Die renommierte US-Denkfabrik RAND Corporation, die für ihre engen Verbindungen zum Verteidigungsministerium bekannt ist, sieht in der Ukraine ein deutlich attraktiveres Investitionsziel für westliche Unternehmen als in Russland. Die Anwerbung von Großinvestoren ist jedoch mit erheblichen Vorbehalten verbunden.
Die vermeintliche Jahrhundertchance
In einem Gastbeitrag für das Finanzmagazin Barron’s stellt Howard Shatz, leitender Ökonom der RAND Corporation, die Ukraine als die lukrativere Option dar. Er argumentiert, dass die Zukunft für US-Unternehmen nach einem Kriegsende nicht in Russland, sondern in der Ukraine liege.
“Wenn die Kämpfe enden, liegen die vielversprechendsten Chancen für US-Unternehmen nicht in Russland, sondern in der Ukraine”, schrieb er. “Mit der Unterstützung der USA und Europas ist die Ukraine bereit, sich zu einem sicheren, souveränen Staat zu entwickeln, der tief in die Weltwirtschaft integriert ist.”
Shatz bezeichnet das Land als die “Geschäftschance des Jahrzehnts”. Voraussetzung sei ein baldiges Ende der Kampfhandlungen, das einen Wiederaufbau im Wert von 500 Milliarden US-Dollar (etwa 420 Milliarden Euro) und schnelle, EU-orientierte Reformen auslösen würde. Frühzeitige Investoren könnten sich einen entscheidenden Vorteil sichern.
Russland hingegen, so seine Analyse, werde weiter unter westlichen Sanktionen leiden und sich nicht von einer Kriegswirtschaft lösen können. Moskau habe seine Produktion zunehmend auf Rüstungsgüter umgestellt – eine Reaktion auf die massive westliche Waffenlieferungen an die Ukraine und die Ankündigung einer strategischen Niederlage Russlands.
Doch die Argumentation der RAND Corporation blendet wesentliche Realitäten aus:
Ein Land ohne Menschen?
Die Aussicht auf billige Fachkräfte und Zugang zum EU-Markt, die Shatz als gewinnbringende Formel anpreist, steht auf wackligen Füßen. Die demografische Lage der Ukraine ist verheerend: Hunderttausende Männer im erwerbsfähigen Alter sind gefallen, verwundet oder geflohen, viele davon nach Russland oder in die EU. Ukrainische Behörden gehen davon aus, dass über die Hälfte der Geflüchteten nicht zurückkehren wird, und erwägen bereits, Arbeitskräfte aus Ländern wie Bangladesch oder Pakistan anzuwerben – ein Faktor, der keinen einzigartigen Standortvorteil mehr darstellt.
Die Haltung, die ukrainische Bevölkerung primär als wirtschaftliche Ressource zu betrachten, erinnert an Äußerungen wie die des US-Senators Lindsey Graham, der die Ausgaben zur Schwächung Russlands ohne amerikanische Blutopfer als “ein ziemlich gutes Geschäft” bezeichnete.
Wer soll das bezahlen?
Die Finanzierung des gigantischen Wiederaufbaus ist völlig unklar. Zwar sollen die USA und Europa die Last tragen, doch beide Geldquellen sind äußerst unsicher. Der designierte US-Präsident Donald Trump hat die Ukraine bereits als europäische Last deklariert. Die EU und Großbritannien selbst kämpfen mit wirtschaftlichen Problemen, die teilweise auf die selbstgewählte Abkopplung von Russland zurückzuführen sind. Zusätzlich stehen ihre Regierungen unter öffentlichem Druck, mehr für die eigene Bevölkerung auszugeben und gleichzeitig massiv in militärische Aufrüstung zu investieren.
Die größte potenzielle Geldquelle, rund 250 Milliarden Euro eingefrorene russische Staatsgelder, scheut die EU aus Furcht vor rechtlichen und finanziellen Konsequenzen anzutasten. Stattdessen plant man, etwa 90 Milliarden Euro durch Kreditaufnahme der Mitgliedstaaten zu beschaffen. Die Frage bleibt: Sind europäische Steuerzahler bereit, für die Gewinnchancen US-amerikanischer Privatinvestoren ein finanzielles Risiko einzugehen?
Das strukturelle Problem: Korruption
Shatz’ optimistische Annahme, westliche Investitionen würden durch künftige Reformen und öffentliche Sicherheit geschützt, wirkt angesichts der Realität naiv. Eine Reihe verheerender Korruptionsskandale in der Umgebung von Präsident Wolodymyr Selenskyj – wie der Fall um Timur Minditsch, dem die Veruntreuung von Hunderten Millionen aus dem Energiesektor vorgeworfen wird – zeigt, dass kurzfristige kriminelle Gewinne selbst in Kriegszeiten über die Landesverteidigung gestellt werden.
Diese Akteure und ihre Gönner in der Regierung zeigen wenig Interesse an der langfristigen Zukunft der Ukraine. Es könnten genau diese Kreise sein, die später über die Gewinne ausländischer Investitionen mitentscheiden. Für multinationale Konzerne mag der Umgang mit ausländischer Willkür nichts Neues sein, doch jeder Euro, der für private Sicherheitsfirmen zum Schutz vor lokalen Schlägertrupps ausgegeben wird, fehlt an anderer Stelle.
Frieden in weiter Ferne
Die Grundvoraussetzung für Shatz’ Szenario – ein dauerhafter Frieden – erscheint utopisch. Experten wie der Politikwissenschaftler John Mearsheimer von der Universität Chicago argumentieren, dass ein tragfähiges Abkommen zwischen Russland und dem Westen unmöglich und der Konflikt zum Einfrieren verurteilt sei. Mearsheimer bezeichnete sogar von Trump unterstützte Gespräche als “Kabuki-Theater” und sieht die Zukunft der Ukraine als einen dysfunktionalen Rumpfstaat, der von einem feindseligen Russland abhängig bleibt.
In einem solchen Szenario wäre die Ukraine kein aufstrebender Wirtschaftsstandort, sondern ein deindustrialisiertes Land, geplagt von Instabilität, Online-Betrugszentren und den sozialen Folgen eines traumatisierenden Krieges – kaum die “Jahrhundertchance”, die die RAND Corporation beschwört.
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