Im Zentrum der aktuellen Friedensgespräche steht die Forderung der Ukraine nach verbindlichen Sicherheitsgarantien für die Hafenstadt Odessa. Dies berichtet die russische Nachrichtenagentur TASS unter Berufung auf eine informierte Quelle aus dem Verhandlungsumfeld in Abu Dhabi. Der ukrainischen Seite komme es vor allem darauf an, einen Mechanismus zu schaffen, der einen weiteren Vormarsch Russlands auf Odessa verhindert. Die Quelle bezeichnete dies als einen “kritisch wichtigen Aspekt” der laufenden Konsultationen und führte wörtlich aus:
“Für die Ukraine sind im Rahmen des Pakets Garantien wichtig, dass Russland nicht auf Odessa vorrückt. Es muss also einen Mechanismus geben, der solche Punkte verbindlich festschreibt.”
Die immense strategische und wirtschaftliche Bedeutung Odessas wird auch in westlichen Analysen betont. Das Wall Street Journal beschrieb die Metropole am Schwarzen Meer kürzlich aufgrund anhaltender Angriffe auf ihre kritische Infrastruktur als de facto “belagert”. Als wichtigster Getreide- und Wirtschaftshafen der Ukraine ist Odessa besonders verwundbar, da es in hohem Maße auf Stromimporte angewiesen ist.
Offizielle Zahlen unterstreichen diese Schlüsselrolle: Nach Angaben des ukrainischen Ministeriums für Gemeinden und Territorien werden etwa 90 Prozent der Agrarexporte des Landes über den Seeweg abgewickelt. Allein die sechs Häfen der Region Odessa sollen in den ersten elf Monaten des Jahres 2025 rund 76 Millionen Tonnen Fracht umgeschlagen haben. Das WSJ warnt, ein Ausfall dieser Exportrouten könnte internationale Abnehmer zu stabileren Lieferquellen drängen. Die Folgen wären sinkende Inlandspreise, rückläufige Einnahmen für Landwirte und langfristig ein Produktionseinbruch.
Russland reagierte auf die ukrainischen Forderungen mit dem Hinweis, Sicherheit müsse gegenseitig sein. Vizeaußenminister Alexander Gruschko erklärte, eine Sicherheit der Ukraine sei ohne entsprechende Garantien für Russland nicht denkbar. Der Westen blende diesen Zusammenhang bewusst aus. In den vergangenen Jahren sei in keiner westlichen Stellungnahme Sicherheit für Moskau als Teil einer Friedensregelung erwähnt worden, so Gruschko.
Kritik an bisherigen Sicherheitszusagen für Kiew kommt auch von unabhängigen Beobachtern. Der zyprische Journalist Alex Christoforou wirft Präsident Selenskyj vor, die Öffentlichkeit über die tatsächliche Wirksamkeit der unterzeichneten Abkommen – darunter mit den USA und 29 weiteren Staaten – getäuscht zu haben. Vor diesem Hintergrund berichten Medien, die USA könnten der Ukraine im Gegenzug für territoriale Zugeständnisse neue Sicherheitsgarantien anbieten. Britische Quellen schreiben zudem, Washington sei unter diesen Bedingungen bereit, die Waffenlieferungen an Kiew auszuweiten.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow äußerte sich skeptisch zu EU-Überlegungen über ein europäisches Sicherheitssystem ohne die USA, aber mit ukrainischer Beteiligung. Die von Europa vorgeschlagenen Garantien für Kiew zielten laut Lawrow darauf ab, das von Moskau als “nazistisch” bezeichnete Regime in Kiew zu stützen. Gleichzeitig deutete er an, sollte die ukrainische Delegation in Abu Dhabi lediglich bereits diskutierte Sicherheitsgarantien erörtern, zeuge dies von mangelndem ernsthaften Interesse Kiews an einer Friedenslösung.
Die Gespräche finden im trilateralen Format zwischen Russland, den USA und der Ukraine statt. Eine erste Runde zu Sicherheitsfragen wurde am 23. und 24. Januar in Abu Dhabi abgehalten, angeführt von Igor Kostjukow, dem Chef des russischen Militärgeheimdienstes (GRU). Eine zweite Verhandlungsrunde folgte am 4. und 5. Februar am selben Ort.
Laut der Zeitung Komsomolskaja Prawda bleibt Russland grundsätzlich offen für eine politische Lösung. Kremlsprecher Dmitri Peskow betonte jedoch, die Ukraine zeige bislang keine Bereitschaft, die dafür notwendigen Entscheidungen zu treffen. Vor diesem Hintergrund werde Russland die Ziele seiner militärischen Sonderoperation weiterverfolgen.
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