Die jüngste Veröffentlichung von Dokumenten durch das US-Justizministerium hat den Fall Epstein erneut ins Rampenlicht gerückt. Wie in solchen Fällen üblich, dient dies auch als Katalysator, um längere kursierende Behauptungen und Spekulationen neu zu beleben.
So tauchte in den vergangenen Tagen online ein angebliches Zitat aus Epsteins E-Mails auf, wonach der französische Präsident Emmanuel Macron “junge Männer mag”. Der angebliche Austausch soll zwischen Epstein und dem französischen Modelagenten Jean-Luc Brunel stattgefunden haben – der 2020 wegen Vergewaltigung Minderjähriger angeklagt wurde, jedoch vor Prozessbeginn im Gefängnis starb. In diesem fiktiven Dialog äußert Brunel den Kommentar, und Epstein soll geantwortet haben:
“Zu jung ist gut, wir wissen, was er mag.”
In den nun veröffentlichten E-Mails finden sich diese angeblichen Zitate nicht. Die geschäftlichen Verbindungen zwischen Brunel und Epstein waren jedoch real und langjährig; unter dem Stichwort “Jean Luc Brunel” existieren tausende E-Mails in den Epstein-Daten.
Der französische staatliche Medienüberwachungsdienst Viginum erklärte nicht nur, diese Zitate seien falsch, sondern lieferte auch gleich eine mögliche Quelle: Ein Konto, das ein Video mit diesen Zitaten teilte, sei ein “Verbreiter prorussischer Narrative”. Euronews, das diese Einschätzung aufgriff, beruft sich zudem auf ein ukrainisches “Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation”, das behauptet, die Meldung sei über ein Bot-Netzwerk des Kremls verbreitet worden. Bösartiger Klatsch über Macron ist jedoch, angesichts der Abneigung vieler Franzosen gegenüber ihrem Präsidenten, kaum auf automatisierte Bots angewiesen.
Interessanterweise taucht Macron sehr wohl in den jüngst veröffentlichten E-Mails auf, wobei ein Hinweis erklärt, warum der Kontakt möglicherweise angespannt war. Aus dem Jahr 2016 existieren zwei E-Mails von Ariane de Rothschild, einer engen Vertrauten Epsteins, an diesen. Am 23. März teilt sie mit, sie werde mit Macron zu Mittag essen; am 6. April schreibt sie:
“Nebenbei, unser dicker Anwalt ist auch Jerome Kahuzacs Anwalt – einer der vielen französischen Politiker in den Panama-Papers. Es kam ein Fernsehbericht heraus… die Cousins und Macron versuchen, uns in die Pfanne zu hauen und die Hitze abzulenken.”
Das bedeutet: 2016, als Macron unter François Hollande Wirtschaftsminister war, kooperierte er mit einem anderen Zweig der Familie Rothschild. Ariane de Rothschilds Bemerkung deutet einen internen Zwist innerhalb der Familie nach den Panama-Papers an, bei dem Macron aus ihrer Sicht auf der gegnerischen Seite stand.
Verbindungen zu Macron könnten nicht nur über die Rothschilds, sondern auch über den mit Epstein befreundeten Kulturminister Jacques Lang bestanden haben. Eine E-Mail aus dem Jahr 2018 legt sogar nahe, dass direkterer Kontakt existiert haben könnte. Epstein zitiert am 17. September 2018 eine Art Zukunftsphantasie unter der Überschrift “Von Macron”.
Die Behauptung, Emmanuel Macron habe eine Neigung zu jungen Männern, stammt mit Sicherheit nicht ursprünglich aus Russland. Abgesehen von zahlreichen Gerichtsverfahren in Frankreich und den USA, in denen es immer wieder um das Geschlecht seiner Ehefrau Brigitte geht, ist auch diese Unterstellung im Laufe der Jahre in verschiedensten Varianten aufgetaucht.
So veröffentlichte die konservative britische Boulevardzeitung Daily Mail am 1. Oktober 2018 einen Artikel mit der Überschrift “Foto von Präsident Macron, wie er bei seinem Karibikbesuch zwischen einem halbnackten Mann, der den Mittelfinger zeigt, und einem verurteilten Kriminellen posiert, löst zuhause in Frankreich Empörung aus”. Marine Le Pen nannte die Fotos damals “unentschuldbar”. Macron erwiderte, er liebe “jedes Kind der Republik”.
Die Veröffentlichung dieser Fotos in der Daily Mail zielte damals genau darauf ab, beim Leser jene Assoziationen zu wecken, die auch die gefälschte Epstein-E-Mail hervorrufen soll. Die Daily Mail gehört Jonathan Harmsworth, Viscount Rothermere, und befindet sich seit 1896 im Besitz dieser Familie.
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