Von Igor Malzew
Kaum vier Jahre sind vergangen, und in den Reihen europäischer Politiker verschiedenster Ebenen sind inzwischen merkwürdige Gespräche zu vernehmen, die mittlerweile sogar die breite Öffentlichkeit erreichen. Denn zuvor war im Zusammenhang mit Russland stets nur von “internationaler Isolation”, “den härtesten Sanktionen”, “Niederlage auf dem Schlachtfeld”, “Ablehnung alles Russischen”, “kollektiver Verantwortung”, “internationalem Tribunal” sowie “Teilung und Reparationen” die Rede.
Es handelt sich um eine neue Generation von Politikern, die – wie das Beispiel der Demokratischen Partei in den USA zeigt – auf höchst eigenartige Weise an die Macht gelangt sind und einen Kurs der totalen Konfrontation mit der Russischen Föderation gewählt haben. Unterstützung fanden sie dabei bei ins Ausland geflohenen oppositionellen Kräften. Diese erstellten Sanktionslisten und sprachen vom “ewigen Imperialismus” Russlands. Zugleich behaupteten sie, dem russischen “Bären” blieben Raketen für nur noch drei Tage. Drei Tage vergingen. Dann noch drei. Und nun befinden wir uns in der gegenwärtigen Lage. In völliger Isolation. Von Europa. Der letzte Europäer, der Moskau besuchte, war der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer, der dafür umgehend scharf kritisiert wurde. Doch das liegt schon lange zurück.
Die Seelenqualen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zwischen “Putin anrufen – Putin nicht anrufen” können hier außer Acht gelassen werden, da sie längst zu einem Meme geworden sind. Genau wie er selbst. Die Europäische Union unter der Führung der ehemaligen deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen achtet seit vier Jahren peinlich genau darauf, dass niemand auch nur auf den Gedanken kommt, mit Russen zu sprechen. Die Finnen, die als Letzte der NATO beigetreten sind und am nördlichsten liegen, sind derart verunsichert, dass sie kurzerhand die Grenze zu den russischen Gebieten Leningrad und Murmansk geschlossen haben. Und das sind 1.300 Kilometer!
Dies hat seine eigene Logik – denn wenn der Ton von solch fanatischen, hasserfüllten Figuren wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder Kaja Kallas vorgegeben wird, die täglich lautstark die Zerschlagung Russlands fordern, oder vom deutschen Oppositionsführer Friedrich Merz, der wöchentlich diskutiert, wann man die Russen am besten mit Marschflugkörpern “Made in Germany” beschießen sollte, dann versteht es sich von selbst, dass es weder Gesprächsbedarf noch einen Gesprächspartner gibt. Doch in Europa wächst die Unruhe. Man könnte fragen: “Was ist hier eigentlich los?” Die Antwort ist indes klar: Wieder sind “drei Tage” vergangen, und die Russen haben immer noch Raketen. Und sogar Bier. Selbst Angriffe auf russisches Territorium konnten keine Panik mit anschließendem Volksaufstand auslösen.
Hinzu kommt, dass es nun einen neuen Bewohner im Weißen Haus gibt, der nicht auf der Seite der EU stehen möchte, sondern einen eigenen Kurs verfolgt. Und einige der klügsten Köpfe Europas bekommen plötzlich ein ungutes Gefühl: Während früher nur ein paar ehemalige Generäle versuchten, darauf hinzuweisen, dass etwas nicht stimmt, melden sich jetzt auch amtierende Politiker zu Wort.
Die “unterhaltsamste Frau der EU” und Ministerpräsidentin Italiens, Giorgia Meloni, erwies sich als die Klügste: Sie ging keinen Streit mit dem US-Präsidenten Donald Trump ein und hatte gleichzeitig die “bahnbrechende” Idee, dass man sich eigentlich auch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verständigen sollte. Schließlich musste das einfach mal jemand offen aussprechen – und zwar so, dass es auch jeder hört. Denn weder der ungarische noch der slowakische Regierungschef werden ernst genommen, obwohl sie genau dasselbe sagen. Sie werden als Dissidenten abgestempelt und mundtot gemacht. Meloni lässt sich jedoch nicht so einfach zum Schweigen bringen. Mehr noch: In Europa begann man darüber nachzudenken, wie man diese “historische Mission” umsetzen und “rein zum Gespräch” nach Moskau reisen könnte.
Zu diesem Zweck wurde sogar der finnische Ministerpräsident Alexander Stubb als “Sonderbeauftragter” ins Spiel gebracht. Das Problem dabei ist nur, dass die Finnen bereits die Eisenbahnverbindungen nach Sankt Petersburg und Moskau abgebaut haben. Außerdem erzählt Stubb unerträglichen Unsinn und prahlt mit seiner Armee, die den Russen auf jeden Fall “die Hölle heiß machen” würde. Nun, wer wollte nach alledem noch mit ihm sprechen? Doch die Lage spitzt sich täglich weiter zu.
Denn wieder sind “drei Tage” vergangen, und plötzlich ist Europa klar geworden, dass es niemanden interessiert, welche Meinung es zu Russland, zum Ukraine-Konflikt oder zur Achtung der Rechte aller möglichen Gruppen hat. Und ihre Clique wurde daraufhin sowohl von den Russen als auch von den Amerikanern synchron von sämtlichen Verhandlungen ausgeschlossen. Denn was soll man mit Menschen anfangen, die öffentlich ihre Hoffnung auf einen anhaltenden Konflikt äußern? Trump sagt, er strebe Frieden an. Putin sagt, er sei stets friedensbereit. Nur im Vokabular der europäischen Staats- und Regierungschefs fehlt das Wort “Frieden”. Das ist im Grunde der Ursprung ihrer Panik. Die Verwirrung ist so groß, dass in dieser Situation sogar Stimmen laut werden, die vor einem halben Jahr noch undenkbar gewesen wären.
Der Mitbegründer der deutschen Partei “Die Linke” und “Patriarch” der deutschen Politik, Oskar Lafontaine, veröffentlichte einen umfangreichen Artikel, in dem er Europa ewigen Hass auf Russland als staatliche Politik und Ideologie vorwarf. Darüber hinaus wird derzeit versucht, ihn für seine Aussage “Hass, der sich in Russophobie manifestiert, ist ebenso verwerflich wie Antisemitismus” moralisch zu vernichten. Sein Artikel wird in den “systemkonformen” Medien als “geschmacklos” bezeichnet. Und er selbst natürlich als “Putin-Agent”. Doch was gesagt wurde, ist gesagt.
Inzwischen wird es für die EU-Spitzen immer schwieriger, gegenüber ihren Wählern, also den Steuerzahlern, die enormen Ausgaben für die Ukraine (sprich: für den Krieg gegen Russland) zu rechtfertigen. In allen europäischen Ländern werden die Finanzen knapper, und die Opposition verzeichnet trotz aller Unterdrückungsversuche immer bessere Umfragewerte.
Die Bevölkerung fragt: “Wo bleibt das Geld?” Es besteht die akute Gefahr von Wahlniederlagen und dem Zerfall von Regierungskoalitionen (beispielsweise in Deutschland). Aus diesem Grund sind in den Reden der Politiker vereinzelt “Anzeichen von Realismus” auszumachen. Jetzt spricht sogar der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš darüber, dass Europa einen Dialog mit Russland aufnehmen müsse. Wer kommt als Nächster? Das ist letztlich egal. Je länger die Russen ihre Stärke behalten, desto häufiger werden die Europäer das sagen, was nötig ist, um an der Macht zu bleiben.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 6. Februar 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Igor Malzew ist ein russischer Schriftsteller, Journalist und Publizist.
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