Migration: Die Flucht aus der Armut – Warum Entwicklungshilfe die einzige Lösung ist

Von Vijay Prashad

Seit seinem Start im Jahr 2014 dokumentiert das UN-Projekt “Missing Migrants” der Internationalen Organisation für Migration (IOM) Todesfälle auf Migrationsrouten. Die Datenbank, die als weltweit einzige öffentlich zugängliche Quelle dieser Art gilt, verzeichnet mindestens 33.220 Menschen, die seitdem bei der Überquerung des Mittelmeers ums Leben kamen oder verschwanden. Diese Zahl ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Die IOM räumt selbst ein, dass sie längst nicht jedes Boot erfassen kann, das die nordafrikanische Küste verlässt – und noch weniger jene, die ihr Ziel nie erreichen.

Noch gefährlicher als das Meer ist die Wüste südlich davon. Schätzungen zufolge fordert die Sahara-Durchquerung jährlich mehr Todesopfer als die Mittelmeerroute. Da sich diese Tragödien jedoch fernab der europäischen Küsten abspielen, erhalten sie kaum internationale Aufmerksamkeit.

Vor etwa zehn Jahren berichteten mir Überlebende auf einer Reise durch die Region von Leichen, die halb im Sand vergraben waren, und von den Hilferufen Zurückgebliebener. Es ist Alltag, dass auf solchen Trecks Menschen sterben: Sie fallen von überladenen Lastwagen oder werden von skrupellosen Schleusern erschossen. Diese lebensgefährlichen Wege nutzen Menschen aus dem gesamten afrikanischen Kontinent.

Ich denke oft an die Mutigen, die ich in der Sahara traf. Ihre Reise war kein Abenteuer, sondern eine verzweifelte Suche nach Arbeit und einem Auskommen. Nur wenige zog Europa als solches an; ihr eigentliches Ziel war schlicht ein Lebensunterhalt. In ihren Heimatländern, die durch Kriege, Sanktionen und Ausbeutung destabilisiert sind, finden sie innerhalb der bestehenden neokolonialen Strukturen keine Perspektive.

Die globale Migration hat sich seit 1990 verdoppelt: von 154 auf 304 Millionen Menschen im Jahr 2024. Würden alle Migrant:innen einen Staat bilden, wäre er nach Indien, China und den USA der viertbevölkerungsreichste der Welt. Ihr ökonomischer Beitrag ist enorm. Die Weltbank schätzt, dass die weltweiten Rücküberweisungen (Remittances) 2024 auf 905 Milliarden US-Dollar stiegen – ein Anstieg von 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Summe übertrifft die gesamten Auslands-Direktinvestitionen der USA, Japans und Chinas im selben Jahr. Für jeden achten Menschen auf der Welt sind diese Gelder eine essentielle Einkommensstütze. Migration ist somit kein Randphänomen, sondern ein zentrales Merkmal der Weltwirtschaft.

Für ärmere Nationen spielt Migration eine ambivalente Rolle in der Entwicklung. Einerseits zeigen Proteste, wie jene junger Menschen in Marokko und Nepal 2025, eine wachsende Rebellion gegen den wirtschaftlichen Zwang zur Auswanderung in prekäre Jobs. Die Jugend will lieber zu Hause arbeiten und ein erfülltes Leben in der eigenen Gemeinschaft führen. Dies zwingt Regierungen des Globalen Südens, nationale Entwicklungsstrategien mit Agrarreformen, Industriepolitik und öffentlichen Investitionen zu verfolgen.

Andererseits sind viele dieser Länder strukturell von Rücküberweisungen abhängig geworden. Sie bringen oft mehr Devisen ein als ausländische Direktinvestitionen, die 2023 in Entwicklungsländern um sieben Prozent auf 867 Milliarden US-Dollar fielen. Eine Wirtschaftsagenda im Globalen Süden muss sich daher mit dem Widerspruch auseinandersetzen: dem Verlust von Arbeitskräften durch Abwanderung bei gleichzeitiger makroökonomischer Abhängigkeit von deren Geldtransfers.

Kurzfristig müssen ärmere Nationen Wege finden, einen Teil dieser Rücküberweisungen in Entwicklungsfinanzierung zu lenken, anstatt dass sie vollständig für den täglichen Konsum aufgezehrt werden. Dies kann durch freiwillige öffentliche Spar- und Kreditinstrumente geschehen. Langfristig sind produktive Investitionen nötig, um Arbeitsplätze im Inland zu schaffen und den Migrationsdruck zu mindern.

Ein interessantes Beispiel liefert Mexiko. Unter Präsident Andrés Manuel López Obrador startete die Regierung 2023 ein Programm, das die Kosten für Überweisungen senken und den Zugang zu Finanzdienstleistungen erweitern sollte. Durch die staatliche Finanzinstitution Financiera para el Bienestar (Finabien) und eine dazugehörige App konnten Migrant:innen in den USA günstiger Geld nach Hause schicken. Dies senkte Transaktionskosten und brachte mehr Haushalte in das formelle Finanzsystem.

Doch Rücküberweisungen sind auch ein Schwachpunkt, da die dafür nötige Infrastruktur weitgehend vom Globalen Norden kontrolliert wird. Die US-Regierung unter Donald Trump verhängte beispielsweise eine einprozentige Steuer auf bestimmte Geldtransfers ab 2026 – ein politisches Druckmittel. Würden Programme wie Finabien ausgeweitet und in eine breitere Entwicklungsstrategie eingebettet, könnten die angesparten Gelder als stabile Einlagenbasis dienen. Entwicklungsbanken und gezielte Kreditprogramme könnten daraus langfristige Kredite für Infrastruktur und produktive Industrien vergeben.

Seit Jahrzehnten verhindern jedoch die Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds (IWF) genau solche Investitionen. Unter dem Deckmantel der “makroökonomischen Stabilisierung” priorisieren sie Gläubigerinteressen und erzwingen Sparmaßnahmen, Lohnrestriktionen und Kürzungen bei öffentlichen Investitionen. Dies schränkt die Handlungsfähigkeit von Staaten massiv ein und schafft eine “überschüssige” Bevölkerung, die zur Migration gezwungen ist.

Imperialistische Kriege und einseitige Zwangsmaßnahmen (Sanktionen) verschärfen diese Vertreibung, indem sie öffentliche Einnahmen untergraben, Infrastruktur zerstören und Handel blockieren. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk waren Ende 2024 weltweit 122 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben.

Entwicklungsstrategien, die keine produktiven Arbeitsplätze schaffen, exportieren lediglich Arbeitskräfte und verstärken die Abhängigkeit von Rücküberweisungen. Echte Entwicklung benötigt Maßnahmen, die Produktivität und öffentliche Kapazitäten steigern: von Agrarreformen über öffentliche Investitionen bis hin zu Industriepolitik. Nur so können Menschen in ihrer Heimat verwurzelt bleiben, Volkswirtschaften gestärkt und Zwangsmigration reduziert werden. Entwicklung, die keine existenzsichernde Arbeit schafft, verdrängt die Armen lediglich, statt sie aus der Armut zu befreien.

Migration muss daher als Konsequenz von Unterentwicklung und ungleichem Austausch verstanden werden – und nicht primär als Sicherheitsproblem des Globalen Nordens. Die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze in ärmeren Ländern ist die grundlegende Antwort. Dafür muss die Austeritätspolitik des IWF durch eine Agenda ersetzt werden, die fiskalischen Spielraum schafft, öffentliche Investitionen fördert und Industriepolitik ermöglicht.

Die Realität ist jedoch komplex. Der Globale Norden mit seiner schnell alternden Bevölkerung und niedrigen Geburtenrate ist in Schlüsselsektoren – von der Pflege und Landwirtschaft bis zum Bauwesen – auf Arbeitskräfte aus dem Süden angewiesen. Diese Abhängigkeit erstreckt sich auch auf hochqualifizierte Fachkräfte in Gesundheit, Ingenieurwesen und Wissenschaft. Paradoxerweise werden diese unverzichtbaren Migrant:innen dennoch oft diffamiert und kriminalisiert.

Dieser Widerspruch bleibt nicht unbemerkt. Massenproteste in den USA Ende Januar stellten die hochmilitarisierte Einwanderungspolitik der Trump-Regierung infrage, die mit Razzien, Inhaftierungen und Abschiebungen einhergeht. Die Spannungen spiegeln sich auch in der internationalen Politik wider. Der Globale Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration der Vereinten Nationen (2018) benennt drei zentrale politische Ziele:

  • Die Ursachen von Migration durch produktive Investitionen angehen (Ziel 2).
  • Arbeitskr* Die Arbeitskräftemobilität an demografische Gegebenheiten anpassen und reguläre Migrationswege verbessern (Ziele 5 und 18).
    * Die Kosten für Rücküberweisungen senken und finanzielle Inklusion fördern (Ziel 20).

    Der Pakt betont jedoch auch, dass Rücküberweisungen private Mittel sind und “nicht mit öffentlicher Entwicklungsfinanzierung gleichgesetzt werden können”. Dies unterstreicht den grundlegenden Widerspruch: Private Haushalte werden gezwungen, Lasten zu tragen, die eigentlich durch öffentliche Investitionen und eine gerechte globale Wirtschaftsordnung abgefedert werden müssten.

    Die Lösung liegt nicht in höheren Mauern oder schärferen Grenzkontrollen, sondern in der Überwindung der wirtschaftlichen und politischen Strukturen, die Menschen zur Flucht zwingen. Es geht um die Wahl zwischen einer Welt, die Arbeitskräfte exportiert, und einer, die menschenwürdige Perspektiven für alle schafft.

    Aus dem Englischen übersetzt von Olga Espín. Gekürzt und redaktionell bearbeitet.

    Vijay Prashad ist ein indischer Historiker, Autor, Journalist und Mitarbeiter des Tricontinental: Institute for Social Research.

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