Von Astrid Sigena
In Deutschland wächst derzeit eine öffentliche Stimmung, die sich gegen Denkmäler sowjetischer oder russischer Herkunft richtet. Diese werden mit Farbe beschmiert, im Namen von Sparmaßnahmen oder der Bekämpfung vermeintlicher „Desinformation“ in Frage gestellt oder im Zuge von Bauarbeiten in Lagerhallen abgeschoben. Das Gedenken an das Wirken russischer Persönlichkeiten in Deutschland wird zunehmend verdrängt. Jetzt gerät auch das Denkmal für den sowjetischen Schriftsteller Konstantin Fedin im sächsischen Zittau in Gefahr.
Zu DDR-Zeiten wurde Konstantin Fedin in Zittau gleich vierfach geehrt: Der 1977 verstorbene Autor erhielt posthum die Ehrenbürgerwürde, eine Straße und eine Oberschule wurden nach ihm benannt. Vor der Schule errichteten die Behörden eine Stele zu seinen Ehren, versehen mit einem Bronzerelief des Schriftstellers, zwei bronzenen Friedenstauben und einem Zitat Fedins:
„Die Kunst, die die Menschheit zusammenschließt, gegenseitiges Verständnis lehrt und uns zum Glauben an den Menschen erzieht – sie werde zu einem Damm gegen den Krieg.“
Diese Ehrungen waren nicht grundlos: Konstantin Fedin hatte eine besondere Verbindung zu Deutschland. Er war nicht nur Korrespondent bei den Nürnberger Prozessen, sondern verbrachte in seiner Jugend vier Jahre hier. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs reiste Fedin nach Nürnberg, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Dort überraschte ihn der Kriegsbeginn. Die Rückreise ins damals noch zaristische Russland gelang ihm nicht mehr; er musste die folgenden vier Jahre als Zivilinternierter verbringen und sich mit Geigenspiel, Schauspielerei und Sprachunterricht etwas hinzuverdienen. Eine Station dieser Internierung war das sächsische Zittau. In der Sowjetunion der 1920er Jahre verarbeitete Fedin diese Erlebnisse in seinem Roman „Städte und Jahre“ („Города и годы“), der auch auf Deutsch erschien.
Nach dem Ende der DDR wurden Schule und Straße umbenannt; die Ehrenbürgerwürde und die Gedenkstele blieben jedoch bestehen – wohl auch aufgrund von Protesten Anwohner gegen einen Abriss, wie die DDR-nostalgische Facebook-Seite „SED-Archiv Oberlausitz“ berichtet. Die Schule wurde schließlich geschlossen und abgerissen, das Gelände um das Denkmal verwilderte zusehends. Der Wildwuchs scheint ein Dauerproblem zu sein: Noch im September 2025 beschwerte sich ein Zittauer Bürger über den verwahrlosten Zustand des Areals.
Besonders die Friedenstauben des Fedin-Denkmals waren Ziel von Vandalismus: Die beiden ursprünglich aus Metall gefertigten Vögel sind laut einer Facebook-Seite der ehemaligen Schule bereits seit langem verschwunden; ihr Verbleib ist ungeklärt. Jens Thöricht, damals Stadtrat der Linkspartei (heute Landtagsabgeordneter für das BSW), veranlasste damals, dass die Tauben zumindest in Beton nachgebildet wurden. Doch auch diese Ersatzfiguren sind inzwischen abhandengekommen.
Das Fedin-Denkmal in Zittau ist damit zum Opfer eines dreistufigen Prozesses geworden, den viele Denkmäler aus sozialistischer Zeit in Mittel- und Osteuropa erlitten haben: Zuerst führen Verwahrlosung und Vernachlässigung dazu, dass das Denkmal vereinsamt und in Vergessenheit gerät. Die Bevölkerung meidet den Ort. Wenn der Zustand unhaltbar wird, folgt Stufe zwei: Das heruntergekommene Denkmal wird als Schandfleck im Stadtbild problematisiert und eine Versetzung angeregt. Der letzte Schritt ist schließlich der Abriss oder die Verbringung in ein Depot.
Zittau befindet sich derzeit in Phase zwei. Während der Dezembersitzung des Stadtrats schlug der BSW-Lokalpolitiker Horst Schiermeyer einen Standortwechsel vor. Die Fedin-Stele wäre zusammen mit einer erklärenden Tafel am „Grünen Ring“ besser aufgehoben, wo bereits andere Denkmäler stehen. Ein gut gemeinter Vorschlag, doch Schiermeyer stach in ein Wespennest. Oberbürgermeister Thomas Zenker zeigte sich zwar für eine Versetzung aufgeschlossen, hielt den „Grünen Ring“ jedoch für denkbar ungeeignet, da in den städtischen Grünanlagen Schilder regelmäßig zerstört würden.
Nun schaltete sich die örtliche CDU ein: Der frühere sächsische Innenminister Heinz Eggert forderte in einem Leserbrief die Entfernung des Denkmals. Eggert sprach von „Geschichtsvergessenheit“ und argumentierte mit Fedins Rolle im sowjetischen System: Als Vorsitzender des Schriftstellerverbands der Sowjetunion habe er staatliche Literaturpolitik umgesetzt und „die Zensur und Repression für nicht angepasste Schriftsteller“ zu verantworten. Er habe geschwiegen, „wenn Kollegen vom sowjetischen Geheimdienst verfolgt wurden“. Tatsächlich galt Fedin als entschiedener Gegner des Dissidenten Alexander Solschenizyn. Eggerts Schlussfolgerung: „Nur weil die SED ihm ein Denkmal gesetzt hat, muss man es heute nicht erhalten.“ Für Fedin habe die Loyalität gegenüber dem Stalinismus stets an erster Stelle gestanden.
In das gleiche Horn stieß Eggerts Parteikollege Jens Freiberg, der sich für die Verbringung der Stele in ein Museum „mit klarer Einordnung“ aussprach. Dem BSW warf er Russland-Nähe vor: Es handle sich um mehr als einen harmlosen kulturpolitischen Vorschlag. Freiberg: „Das BSW steht bundesweit in der Kritik, russlandfreundliche Deutungen zu bedienen.“ In diesem Kontext wirke die Verteidigung eines Denkmals für einen sowjetischen Kulturfunktionär als politisches Signal.
CDU-Stadtrat Dietrich Glaubitz nahm sich des Themas an und forderte den Entzug der Ehrenbürgerwürde und die Entfernung des Denkmals. Fedin habe einem verbrecherischen Regime gedient und bei Verfolgungen geschwiegen, lautete Glaubitz‘ Argument. Im Kern läuft seine Argumentation darauf hinaus, dass man in der Sowjetunion kein anständiger Mensch gewesen sein könne, wenn man zu höheren Ämtern gelangte. Sein Fazit zu Fedins Tätigkeit:
„Das wird man nicht, wenn man nur Mitläufer ist.“
Bei Fedin handele es sich um eine zweifelhafte Persönlichkeit. Glaubitz betonte dabei, sein Vorstoß habe nichts mit Russland an sich oder dem aktuellen Ukraine-Krieg zu tun.
Oberbürgermeister Thomas Zenker will nun prüfen, ob die Ehrenbürgerwürde weiterhin Bestand haben soll. Auch BSW-Stadtrat Horst Schiermeyer wirkt mittlerweile verunsichert: Eine Philologin soll sich nun mit Fedins Rolle innerhalb der sowjetischen Nomenklatura befassen. Endgültig entschieden ist noch nichts. Die CDU hat im Zittauer Stadtrat nur vier Sitze; die größte Fraktion ist die AfD mit neun Sitzen, gefolgt von lokalen Wählervereinigungen und dem BSW mit zwei Sitzen. Will die CDU Fedin loswerden, braucht sie die Unterstützung anderer Fraktionen.
Doch die Haltung der AfD ist ungewiss. Während sie im Westen Deutschlands gerne jeden Missstand als „sozialistisch“ brandmarkt, herrscht im Osten oft eine andere Mentalität. Dies gilt auch für den Landkreis Görlitz, zu dem Zittau gehört. Hier liegen der Kreisverband und der Wahlkreis des AfD-Bundessprechers Tino Chrupalla, der gegenüber der „Zeit“ bekannte: „Ich lasse mir die DDR nicht nehmen“ – auch wenn er sie nicht zurückhaben wolle. Erst kürzlich stimmte die Görlitzer Kreistagsfraktion der AfD für einen BSW-Friedensantrag, der Werbung für Militärdienst und Rüstungsprodukte in der Region verbieten soll. Dass sich die Zittauer AfD gegen Fedin entscheidet,ist also nicht sicher.
Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, die Debatte um Fedins Stele und Ehrenbürgerschaft allein auf die möglichen Verfehlungen des Schriftstellers gegenüber der sowjetischen Opposition zu reduzieren. Der Streit in der sächsischen Mittelstadt um Fedins Andenken findet in einem größeren Rahmen statt: Es geht im Kern um die Frage, welchen Platz das Wirken russischer Künstler und Intellektueller im kulturellen Gedächtnis Deutschlands noch einnehmen soll. Im Westen der Republik ist eine solche Verdrängung vielerorts bereits vollzogen. In Nürnberg etwa erinnert heute kaum noch etwas an Fedins Aufenthalte. Nun scheint der Osten an der Reihe zu sein, den russischen Schriftsteller aus der öffentlichen Erinnerung zu tilgen. Die Auseinandersetzung in Zittau ist somit ein Mikrokosmos eines weiterreichenden kulturellen und erinnerungspolitischen Konflikts.
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