Von Geworg Mirsajan
Ende Januar reiste der britische Premierminister Keir Starmer nach China, um wirtschaftliche und politische Vorteile aus dem „Reich der Mitte“ zu ziehen. Doch welche Bilanz bleibt nach diesem Besuch tatsächlich – ein Gewinn oder eher neue Herausforderungen?
Die zentrale Aufgabe für Starmer bestand darin, eine Balance zu finden. Großbritannien ist kein ausgesprochen chinesafreundliches Land. Es ist Mitglied des antichinesischen Militärpakts AUKUS, und das sogenannte goldene Zeitalter der bilateralen Beziehungen endete bereits Ende der 2010er Jahre. Damals warf Peking London Einmischung in innere Angelegenheiten vor – insbesondere bezüglich Hongkongs –, während in Großbritannien die Jagd auf mutmaßliche chinesische Spione begann.
Höhepunkte dieser Spannungen waren der Ausschluss des Unternehmens Huawei aus den Netzen der nächsten Generation sowie der Skandal um Pekings Pläne für einen neuen, riesigen Botschaftskomplex im Zentrum Londons. Das dafür bereits erworbene Grundstück liegt genau über unterirdischen Glasfaserkabeln, die Londons Finanzzentren verbinden. Seit 2018 hing die Baugenehmigung in der Schwebe – und seitdem hatte auch kein britischer Premierminister mehr China besucht.
Auf der anderen Seite ist China eine Wirtschaftssupermacht und einer der größten Handelspartner Großbritanniens. London kann es sich nicht leisten, die Beziehungen zu diesem Land zu ignorieren.
Starmer betonte:
„Was außerhalb unserer Grenzen geschieht, wirkt sich auf alles aus, was zu Hause geschieht: angefangen bei den Preisen für Waren in Supermärkten bis hin zu unserem Sicherheitsniveau.“
So machte er sich auf den Weg, um die Beziehungen zu Peking zu verbessern, und brachte als diplomatisches Geschenk die lang erwartete Baugenehmigung für die chinesische Botschaft mit.
Im Gegenzug erhielt er eine Reihe wirtschaftlicher Zugeständnisse – wenn auch keine bahnbrechenden. So führte China nach dem Besuch visumfreies Reisen für britische Geschäfts- und Touristenreisende ein. Dies ist keine Besonderheit, denn die Volksrepublik hat solche Vereinbarungen bereits mit über fünfzig Ländern getroffen, darunter Russland, Deutschland, Italien und sogar das politisch distanzierte Japan.
Darüber hinaus senkte China die Zölle auf schottischen Whisky von zehn auf fünf Prozent. Beide Seiten vereinbarten zudem, „die Möglichkeit einer Vertiefung der Zusammenarbeit in Wirtschaft, Handel sowie im Waren- und Dienstleistungsverkehr weiter zu prüfen“ – für Großbritannien als weltweit zweitgrößtem Exporteur von Dienstleistungen (Rechts-, Finanz- und Gesundheitswesen) ein wichtiges Signal.
China sagte außerdem Unterstützung bei der Bekämpfung des Schmuggels von Waren und Menschen zu. Fast die Hälfte der Außenbordmotoren für die kleinen Boote, mit denen Schleuser den Ärmelkanal überqueren, stammt aus chinesischer Produktion. London will nun mit chinesischen Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten, „einschließlich des Austauschs von Geheimdienstinformationen zur Aufdeckung der Versorgungswege der Schmuggler und der direkten Zusammenarbeit mit chinesischen Herstellern“, wie es auf der Website der britischen Regierung heißt.
Schließlich hob China Sanktionen gegen sechs Mitglieder des britischen Parlaments auf, die 2021 aufgrund ihres Engagements in der Uiguren-Frage verhängt worden waren. Die Betroffenen selbst zeigten sich davon unbeeindruckt. Sie erklärten:
„Wir würden lieber auf unbestimmte Zeit unter Sanktionen bleiben, als zuzulassen, dass unser Status als Trumpfkarte genutzt wird, um die Aufhebung der britischen Sanktionen gegen Beamte zu rechtfertigen, die für den Völkermord in Xinjiang verantwortlich sind.“
Die Kritik am Besuch beschränkte sich nicht auf sie. Auch die oppositionellen Konservativen übten scharfe Kritik an Starmer, unter anderem wegen unangemessener Kontakte.
Die Vorsitzende der Konservativen Partei, Kemi Badenoch, sagte:
„Wir wissen, dass wir uns gegen die Missbräuche seitens Chinas wehren müssen. Und es beunruhigt mich, dass wir derzeit eine Regierung haben, die offenbar Angst vor China hat.“
Ihrer Meinung nach „sollten wir mehr mit den Ländern kommunizieren, deren Interessen mit unseren übereinstimmen, und nicht mit denen, die alles tun, um unsere Wirtschaft zu untergraben“.
Starmers Auftreten wurde ebenfalls kritisiert.
Chris Philp, ein führender Konservativer, behauptete:
„Keir Starmer ist nach Peking gereist, um sich vor Präsident Xi Jinping zu verbeugen, in der Hoffnung, ein paar wirtschaftliche Krümel vom Tisch des Präsidenten zu ergattern. Um seine katastrophale Wirtschaftspolitik zu kompensieren, opfert er unsere nationale Sicherheit.“
Die britische Tageszeitung Daily Mail bezeichnete das Ergebnis des Besuchs als „Kapitulation in Peking“.
Starmer selbst bestreitet dies natürlich. Er sieht sein Vorgehen als diplomatischen Balanceakt. Der Premierminister sagte:
„In Fragen, die China betreffen, macht es keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Es liegt in unserem Interesse, zusammenzuarbeiten und keine Kompromisse in Fragen der nationalen Sicherheit einzugehen.“
Seinen Angaben zufolge habe er in den mehr als einstündigen Gesprächen mit Xi Jinping auch Menschenrechtsthemen angesprochen – das Schicksal der uigurischen Minderheit sowie den Fall des britischen Staatsbürgers Jimmy Lai (Lai Chee-Ying), der in China wegen Anstiftung zu Unruhen in Hongkong verurteilt wurde. Starmer erklärte:
„Einer der Gründe für dieses Gespräch war der Wunsch, sicherzustellen, dass wir nicht nur die vorhandenen Möglichkeiten nutzen können, sondern auch eine reife Diskussion über Fragen führen können, in denen wir unterschiedlicher Meinung sind.“
Doch bald muss er sich nicht nur heimischer, sondern auch transatlantischer Kritik stellen. US-Präsident Donald Trump zeigte sich äußerst unzufrieden mit dem Besuch und bezeichnete Starmers Annäherung an China als „sehr gefährlich“.
London mag betonen, so viel es will, dass daran nichts Gefährliches sei und der Besuch keine grundsätzliche außenpolitische Wende oder Abkehr vom wichtigsten Verbündeten, den USA, bedeute. Keir Starmer versicherte:
„Unsere Beziehungen zu den USA gehören zu den engsten, die wir haben, in den Bereichen Verteidigung, Sicherheit, Nachrichtendienst sowie Handel und vielen anderen Bereichen.“
Amerikanische Beobachter sehen die Entwicklung jedoch klar.
Tatsächlich ist Starmer nicht der einzige westliche Staatschef, der in jüngster Zeit nach Peking gereist ist. Allein im Januar besuchten die Premierminister Finnlands, Irlands und Kanadas China. Im Februar wird Friedrich Merz erwartet. Sogar der australische Premierminister, dessen Land seit Jahren in Handelsstreitigkeiten mit China liegt, stattete Peking einen Besuch ab.
Der Grund dafür ist, dass viele westliche Führungspersönlichkeiten Trumps aggressive, destabilisierende und demütigende Politik zunehmend leid sind. Sie suchen nach Möglichkeiten, den amerikanischen Einfluss durch eine engere Anbindung an China auszugleichen. Trump ist jedoch nicht gewillt, ihnen diesen Spielraum zu gewähren.
So drohte er dem kanadischen Premierminister Mark Carneymit 100-prozentigen Zöllen, sollte Kanada ein Handelsabkommen mit China abschließen. Trump sagte:
„Wenn Gouverneur Carney (Anspielung auf Donald Trumps Bestreben, Kanada in die USA einzugliedern) glaubt, dass er Kanada zu einem ‘Umschlagplatz’ für den Versand chinesischer Waren in die USA machen kann, irrt er sich gewaltig.“
Sollte Trump zu der Überzeugung gelangen, dass Großbritannien und China kurz vor einem ähnlichen Abkommen stehen, dürfte Keir Starmer ein vergleichbares Ultimatum erwarten.
China hingegen beobachtet diese internen Zerwürfnisse des Westens mit Gelassenheit und zieht seinen Nutzen daraus. Peking demonstriert damit seine Bereitschaft, mit allen Seiten zu kooperieren – selbst mit ehemaligen Gegnern wie Großbritannien. Der chinesische Botschafter in London, Zheng Zeguang, erklärte:
„Ohne Sturm gibt es keinen Regenbogen.“
Präsident Xi Jinping fügte seinerseits hinzu:
„In den vergangenen Jahren haben die chinesisch-britischen Beziehungen einen Rückgang erlebt, was nicht im Interesse beider Länder war.“
Seiner Ansicht nach müssen China und Großbritannien angesichts der komplexen und sich ständig wandelnden internationalen Lage den Dialog und die Zusammenarbeit verstärken, um weltweit Frieden und Stabilität zu gewährleisten.
Die BBC interpretiert Chinas Strategie folgendermaßen:
„Für China ist dies Teil einer Strategie der ‘Verführung’, die darauf abzielt, dass einige Peking nun als stabilen und berechenbaren Partner betrachten – im Gegensatz zu den USA.“
Je mehr westliche Staats- und Regierungschefs nach Peking pilgern, desto härter wird Trump vermutlich gegen sie vorgehen – eine Dynamik, die letztlich China zugutekommt.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 30. Januar 2026 zuerst in der Zeitung Wsgljad erschienen.
Geworg Mirsajan ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Geboren im Jahr 1984 in Taschkent, erwarb er seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Er war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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