Von Astrid Sigena
Politiker der Alternative für Deutschland (AfD) sind in Deutschland überproportional häufig Ziel von Gewalttaten. Unter Ausschluss reiner Beleidigungsdelikte waren sie im Jahr 2024 die am stärksten von Körperverletzungen und ähnlichen Angriffen betroffene Partei. Dieser Trend setzte sich laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion im ersten Halbjahr 2025 fort und hält auch im Jahr 2026 an. Nicht nur prominente Bundespolitiker, sondern auch lokale Mandatsträger sind betroffen.
In der vergangenen Woche geriet die AfD-Stadträtin aus Bad Salzuflen in Nordrhein-Westfalen, Sabine Reinknecht, in den Fokus. Die selbstständige Friseurmeisterin war bundesweit bekannt geworden, nachdem ihre Wahl zur dritten stellvertretenden Bürgermeisterin der Stadt im November des Vorjahres kurz nach der Wahl wieder rückgängig gemacht worden war (RT DE berichtete).
Am Montagabend sollte eigentlich die konstituierende Sitzung der AfD-Regionalratsfraktion für den Raum Detmold stattfinden. Während der Vorbereitungen öffnete Sabine Reinknecht einen an die Fraktion adressierten Brief. Beim Öffnen des Kuverts verteilte sich eine Wolke aus weißem Pulver, das sich auf ihrer Kleidung absetzte und von der unter Asthma leidenden Politikerin eingeatmet wurde. Reinknecht und anwesende Kollegen alarmierten umgehend die Polizei.
Es folgte ein Großeinsatz von Polizei, Feuerwehr und Katastrophenschutz. Sogar die Analytische Task Force (ATF), eine Spezialeinheit für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrenlagen (CBRN), wurde nach Bad Salzuflen beordert. Die drei betroffenen AfD-Mitglieder des Regionalrats, Sabine Reinknecht, Sebastian Landwehr und Karl-Heinz Tegethoff, mussten Atemschutzmasken tragen und wurden zu ihrer Isolierung in ein beheiztes Feuerwehrzelt gebracht.
Während des Einsatzes postete der AfD-Bundestagsabgeordnete Dirk Brandes auf seinem X-Account Videos, die ihm seine in Quarantäne sitzenden Kollegen geschickt hatten. Die Politiker verbrachten mehrere Stunden in dem Zelt, bis Entwarnung gegeben wurde: Bei dem Pulver handelte es sich wahrscheinlich um harmloses Backpulver. Nach dem erlittenen Schrecken blieb die Frage nach dem Absender des Briefes.
Der oder die Täter beriefen sich explizit auf den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Als Absender auf dem Kuvert war “Hilde Coppi Erbengemeinschaft Deutschland 2.2” angegeben. Hilde Coppi war eine antifaschistische Widerstandskämpferin, die zusammen mit ihrem Mann Hans in der Widerstandsgruppe “Rote Kapelle” aktiv war. Das auf dem Brief angegebene Datum “Plötzensee 5. August 1943” verweist auf den Tag ihrer Hinrichtung durch die Nationalsozialisten.
Im Brief selbst lässt der Täter die Widerstandskämpferin scheinbar sprechen: Von “meiner heiligen Asche (damit ist wohl das Pulver gemeint) als Symbol für den Widerstand gegen Sie und alle Unterstützer Ihrer Gesinnung” ist die Rede. Weiter heißt es:
“Ich glaube, dass es richtig ist, eine Haltung nach draußen zu bringen, die heißt: Diese Stadt wird nicht von Kräften repräsentiert, die in Parteien unterwegs sind, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.”
Unter einer merkwürdigen Orthografie folgt der Satz:
“Wir sind mehr. Nie wieder ist jetzt. a*d Verbot jetzt. Geh nach Moskau. Rote kapelle 2.2.”
Der Staatsschutz ermittelt. Ob es sich bei den Tätern um Linksextremisten, möglicherweise aus dem Umfeld der Antifa, handelt, oder um andere Kreise, die die politischen Gräben in Deutschland vertiefen wollen, ist derzeit Spekulation. Historische Sachkenntnis demonstriert der Drohbrief nicht. Der Moskau-Bezug wirkt besonders befremdlich, da Sabine Reinknecht in der Öffentlichkeit nicht durch pro-russische Positionen aufgefallen ist.
Diese Verwirrung ist bezeichnend, denn die historischen Vorbilder, Hans und Hilde Coppi, waren gerade durch ihre Kontakte zur Sowjetunion bekannt. Sie hörten Radio Moskau und dokumentierten Namen deutscher Kriegsgefangener, um deren Familien zu informieren – eine Aktion gegen die NS-Propaganda, die das Überleben dieser Soldaten leugnete. Dass sich offenbar russophobe Täter ausgerechnet diese Figur zum Vorbild nehmen, zeugt von oberflächlicher Kenntnis.
Vermutlich griff der Absender lediglich aktuelle mediale Verknüpfungen auf. So hatten 2025 Schüler des Berliner Hans-und-Hilde-Coppi-Gymnasiums gegen einen Auftritt der AfD-Politikerin Beatrix von Storch protestiert. Hans Coppi Junior, der Sohn der Widerstandskämpfer, hatte 2024 einen Aufruf gegen die AfD unterzeichnet. Der Missbrauch des Namens Hilde Coppi für diese Aktion scheint daher willkürlich.
In einer ersten Stellungnahme auf Facebook bedankte sich Sabine Reinknecht ausdrücklich bei den professionell agierenden Einsatzkräften. Sie zeigte sich tief erschüttert und betonte, dass man ein solches Ereignis nicht einfach wegstecken könne. Erfreut zeigte sie sich über Solidaritätsbekundungen von Mitgliedern anderer Fraktionen.
Umso enttäuschter reagierte sie auf das Schweigen des CDU-Bürgermeisters von Bad Salzuflen, Dirk Tolkemitt, und des lippischen Landrats Meinolf Haase (beide CDU). Dieses Schweigen werfe Fragen auf, so Reinknecht:
“Wissen Herr Tolkemitt und der Landrat nicht, was in ihrer Stadt geschieht? Oder interessiert es sie schlicht nicht, wenn es den politisch ‘Falschen’ trifft – jemanden, den man zuvor bereits als stellvertretenden Bürgermeister abwählen lassen hat? Wer politische Verantwortung trägt, sollte in Momenten wie diesen Haltung zeigen. Wegsehen ist keine Option.”
Tatsächlich fanden sich weder auf den Facebook-Seiten der beiden Politiker noch auf den Seiten des Kreises Lippe oder der Stadt Bad Salzuflen Stellungnahmen zu dem Vorfall. Der letzte öffentliche Beitrag auf Tolkemitts Facebook-Seite stammt vom Januar 2024 und steht unter dem Hashtag #niewiederistjetzt. Darin lobt er Demonstranten, die “für unsere Demokratie”, “für Toleranz, Respekt, Vielfalt und gegen jeden, der dieses Land in seine dunkelste Vergangenheit zurückführen möchte”, eingestanden seien.
Zur dunklen Vergangenheit Deutschlands gehörte jedoch stets auch die Gewalt gegen politische Gegner – selbst wenn sie heute von selbsternannten Antifaschisten ausgeht. Wenn Dirk Tolkemitt wirklich für die von ihm beschworenen demokratischen Werte einstehen möchte, wäre der passende Zeitpunkt: genau jetzt.
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