Von Astrid Sigena
Erneut ist es passiert. In der Nacht zum 1. Februar wurden die Stufen der Regenbogentreppe im Arnsberger Stadtteil Neheim von Unbekannten mit den Farben Schwarz-Rot-Gold übermalt. Bereits im vergangenen Sommer war die bunte Treppe, die zum Neheimer Busbahnhof führt, schwarz beschmiert und anschließend wiederhergestellt worden. Die Regenbogenbemalung ist ein Schulprojekt des örtlichen Gymnasiums Laurentianum, das im Rahmen der Projektwoche “Schule ohne Rassismus” für “Offenheit, Vielfalt und Toleranz” entstand und von den Behörden genehmigt wurde.
Die Stadt Arnsberg hat Anzeige gegen unbekannt erstattet und ließ die Deutschlandfarben mit einem Hochdruckreiniger entfernen. Laut Stadtverwaltung handelt es sich bei der unerwünschten Umgestaltung um “eine Veränderung und Beschädigung öffentlichen Eigentums”, die grundsätzlich zur Anzeige gebracht werde. Arnsbergs SPD-Bürgermeister Ralf Paul Bittner verurteilte die Aktion: Die deutsche Flagge stehe zwar für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde, dürfe aber nicht gegen andere Werte ausgespielt werden. Sein Appell lautet: “Arnsberg ist eine Stadt für alle. Vielfalt und Gleichberechtigung sind keine Gegensätze zu unserem Grundgesetz – sie sind dessen Ausdruck.”
Besonders die Grünen zeigten sich empört über die schwarz-rot-goldene Übermalung. Verena Verspohl, Fraktionssprecherin der Arnsberger Grünen, erklärte auf Instagram (inzwischen auf privat gestellt, aber auf X und Facebook weiter einsehbar), die Sprühaktion enthalte “eine rechtsextreme Aussage”, die sich “gegen Vielfalt, gegen Queere, gegen Frieden, Freiheit und eine bunte Gesellschaft” richte und Nationalismus propagiere. An die Täter gerichtet, sagte sie: “Malt euch zu Hause in Nationalfarben ein, hängt euch die Fahne in den Garten, macht, was ihr wollt! Das ist mir völlig egal. Aber das ist der öffentliche Raum. Und das geht einfach überhaupt nicht.” Eine solche Aktion sei die “niedrigste Form von Stolz”.
In ihrem Eifer, eine passende Metapher zu finden, verlor die engagierte Pädagogin jedoch die Logik aus den Augen: “Und nebenbei ist es übrigens eine Schüler*innen-Arbeit – Schüler*innen-Gendersternchen-Arbeit, die hier mit Füßen getreten wird.” Dabei ist es schließlich der eigentliche Zweck einer Treppe, mit Füßen betreten zu werden – was Verspohl in ihrem Video selbst auf der nun schwarz-rot-goldenen Treppe demonstrierte.
Allerdings wirft die deutsche Neigung, respektgebietende Farbsymbole – sei es der Regenbogen oder die Nationalfarben – auf Bodenflächen anzubringen, durchaus Fragen auf. Schließlich sind sie dort dem Betreten und möglicher Verschmutzung ausgesetzt. Vielleicht schwingt dieses Unbehagen auch unbewusst in Verspohls holpriger Metapher mit. Ein ähnliches Problem stellt sich bei den sogenannten Stolpersteinen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus oder dem Berliner Denkmal für die Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz, die beide eine auffällige Bodennähe aufweisen. Es scheint, als habe Deutschland das Gespür für eine würdevolle Präsentation von Symbolen und Gedenkorten verloren.
Verena Verspohl war übrigens früher stellvertretende Direktorin des Laurentianums – jener Schule, die für die bunte Bemalung der Treppe verantwortlich ist. Ihre Ehefrau Nina Verspohl ist dort nach wie vor als Oberstufenkoordinatorin in der Schulleitung tätig und ebenfalls bei den Grünen engagiert. Medienberichten zufolge war Nina Verspohl maßgeblich am Treppenprojekt beteiligt. Hier zeigt sich eine enge personelle Verzahnung zwischen schulischer Vielfaltspädagogik und grüner Lokalpolitik. Offenbar stößt die bunte Treppe jedoch nicht bei allen Arnsberger Bürgern auf Zustimmung.
Ähnliche Erfahrungen mussten bereits im November die Düsseldorfer Grünen machen. Gemeinsam mit der SPD-Fraktion hatten sie sich in der Bezirksvertretung für eine “Regenbogenbank” eingesetzt. Über Nacht wurde daraus eine “Deutschlandbank” in Schwarz-Rot-Gold. Die Empörung der Grünen auf Facebook – “Wer eine Regenbogenbank überschmiert, zeigt keine Liebe zu unserem Land” – änderte daran nichts. Es scheint, als wachse in der Bürgerschaft der Überdruss an als “woke” wahrgenommenen Inszenierungen im öffentlichen Raum. Die Reaktionen zeigen sich nicht nur in Übermalungen, sondern auch im vermehrten Anbringen von Deutschlandflaggen.
Dieser Überdruss ist nachvollziehbar, denn die ideologische Vereinnahmung des Stadtbildes durch eine bestimmte Form der Vielfaltspropaganda wirkt auf viele zunehmend aufdringlich und ausschließend. Der Begriff “Totalitarismus” mag schwer wiegen, doch wie sonst ist der Zugriff auf Lebensbereiche zu benennen, die eigentlich politikfrei und für alle da sein sollten? Ein Fernsehprogramm kann man abschalten, eine Zeitschrift abbestellen – einer bunten Bahnhofstreppe oder einer politisch aufgeladenen Bank ist der Bürger jedoch im öffentlichen Raum ausgeliefert. Zumal viele dieser städtebaulichen Projekte bei näherer Betrachtung weniger menschenfreundlich sind, als sie vorgeben.
Ein Beispiel sind die Bänke, die “keinen Platz für Antisemitismus, Rassismus oder Ausgrenzung” bieten wollen. Um dies optisch umzusetzen, fehlt ihnen ein Stück der Sitzfläche. Wer würde einer solchen Bank öffentlich widersprechen, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, genau jene Haltungen zu billigen? Hier zeigt sich eine problematische Deutungshoheit: Ein politisch-medialer Komplex definiert, was unter “Ausgrenzung” oder “Rassismus” zu verstehen ist, und kann diese Definition zur Stigmatisierung abweichender Meinungen instrumentalisieren.
Dass man diese Bänke selten benutzt sieht, ist kein Indiz für weit verbreitete Ressentiments, sondern vielleicht ein Zeichen gesunden Misstrauens. Die Bürger wittern offenbar, dass es hier weniger um Inklusion als um Ideologie geht. Die Verlogenheit solcher Projekte wird besonders deutlich, wenn man ihren eigentlichen, unausgesprochenen Zweck betrachtet: Die verkürzte Sitzfläche ist ein typisches Beispiel für “hostile design” (feindliche Architektur). Sie soll verhindern, dass Obdachlose darauf schlafen können. Statt die Ursachen von Wohnungslosigkeit zu bekämpfen, werden die Symptome bekämpft – und der öffentliche Raum für Schwache unwirtlich gestaltet. Eine derart ausgrenzende Bank dann als Symbol für “Toleranz” zu feiern, grenzt an Hohn.
Letztlich verweisen beide Phänomene – die offiziell geförderte, regenbogenbunte Gestaltung von Innenstädten und die illegale Gegenreaktion mit Schwarz-Rot-Gold – auf eine tiefe gesellschaftliche Spaltung. Anders als in vielen anderen Ländern scheint es in Deutschland kaum mehr möglich, sich trotz politischer Differenzen auf gemeinsame, verbindende Symbole zu einigen. Diese feindselige Polarisierung lässt für die Zukunft nichts Gutes erahnen. Derzeit dominiert noch die “Regenbogenfraktion” und kann ihre Projekte durchsetzen. Sollte sich das Kräfteverhältnis ändern, dürfte der Gegenschlag ebenso kompromisslos ausfallen.
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