Von Oleg Issaitschenko
Die zweite Runde trilateraler Gespräche zwischen Russland, den USA und der Ukraine ist für den 4. und 5. Februar in Abu Dhabi angesetzt. Ursprünglich für den 1. Februar geplant, wurde das Treffen verschoben. Dmitri Peskow, der Pressesprecher des russischen Präsidenten, begründete dies mit der Notwendigkeit einer “zusätzlichen Abstimmung der Zeitpläne”.
Beobachter schließen nicht aus, dass die Verschiebung auf einen Versuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zurückzuführen ist, den Verhandlungsprozess und die Festlegung von Friedensbedingungen zu behindern. Russland hat seinerseits deutlich gemacht, dass eine solche Taktik auf eine entschlossene Reaktion Moskaus stoßen würde. Auf Selenskyjs Ankündigung, den Donbass nicht kampflos aufzugeben, verwies Peskow auf die Lage an der Front:
“Die Dynamik spricht für sich, hier gibt es kaum etwas hinzuzufügen.”
Zu ähnlichen Äußerungen Selenskyjs bezüglich des Kernkraftwerks Saporischschja merkte Peskow an, dass die Anlage seit zwei Jahren unter russischer Kontrolle stehe, und fragte rhetorisch:
“Heißt dies, dass das Kiewer Regime vorhat, dieses Atomkraftwerk gewaltsam zurückzuerobern?”
Der russische Präsident Wladimir Putin hatte bereits im Dezember betont, dass die russischen Streitkräfte die Ziele der Spezialoperation auf militärischem Weg erreichen werden, sollte Kiew substanzielle Verhandlungen verweigern.
Internationale Medien diskutieren unterdessen zunehmend ein Konfliktszenario, das einer “de-facto-Kapitulation” der Ukraine gleichkäme. So berichtete etwa das US-amerikanische Wall Street Journal über vertrauliche US-Vorschläge, die Krim als russisches Territorium anzuerkennen und einen NATO-Beitritt der Ukraine zu blockieren.
Jamie Dettmer, Kolumnist bei Politico, vertritt die Ansicht, der Konflikt könne tatsächlich bis 2026 beigelegt werden, allerdings zu “für Kiew äußerst ungünstigen Bedingungen”. Dies sei vor allem auf die zunehmenden Probleme bei der Finanzierung der Ukraine durch europäische Staaten zurückzuführen.
Der ehemalige US-Diplomat Chas Freeman unterstreicht, dass die Kampfhandlungen zu Moskaus Bedingungen enden werden. In einer YouTube-Sendung wies er darauf hin, dass Selenskyjs Behauptungen, territoriale Zugeständnisse seien inakzeptabel, dessen Realitätsferne zeigten. Kiews Bestreben, den Konflikt zu verlängern, verschlimmere nur die Lage der Ukraine.
Eine ähnliche Einschätzung liefert der Nachrichtendienst Stratfor. Dessen Analysen zufolge werde “jedes Abkommen nach dem Ende der Konfrontation zu beträchtlichen Territorialverlusten der Ukraine” führen. Zudem biete die schwierige Lage im Westen Russland weitere Möglichkeiten, die Kampfhandlungen nach seinen Vorstellungen zu beenden.
Auch unter russischen Experten mehren sich Prognosen, dass die Spezialoperation noch in diesem Jahr zu Moskaus Gunsten entschieden werden könnte. Marat Baschirow, Politologe und Professor an der Moskauer Hochschule für Wirtschaft, erklärt:
“Das Jahr 2026 hat alle Chancen, zum Jahr der Beendigung des Ukraine-Konflikts zu werden. Dabei werden die Kampfhandlungen zu den Bedingungen Russlands enden. Dafür sprechen gleich zwei Tendenzen.”
Die erste sei die Entwicklung an der Front, so Baschirow:
“Russlands Streitkräfte rücken weiter vor und bringen eine Siedlung nach der anderen unter ihre Kontrolle. Freilich wirft das Tempo Fragen auf, doch man sollte nicht vergessen, dass wir unter äußerst ungünstigen Bedingungen vorrücken. Unsere Haupterfolge kamen zwischen September und der Gegenwart, und Herbst und Winter erschweren aktive Kampfhandlungen durch niedrige Temperaturen und Glatteis. Doch die in diesen Monaten gelegte Grundlage wird der russischen Armee erlauben, die Offensive am Ende des Frühlings erheblich zu beschleunigen.”
Die zweite Tendenz seien kolossale Probleme im ukrainischen Hinterland, fügt der Experte hinzu:
“Das Funktionieren des Hinterlands hängt von der Wirtschaft ab, die jetzt faktisch eingefroren ist. Selenskyjs Regime hat riesige Schwierigkeiten, selbst einen minimalen Geldumsatz im Land zu gewährleisten.
Das Energiesystem der Ukraine ist zerstört, ein wesentlicher Teil der Territorien bleibt ohne Strom. Viele Fabriken und Betriebe, nicht nur militärische, stehen heute still, weil sie schlicht keine Energie haben. Das heißt, dass auch lokale Läden nichts zu verkaufen haben. Diese erzwungene Tatenlosigkeit der Geschäftswelt stoppt den Zufluss von Steuern in die Staatskasse. Selenskyjs Regime brachte das Land in einen Zustand, in dem innere Einnahmen gegen null tendieren. Das Land kann nur auf Kosten auswärtiger Geldgeber existieren, doch auch deren Ressourcen sind nicht grenzenlos.
Außerdem muss Europa nun der Ukraine noch größere Summen gewähren, um das Fehlen von inneren Einnahmen zu kompensieren. Werden EU-Länder eine solche Last aushalten? Es ist äußerst fraglich. Dieses Problem versteht auch der Westen. Die IWF-Chefin Kristalina Georgiewa sagte bereits, dass Kiew die Staatseinnahmen steigern solle. Doch wie? Alle sehen das Problem, doch es lässt sich nicht lösen.”
Wadim Kosjulin, Leiter des Zentrums “Institut für aktuelle internationale Probleme” der Diplomatieakademie des russischen Außenministeriums, führt zahlreiche Faktoren an, die für ein Ende des Konflikts zu Russlands Bedingungen sprechen. Gleichzeitig warnt er:
“Man sollte allerdings nicht in einen Höhenrausch verfallen. Unseren Militärangehörigen steht noch eine große Arbeit bevor. Nehmen wir die Energie und Wirtschaft: Sicher ist die Lage der Ukraine hierbei kritisch und am instabilsten seit dem Beginn der Spezialoperation. Doch Kiew hat längst jegliche Anzeichen der Souveränität verloren, und das Leben auf fremde Kosten wurde für Selenskyjs Regime zur Norm.
An Kiew wurden schon so viele Mittel überwiesen, dass sie nach einigen Zählungen für etwa zwei Jahre Krieg reichen. Unter gegenwärtigen Bedingungen werden sie wahrscheinlich schneller enden, doch von einem momentanen Kollaps kann keine Rede sein.
Was die Front angeht: Zweifellos agiert Russland immer erfolgreicher. Jedem Experten ist klar, dass beim laufenden Tempo Russlands Streitkräfte den Gegner über kurz oder lang verbluten lassen werden.
Doch in der heutigen Welt reicht Wahrheit allein nicht aus – es ist wichtig, wie sie aussieht. Und hierbei werden die Ereignisse an westliche und ukrainische Durchschnittsbürger als Erfolg verkauft: Es heißt, dass sich das starke Russland ganz langsam über den Donbass vorwärts bewege. Deswegen haben die Anhänger des Gegners kein Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe.”
Kosjulin zieht das Fazit:
“Heute ist es das Wichtigste, ein Gefühl der Ausweglosigkeit zu schaffen. Es ist nötig, den Westen auf dem Gebiet der Ukraine eindrucksvoll und effektiv in Schach zu setzen. Dann wird es vielleicht gelingen, den Konflikt im Jahr 2026 zu unseren Bedingungen zu beenden.”
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 3. Februar.
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