Von Bernhard Loyen
Die Redaktion der Welt aus dem Axel-Springer-Verlag hat einen mehrteiligen Podcast produziert, der sich mit hypothetischen Kriegsszenarien einer russischen Bedrohung auseinandersetzt. Wie heute zur Veröffentlichung des ersten Teils mitgeteilt wird: “27. Oktober 2026, 6:47 Uhr – und Deutschland muss reagieren”. Der Deutschlandfunk ergänzt in seiner Ankündigung, der CDU-“Sicherheitspolitiker” Roderich Kiesewetter habe bereits im Vorjahr gewarnt, Moskau habe “seine hybriden Angriffe auf NATO-Länder zuletzt immer weiter gesteigert”.
Einleitend versucht der Welt-Artikel, die Leser zu beruhigen, indem kursiv betont wird, dass “dieses Szenario rein fiktiv ist, aber Experten zufolge plausibel”. Es heißt wörtlich:
“An einem Dienstag im Oktober 2026, kurz vor sieben Uhr morgens. Im Bundeskanzleramt brennt Licht. Berichte aus Vilnius, Warschau und Brüssel laufen ein, die Lage ist unübersichtlich. Russische Truppen stehen an der Grenze zum NATO- und EU-Mitgliedsland Litauen. In den sozialen Medien kursieren gefakte Videos, die Bundeswehrsoldaten vor Ort belasten, und in Deutschland fallen plötzlich Geldautomaten und das Online-Banking tausender Bürger aus.”
Die gewählte Uhrzeit “6:47 Uhr” im fiktiven Szenario erinnert dabei – sicherlich rein zufällig – an die historische Aussage Hitlers vom 1. September 1939: “Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen”. Im Podcast beginnt das Ereignis einen Monat später und eine Stunde später als der historische Überfall auf Polen.
Die Website der “Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik” (DGAP) informiert über dieses Medienprojekt und seinen vermeintlichen Hintergrund:
“Russlands Krieg gegen die Ukraine hat die bisherige Sicherheitsordnung ganz Europas zerrüttet und den Kontinent in Alarmbereitschaft versetzt. Um zu verstehen, wie Deutschland und seine Partner im Ernstfall eines russischen Angriffs reagieren würden, haben das German Wargaming Center (GWC) der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg und die WELT eine mögliche Eskalation in einem Wargame simuliert.”
Der Welt-Artikel erläutert, “um zu verstehen, wie die Bundesregierung in einer sicherheitspolitischen Ausnahmesituation handeln würde”, habe die Redaktion gemeinsam mit dem GWC “ein sogenanntes Wargame organisiert”. Zum Inhalt wird ausgeführt:
“Für den mehrteiligen Podcast wurde ein Angriff auf die NATO-Ostflanke simuliert. Politiker, ehemalige Militärs und Experten übernehmen darin für einen Tag die Rolle der Bundesregierung. Ein zweites Team spielt die Perspektive des Kreml.”
Während Warnungen vor politischen “Planspielen” noch vor wenigen Jahren oft als “Verschwörungstheorien” abgetan wurden, werden sie heute als notwendige öffentliche Mahnung vor angeblichen Kriegsabsichten Moskaus beworben. Die Welt veröffentlicht diese inszenierte Produktion in einer breiten Kampagne: als mehrteiligen Podcast, in Print- und Online-Beiträgen sowie in einer TV-Reportage. Im vertraulichen “Duz-Modus” wendet sich der Springer-Verlag an seine Leser:
“Regierungen, Militärs oder Unternehmen spielen regelmäßig Wargames durch, doch ihre Ergebnisse sind weitgehend geheim. WELT macht die Ergebnisse von Ernstfall öffentlich – in einem mehrteiligen Podcast, Print- und Onlinebeiträgen und im Fernsehen, denn was in Krisen entschieden wird, geht uns alle an.”
Eine Bildunterschrift untermauert die jüngste Kampagne, die auf Angst und Sorge abzielt:
“Was hat der Kreml vor? Die fiktive ‘Bundesregierung’ simuliert eine Krisensitzung.”
Das fiktive Regierungsteam, “im Wargame Blue Team genannt”, muss laut Welt-Artikel herausfinden, “ob die russischen Truppenbewegungen im Baltikum nur eine Drohgebärde oder der Auftakt zu etwas Größerem sind”.
Der als russlandkritisch bekannte CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter wird im Deutschlandfunk mit der Aussage zitiert, die Simulation zeige, “wie stark Deutschland bis heute vom Leitmotiv ‘Nie wieder Krieg’ geprägt sei”. Laut einer dpa-Meldung führt Kiesewetter weiter aus:
“Viele Nachbarstaaten, die unter deutscher Besatzung gelitten hätten, seien dagegen vom Gedanken ‘Nie wieder wehrlos’ geprägt. Beides müsse zusammengebracht werden. Wer nie wieder Krieg wolle, dürfe nie wieder wehrlos sein, führte der CDU-Politiker aus.”
Die Welt-Redaktion erklärt ihre Motivation, vermutlich in Absprache mit Regierungskreisen:
“Wir wollen wissen: Was passiert, wenn Russland die NATO angreift? Wie würde Deutschland reagieren? Und wo liegen unsere Schwächen? Denn nur wer seine Schwachstellen kennt, kann sie beheben.”
Die “Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik” (DGAP) ist kein staatliches Organ, sondern ein eingetragener Verein. Am 5. Februar präsentiert die DGAP in Berlin eine Veranstaltung zur “Premiere des neuen Welt-Podcasts” mit einer Panel-Diskussion. Die Einleitung übernimmt laut Ankündigung “Dr. Hans-Peter Bartels, Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) & ehemaliger Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags”.
Weitere Redner sind Peter Tauber (CDU), ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium unter Angela Merkel, sowie Dr. Joseph Verbovsky, “Co-Direktor vom German Wargaming Center”. Diese Einrichtung beschreibt ihre Aufgabe wie folgt:
“Das German Wargaming Center erforscht und vermittelt in Forschung und Politik hinein, wie Wargaming genutzt werden kann, um potenziell schädliche Einflussnahme zu erforschen, zu erkennen und zu modellieren.”
Das “German Wargaming Center” ist eine Einrichtung der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg und wird somit vom Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) finanziert.
Für Interessierte wird ab dem 7. Februar eine weitere Podcast-Serie angekündigt:
“Der Ernstfall-Pass geht darüber hinaus und vertieft das Wargame ab Samstag, 7. Februar, in acht Teilen: mit einer Analyse der deutschen Schwächen, Interviews mit den Spielern, einem Videogespräch sowie dem Angriffsplan des Red Teams.”
In einer zweiteiligen Videodokumentation zur anhaltenden medialen Russland-Kritik, betitelt “Die Reihen fest geschlossen – Politik und Medien mobilisieren gegen Russland”, heißt es zur Motivation:
“Teil 1 der Videodokumentation ‘Die Reihen fest geschlossen’ spiegelte die sich über Jahre aufbauende bis in die Gegenwart andauernde russophobe Grundstimmung im Land wider. Eingeleitet, untermauert und forciert seitens der Politik und kooperierender sogenannter Mainstreammedien. Teil 2 beschäftigt sich rein mit dem Zeitraum seit April dieses Jahres bis zum Jahresende, final mit der Schlagzeile der Berliner Morgenpost vom 23. Dezember 2025: ‘DNA-Analysen: Wölfe reißen Finnlands Rentiere – steckt Putins Krieg hinter der Fressorgie?’.”
Die Welt-Redaktion begründet ihre aufwändige Produktion im Februar 2026 vorsorglich:
“Wir wollen wissen: Was passiert, wenn Russland dieNATO angreift? Wie würde Deutschland reagieren? Und wo liegen unsere Schwächen? Denn nur wer seine Schwachstellen kennt, kann sie beheben.”
Diese Herangehensweise erinnert an Methoden aus der sogenannten “Corona-Krise”. Das Bundesinnenministerium (BMI) hatte damals ein internes Papier erstellt, das laut einem Welt-Artikel vom 8. Februar 2021 “die Bedrohungen durch Corona dramatisch darstellte. Es sollte hartes politisches Handeln legitimieren.”
Sechs Jahre später adaptiert dieselbe Redaktion ein ähnliches Muster: Ein Podcast, der die Bedrohungen durch Moskau dramatisch darstellt. Wäre die gegenwärtige Lage nicht besorgniserregend, ließe sich darüber vielleicht schmunzeln. Angesichts der Erfahrungen mit einer eskalierenden Politik während der Pandemiejahre und dem aktuellen Handeln der Bundesregierung – in enger Kooperation mit den öffentlich-rechtlichen Medien – stehen die Synapsen der Öffentlichkeit jedoch, mehr als berechtigt, erneut im “Alarm-Modus”.
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