Von Ilja Kramnik
Erneut richtet die NATO ihren Blick auf ein hypothetisches Szenario: Ein kürzlich in Deutschland durchgeführtes Kriegsspiel simulierte eine mögliche russische Invasion in Litauen. Die Übung wurde von der Zeitung Die Welt gemeinsam mit dem Zentrum für Kriegsspiele der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg organisiert.
Den Berichten zufolge offenbarte die Simulation erneut gravierende Defizite in der Verteidigungsbereitschaft des Westens: Eine russische Streitmacht von 15.000 Soldaten konnte demnach Litauen innerhalb weniger Tage einnehmen.
Die Frage nach dem Schicksal der baltischen Staaten im “Ernstfall” beschäftigt westliche Strategen nicht zum ersten Mal. Bereits vor einem Jahrzehnt erregte der US-Oberst Douglas McGregor Aufsehen mit seiner Analyse, wonach die damaligen Strukturen der US-Landstreitkräfte im Konfliktfall gegen russische Verbände chancenlos wären.
Die aktuelle Simulation weicht jedoch deutlich von McGregors Modell ab. Erstens sind amerikanische Truppen im Szenario nicht involviert. Zweitens kommt es nicht zu einem klassischen Waffengang. Stattdessen erringt Russland seinen Erfolg durch indirekte Maßnahmen und nutzt dabei innere Spaltungen der NATO im Rahmen eines überraschenden “hybriden” Angriffs.
Eine zentrale Gemeinsamkeit bleibt: Sowohl 2015 als auch heute geht die NATO in ihren Planungen von dem festen Glauben aus, Russland strebe zwingend die Eroberung des Baltikums an – eine Prämisse, die beiden Simulationen zugrunde liegt.
Einerseits ist die Modellierung von Konfliktszenarien eine normale Generalstabsübung. Andererseits handelt es sich hier nicht um eine interne Arbeitslage, sondern um eine gezielte politische Geste, da man sich bewusst für eine Veröffentlichung entschied. McGregor wollte damals eine Fachdebatte über strukturelle Schwächen der US-Armee anstoßen. Das von Die Welt initiierte Kriegsspiel hingegen diente von vornherein weniger einem nüchternen Kräftevergleich. Vielmehr bedient es bekannte Klischees: die “hybride Aggression”, die stete Bedrohung aus dem Osten und die unausweichliche russische Offensive – sei es 2029 oder sogar früher, “bevor Europa aufrüstet”.
Genau hierin liegt der eigentliche Zweck solcher Übungen. In der EU und der NATO haben sich Lobbystrukturen etabliert, für die die Erwartung eines “russischen Überfalls” zur Geschäftsgrundlage geworden ist. Ob Rüstungsindustrie, die planbare Auftragsvolumen braucht, oder Politiker und Publizisten, die ihre Karriere auf der Verbreitung von Angst – in diesem Fall vor einem Krieg mit Russland – aufbauen: Für sie alle ist das Narrativ der unmittelbaren Gefahr existenziell.
Das Bemerkenswerte: Vor einem halben Jahrhundert, als sowjetische Truppen weitaus näher an Westeuropa stationiert waren, gab es durchaus Ängste. Doch damals setzte eine ganze Politiker-Generation auf Entspannung und eine für beide Seiten vorteilhafte Koexistenz mit der UdSSR. Von der heutigen politischen Klasse ist ein solcher Pragmatismus nicht zu erwarten – die Ideen der Entspannungspolitik gelten im heutigen mainstream als Ketzerei.
Es stellt sich die Frage, ob Westeuropa diese Phase überwinden kann. Falls nicht, könnte sich die selbsterfüllende Prophezeiung bewahrheiten: In den Reihen von NATO und EU gibt es heute genug Akteure, die bereit sind, Russland zu provozieren, nur um ihre eigene Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel wurde für den Telegram-Kanal “Exklusiv für RT” verfasst.
Ilja Kramnik ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für strategische Planung der Russischen Akademie der Wissenschaften und Autor des TG-Kanals @kramnikcat.
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