Mit dem Triumph im Super-G vollendet der Berner Oberländer sein olympisches Debüt auf spektakuläre Weise: drei Starts, drei Goldmedaillen. Eine makellose Bilanz, wie sie selbst in den Annalen des Skisports eine absolute Rarität darstellt.
“Ich begreife noch nicht ganz, was hier passiert”, sagt von Allmen später. “Es fühlt sich an wie ein Film.”
Der 24-Jährige betritt mit dieser Leistung historisches Terrain. Drei Olympiasiege bei denselben Spielen gelangen vor ihm nur den Legenden Toni Sailer (1956), Jean-Claude Killy (1968) und Janica Kostelic (2002). In der Schweizer Skigeschichte steht er damit einzigartig da. Während Vreni Schneider ihr Gold auf zwei Olympiaden verteilte, blieb es für Ikonen wie Pirmin Zurbriggen, Bernhard Russi oder Beat Feuz bei einem einzigen Olympiasieg.
Dabei schien der Super-G lange nicht nach einer Goldfahrt auszusehen. Von Allmen unterliefen kleine Fehler – nicht gravierend, aber ausreichend, um im Ziel zunächst mit einem Platz außerhalb der Podestränge zu rechnen. Doch die Stelvio-Piste veränderte sich mit den steigenden Temperaturen zunehmend. Ein Fahrer nach dem anderen scheiterte an der Zeit des Schweizers. Selbst der große Favorit Marco Odermatt kam nicht mehr heran und musste sich mit Bronze zufriedengeben. Silber sicherte sich der Amerikaner Ryan Cochran-Siegle, nur 13 Hundertstel hinter von Allmen.
Odermatt konstatierte, dass kleine Unachtsamkeiten gegen einen Fahrer in diesem Flow nicht verziehen würden. Von Allmen selbst brachte es nüchterner auf den Punkt:
“Momentan reicht es sogar, wenn meine Fahrt nicht perfekt ist.”
Eine Aussage, die einen Zustand beschreibt, den selbst Weltklasseathleten nur äußerst selten erreichen.
Dass dieser außergewöhnliche Höhenflug kein Zufall ist, erläutert Speed-Trainer Reto Nydegger. Der Ursprung liege eine Woche vor Olympia im Weltcup von Crans-Montana. Dort gewann von Allmen die Abfahrt mit großem Vorsprung und ohne jedes erkennbare Risiko.
“Dieses Rennen hat ihm gezeigt, dass er nicht ans Limit gehen muss, um zu gewinnen”, sagt Nydegger.
Das Trainerteam habe bewusst darauf verzichtet, über mögliche Rekorde oder historische Dimensionen zu sprechen. Auch die olympischen Rennen seien wie normale Wettkämpfe behandelt worden.
Auffallend ist die unerschütterliche Gelassenheit, mit der von Allmen diese Spiele bestreitet. Vor seinen Starts ist bei ihm kaum Nervosität auszumachen. Druck scheint an ihm abzuprallen. Er selbst erklärt dies mit einer bewussten Reduktion: nicht zu viel denken, nicht zu viel analysieren. Vor dem Super-G habe er sich gesagt, er sei ohnehin schon Olympiasieger und könne zufrieden abreisen.
Abseits der Piste sucht der Athlet den Ausgleich fernab des Rampenlichts – bei Motocross, mit Oldtimern und dem Schraubenschlüssel in der Hand statt vor Mikrofonen. Diese Haltung bewahrt er auch im olympischen Trubel.
“Ich habe mich auf das konzentriert, was ich kontrollieren kann”, sagt er.
Dass selbst scheinbar banale Faktoren wie die Unterkunft oder der Tagesablauf stimmen, ist für Trainer Nydegger kein nebensächliches Detail.
“Er kommt an und fühlt sich wohl. Das hilft.”
Ganz spurlos gingen die anstrengenden Tage dennoch nicht an ihm vorüber. Drei Rennen innerhalb von fünf Tagen, dazu die Feiern nach den ersten Medaillenerfolgen.
“Ich bin da manchmal etwas labil”, sagt von Allmen und lächelt.
Nach dem zweiten Gold habe Nydegger ihn sanft, aber bestimmt an eine frühe Nacht erinnert. Diese Erholung zahlte sich aus.
Mit dem Super-G-Sieg ist von Allmen nicht nur dreifacher Olympiasieger, sondern auch der erste Schweizer überhaupt, der diese Disziplin bei Olympischen Spielen für sich entschied. Eine fast schon nebensächliche Randnotiz angesichts der historischen Dimension dieser Tage.
Als von Allmen schließlich vom Leader’s Chair aufsteht, ist aus dem anfänglichen Staunen keine Ungläubigkeit mehr geworden. Eher eine ruhige Gewissheit. In Bormio hat sich ein neuer Name dauerhaft in die Geschichtsbücher des Skisports eingeschrieben.
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