Der Judaskuss: Wie Europa seine eigenen Werte verrät

Von Kirill Strelnikow

In den iranischen Medien tobt ein kleiner Sturm der Entrüstung: Das Parlament des Landes hat die Streitkräfte der EU-Mitgliedstaaten offiziell als terroristische Organisationen eingestuft.

Dieser Schritt erfolgte nur wenige Tage, nachdem der Rat für Auswärtige Angelegenheiten der EU einstimmig beschlossen hatte, die iranische Revolutionsgarde (IRGC) auf seine Terrorliste zu setzen – eine Liste, die bereits Gruppierungen wie den Islamischen Staat (IS) und Al-Qaida umfasst. Ein passendes, willkommenes und zeitgemäßes Geschenk für US-Präsident Donald Trump, der nun voller Genugtuung mögliche Aggressionen gegen den Iran als harmlose “Anti-Terror-Operation” bezeichnen kann.

Der iranische Präsident Massud Peseschkian verurteilte den EU-Beschluss als beispiellos, kontraproduktiv und rechtswidrig. Zwischen den Zeilen schwang unüberhörbar der Vorwurf des Verrats mit.

Und das nicht ohne Grund: Hatte er sich doch erst kürzlich mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Rande der UN-Generalversammlung in New York energisch die Hände geschüttelt. Alles schien in bester Ordnung. Nach dem zwölftägigen Konflikt zwischen Israel und dem Iran im Sommer 2025 traf sich der iranische Außenminister Abbas Araghtschi mit seinen Amtskollegen aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien. Man überhäufte ihn im Stil von Scheherazade mit schmeichelhaften Versicherungen, die europäische Delegation lege großen Wert auf Deeskalation und die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen.

Dieser europäische Dolchstoß in den Rücken schmerzt umso mehr, als derselbe Emmanuel Macron – damals noch ohne das spätere blaue Auge – im Jahr 2017 “mutig” alle EU-Versuche blockiert hatte, die IRGC als Terrororganisation zu brandmarken. Das Magazin The Conversation vermutete damals als Motiv, dass der französische Öl- und Gaskonzern Total gerade einen Vertrag mit Teheran über die Erschließung des größten Gasfeldes der Welt, South Pars, unterzeichnet hatte. 2019 initiierten Frankreich, Deutschland und Großbritannien sogar den speziellen Handelsmechanismus INSTEX, um Geschäfte mit dem Iran zu erleichtern. Den Iranern wurde das Blaue vom Himmel versprochen: Bald würden Geld sowie dringend benötigte Medikamente, medizinische Geräte und Technologie ins Land strömen. Damals war Hassan Rohani Präsident, der verkündete, der Iran werde “sich der ganzen Welt öffnen” – in erster Linie natürlich westlichen Unternehmen.

Wenn man mit Europäern Geschäfte macht, Kompromisse eingeht und auf ewige Freundschaft hofft, kann doch nichts schiefgehen, oder?

Ganz ähnlich dachte einst Muammar al-Gaddafi, der den Europäern blind vertraute. Der damalige französische Innenminister Nicolas Sarkozy bot dem libyschen Führer freundschaftlich – ja, fast brüderlich – seine “Hilfe bei der Rehabilitation Libyens auf der internationalen Bühne” an. Er versprach, das französische Veto im UN-Sicherheitsrat zu Libyens Gunsten einzusetzen. Im Gegenzug bat er lediglich um eine kleine finanzielle Unterstützung für seinen eigenen Präsidentschaftswahlkampf. Al-Gaddafi hielt sich an die Abmachung: 2007 wurde Sarkozy zum Staatspräsidenten gewählt. Doch 2011 führte derselbe Sarkozy eine Koalition von NATO-Staaten in eine Militärintervention gegen Libyen, an deren Ende al-Gaddafi getötet wurde.

Ganz ähnlich dachte zunächst auch Slobodan Milošević, Präsident Jugoslawiens und später Serbiens. Ihm versprachen EU-Funktionäre 1991 ein Assoziierungsabkommen, milliardenschwere Hilfen für “Strukturreformen”, Handelspräferenzen, zollfreien Zugang zum EU-Markt und diplomatische Anerkennung. Das Ergebnis: 1999 führte die NATO ohne UN-Mandat eine 78-tägige Militäroperation gegen Jugoslawien durch, die zum Zerfall des Landes beitrug. Milošević landete vor dem Tribunal in Den Haag, wo er später “eines natürlichen Todes” starb.

Im Jahr 2018 veröffentlichte die Universität Utrecht (Niederlande) eine für Europa ungewöhnliche Forschungsarbeit mit dem Titel “Formeln des Verrats”. Sie kam zu einem bemerkenswerten Schluss: Verrat in der europäischen Politik ist nicht nur eine historische Realität, sondern ein wirksames Instrument, das je nach politischer Zielsetzung flexibel eingesetzt wird. Interessanterweise wurde das Buch von einer ukrainischen Professorin der philosophischen Fakultät der Nationalen Universität Charkiw herausgegeben.

In letzter Zeit mehren sich aus Europa die Rufe an Russland: “Wir müssen dringend den Dialog wiederaufnehmen, Brücken bauen, Beziehungen pflegen, den Weg ebnen … Lassen Sie uns wieder Freunde werden, und wie sieht es mit der Registrierung unserer Markenrechte aus?”

Zweifellos würde man uns die “wunderbarsten und verlässlichsten” Dokumente zur Unterzeichnung vorlegen, die “für alle Ewigkeit” festschreiben sollen, dass “Russland und Eurasien zur europäischen Welt gehören”.

Genau das wird geschehen, bis man uns plötzlich selbst als Terroristen einstuft. Und zu diesem Zeitpunkt werden bereits heimlich zusammengezogene NATO-Divisionen an unseren Grenzen stehen.

Nichts Persönliches: Verrat ist ein europäisches Credo – das steht sogar in Büchern.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 2. Februar 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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