Groß-Gerau sagt NEIN: So torpediert eine Gemeinde Deutschlands digitale Zukunft

In Politikerkreisen in Berlin und Brüssel ist der Begriff der „digitalen Souveränität“ in aller Munde. Gemeint ist damit nicht nur die physische Standortfrage der Server, die unsere „Cloud“ bilden, sondern auch die Kontrolle über Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz, die auf ebendiesen leistungsstarken Rechenzentren basieren.

Vor diesem Hintergrund ist die jüngste Entscheidung einer hessischen Kleinstadt besonders bemerkenswert. In Groß-Gerau, unweit des zentralen deutschen Internetknotens in Frankfurt, plante der US-amerikanische Rechenzentrumsbetreiber Vantage den Bau einer Anlage mit einem Investitionsvolumen von geschätzten 2,5 Milliarden Euro. Das Unternehmen, das bereits Standorte in Frankfurt und Berlin betreibt, hatte das benötigte Grundstück bereits erworben.

Für die hochverschuldete Stadt mit ihren 24.000 Einwohnern schien das Projekt ein Glücksfall: Hunderte neuer Arbeitsplätze und erhebliche Gewerbesteuereinnahmen wurden in Aussicht gestellt. Angesichts der prognostizierten, rasant wachsenden Nachfrage nach Rechenleistung, mit der Deutschland international bereits jetzt kaum Schritt hält, wäre der Zuwachs an Kapazitäten willkommen gewesen.

Doch der Plan, fünf Gebäude mit einer Höhe von je 30 Metern zu errichten – und damit die höchsten Bauwerke der Gemeinde –, rief eine Bürgerinitiative auf den Plan. Diese kritisierte nicht nur die geplanten Dimensionen, sondern vermutete auch politischen Zeitdruck, das Vorhaben noch vor den im März anstehenden Kommunalwahlen durchzubringen.

Im Stadtrat wurde das Projekt schließlich mit 18 zu 14 Stimmen abgelehnt. Der SPD-Bürgermeister begründete die Entscheidung mit Zweifeln an den versprochenen Arbeitsplatzzahlen und betonte, man lasse sich nicht unter Druck setzen; seine Partei wolle die Stadt nicht an einen Großinvestor „verkaufen“. Die Grünen, die gemeinsam mit FDP, Freien Wählern und Linken dagegen stimmten, zeigten sich erleichtert, dass nun „ein überdimensioniertes, städtebaulich wie ökologisch hochproblematisches Vorhaben vom Tisch“ sei. Als Hauptgründe wurden die zu erwartende Umweltbelastung durch Hitze und Lärm, der Bau einer eigenen Stromleitung sowie die schwer umsetzbare Nutzung der Abwärme angeführt.

Die Ablehnung löste eine bundesweite Debatte aus. „Deutschland zerstört mit seiner Klimapolitik seine alte Industrie und verhindert gleichzeitig die neue“, kritisierte ein Kommentar in der Welt. In den sozialen Medien verwiesen Nutzer darauf, dass das Zentrum auf einer bereits asphaltierten, ungenutzten Fläche in einem Gewerbegebiet am Ortsrand hätte entstehen sollen. Das Wirtschaftsportal Zero Hedge griff die Geschichte auf und sah Deutschland in einem psychologischen „gallischen Dorf“ gefangen, „ewig defensiv gegen Modernisierung, mit einem von Bürokratie und NGOs genährten Provinzialismus“.

Groß-Gerau ist kein Einzelfall. Im gesamten Rhein-Main-Gebiet, dem Herzen der deutschen Digitalinfrastruktur, gibt es ähnliche Auseinandersetzungen um neue Rechenzentren – und die Entscheidungen könnten oft ähnlich ausfallen. Für den Netzknoten Frankfurt, der auf diese zusätzlichen Kapazitäten angewiesen ist, deutet dies auf erhebliche Standortprobleme und eine schwierige Zukunft hin.

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