Vor gerade einmal drei Monaten deckten Presseberichte einen florierenden Handel mit gefälschten Zertifikaten über bestandene Integrationskurse auf. Damals standen Sprachschulen im Fokus, die nur auf dem Papier existierten, dennoch aber gegen eine Gebühr von etwa 1.500 Euro entsprechende Nachweise ausstellten. Die Polizeigewerkschaft schätzte damals, dass die Zahl dieser gefälschten Dokumente in die Hunderttausende gehen könnte.
Der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft forderte daraufhin, “sämtliche Verfahren, für die ein solches Zertifikat verlangt wird, umgehend auszusetzen” und bereits erteilte Aufenthaltstitel zu überprüfen. Dies könnte sogar Einbürgerungen betreffen. Beispielsweise rühmte sich das Land Berlin noch im vergangenen Sommer damit, den Einbürgerungsprozess digitalisiert zu haben – inklusive des Verzichts auf einen persönlichen Termin zur Übergabe der Urkunde.
Als Reaktion änderte der Bundestag Anfang Dezember das Staatsangehörigkeitsgesetz (§ 35). Seitdem kann eine Einbürgerung, die durch “arglistige Täuschung” oder “durch vorsätzlich unrichtige oder unvollständige Angaben” erwirkt wurde, bis zu zehn Jahre lang rückgängig gemacht werden. Eine flächendeckende Überprüfung blieb jedoch aus; es werden lediglich Einzelfälle geprüft. Gleichwohl soll künftig verstärkt auf die Echtheit der vorgelegten Zertifikate geachtet werden.
Bereits im November gab es im Raum Stuttgart und Heilbronn Durchsuchungen bei zwei Sprachschulen und elf Wohnungen. Im Zentrum standen 15 Verdächtige, die in Zusammenarbeit mit Sprachschulen die Prüfungsergebnisse ihrer “Kundschaft” nachträglich manipuliert hatten – für bis zu 3.000 Euro. Die Ermittler gingen von mindestens hundert solcher Fälle aus.
Nun wurden in Nürnberg zwei Männer festgenommen, die eine andere Methode zur Beschaffung gefälschter Zertifikate anwandten: ein 22-jähriger Deutscher und ein 39-jähriger Iraker. Gegen beide wird bereits seit Oktober 2025 ermittelt. Der Iraker organisierte für Prüflinge Stellvertreter mit gefälschten Papieren, die die Sprachprüfung ablegten; der Deutsche fungierte als einer dieser Prüfungsstand-ins. Für zwischen 2.500 und 6.000 Euro erhielten die “Kunden” des Netzwerks so ein echtes Zertifikat – mit dem einzigen Makel, dass die darauf genannte Person die Prüfung gar nicht selbst abgelegt hatte.
Der in Bayern aktive Iraker rekrutierte seine Stellvertreter vor allem in Nordrhein-Westfalen und agierte offenbar im großen Stil: Allein im Dezember waren 20 dieser Ersatzprüflinge auf dem Weg zu Prüfungsterminen. In einem Prüfungsraum wurden schließlich zehn Personen mit falschen Personalien enttarnt.
Bei den Durchsuchungen der Wohnungen der beiden Verdächtigen wurden, so die Nürnberger Kriminalpolizei, “zahlreiche Datenträger, gefälschte Aufenthaltstitel und Sprachtests sowie eine große Menge Bargeld und eine geringe Menge Betäubungsmittel gefunden”. Beide Männer sitzen in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen erstrecken sich mittlerweile bundesweit; die Beamten gehen “von einer hohen zweistelligen Anzahl weiterer Ermittlungsverfahren aus”.
Auch bei dieser Methode stellt sich erneut die Frage, wie viele Aufenthaltstitel oder sogar Einbürgerungen auf diese Weise erschlichen wurden. So verlangt beispielsweise das Berliner Landesamt für Einwanderung im Einbürgerungsverfahren nach wie vor keine persönliche Vorsprache, sondern bearbeitet den Prozess in der Regel vollständig digital. In Rheinland-Pfalz wiederum kritisierte die CDU – mitten im Landtagswahlkampf –, dass dort eine Sprachprüfung durch ein persönliches Gespräch ersetzt werden kann.
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