschickter. Ich bin nicht angreifbar.“ Wo sind wir da gelandet? Ich mache eine Zeitung, drucke kritische Stimmen ab. Ich sitze nicht im Schützengraben, wo jede falsche Bewegung einen Kopfschuss bedeutet. Sich als Journalist mit so einer Rolle abzufinden, ist falsch. Es gilt weiterhin: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.
Das bedeutet auch, die uns angebotenen Frontlinien nicht anzunehmen. Ob ich mich als Trans, als Rechter oder als Urchrist definiere, ist eine private Lifestyle-Entscheidung und politisch irrelevant. Die Maschine läuft weiter – derzeit auf vollem Weltkriegskurs. Das ist auch das Verdienst unserer Zeitung und der neuen Friedensbewegung: keine identitäre Bewegung zu sein, sich nicht über „Wer-bin-ich“-Fragen zu definieren, sondern ein klares Nein zu formulieren. Unter Corona saß ich in einer freikirchlichen Gemeinde neben einem Fetischparty-Veranstalter, einer Kosmetikerin, einem Gebrauchtwagenhändler und einem marxistischen Professor. Da ging es nicht um Selbstdefinition, sondern darum, Widerstand auf die Straße zu bringen. Genau das ist richtig, und da machen wir weiter.
Die Zeitung entstand aus einem Flugblatt. 2020, bei den Spaziergängen am Rosa-Luxemburg-Platz, war an öffentliches Reden nicht zu denken. Wir verteilten Zeitungsstapel aus Taxifenstern. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir größere Auflagen als die Bild am Sonntag. Wir waren beiden riesigen Demonstrationen in Berlin dabei, bei den Montagsspaziergängen. Ich wüsste nicht, welche Zeitung so eine Historie hat wie unsere. Das ist ein echtes Wunder. Diese Demonstrationen für Aufklärung und Frieden gibt es seit über sechs Jahren. Für uns bedeutete das, jede Woche eine neue Ausgabe zu machen – das entspricht wöchentlich einem 80-seitigen Buch. Ein harter Rhythmus.
Wir wollten eine gedruckte Zeitung, weil 2020 klar wurde: Das Internet ist kein Ort der freien Aushandlung, sondern eine Öffentlichkeit in der Hand weniger Konzerne, die Shadow-Banning betreiben und Seiten abschalten. Die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg wurde zu einer Art Internet-Zensurbehörde. Da war es für uns nicht schlüssig, den nächsten Online-Blog zu starten. Das fällt uns nun auf die Füße. Derzeit bauen wir unsere Online-Kanäle aus – mit Videos und Artikeln. Nach langem Widerstand haben wir es an die Kioske in ganz Deutschland geschafft. All das wollen wir ausbauen. Da es derzeit nicht nach den nächsten riesigen Demonstrationswellen aussieht, sammeln wir 1.000 neue Abos ein, um die Zeitung fortsetzen zu können.
Flo Osrainik: Wir sollten also um jede Kraft und Stimme, die sich medial gegen diesen totalitären Irrsinn und für Grundrechte, Vernunft und Frieden einsetzt, solidarischer zeigen, weil es an Unterstützung mangelt? Und zum Schluss: Wie viele Abos fehlen euch noch?
Hendrik Sodenkamp: Mir geht es darum, dass Qualitäten wahrgenommen werden und die Geschichte der vergangenen Jahre vollständig erzählt wird – und das geht ohne diese gigantische Protestbewegung und ohne unsere Zeitung nicht. Die Frage ist: Ist es von Vorteil, dass es neben vielen Digitalangeboten auch eine neue gedruckte Wochenzeitung gibt, die konsequent an Aufarbeitung, Frieden und demokratischer Verständigung festhält? Wenn die Antwort „Ja“ lautet, dann willkommen bei uns! Derzeit haben wir gut die Hälfte der angestrebten Abos erreicht. Es ergibt also Sinn, aktiv zu werden. Ganz einfach: demokratischerwiderstand.de.
Flo Osrainik: Ich danke für das Gespräch.
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