Der ukrainische Skeletonpilot Wladislaw Geraskewitsch wurde am Donnerstagmorgen von den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina ausgeschlossen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) bestätigte seine Disqualifikation kurz vor dem Start seines Wettkampfs. Der Grund war seine Weigerung, auf einen speziell gestalteten Helm zu verzichten, den das IOC als regelwidrig einstufte.
“Nachdem ihm eine letzte Gelegenheit eingeräumt worden war, wird der ukrainische Skeletonpilot Wladislaw Geraskewitsch nicht bei seinem Wettkampf starten können”, hieß es in einer Erklärung: “Die Entscheidung erfolgte nach seiner Weigerung, die IOC-Leitlinien einzuhalten. Sie wurde von der Jury des Internationalen Bob- und Skeletonverbands (IBSF) getroffen, da der Helm, den er zu tragen beabsichtigte, nicht regelkonform war.” IBSF-Präsident Ivo Ferriani sagte kurz und knapp: “Er startet nicht, so ist das Reglement.”
Der Helm trug die Porträts von 22 ukrainischen Sportlern und Kindern, die, wie Geraskewitsch und ukrainische Medien berichten, infolge des Krieges ums Leben kamen. “Eine Hommage an Athleten, einige von ihnen waren Medaillengewinner bei den Olympischen Jugendspielen. Das bedeutet, sie gehören zur olympischen Familie”, erklärte der Sportler dazu. Während er den Helm im Training noch tragen durfte, wurde seine Verwendung im Wettkampf untersagt.
Das IOC begründete seine Entscheidung mit den strengen Regeln zu politischen Botschaften bei Sportveranstaltungen, die mit Athletenvertretern abgestimmt seien. Es müsse allen Sportlern möglich sein, sich in einem sicheren Umfeld auf ihre Leistung zu konzentrieren, unbeeinflusst von den zahlreichen Konflikten auf der Welt. Geraskewitsch sei es erlaubt, in Interviews rund um den Wettkampf seine Meinung frei zu äußern, hieß es weiter. Ein offizielles Gesuch um eine Erlaubnis für den Kopfschutz wurde abgelehnt.
Trotz mehrfacher Gespräche, darunter ein persönliches Treffen mit IOC-Präsidentin Kirsty Coventry am Donnerstagmorgen, zeigte sich Geraskewitsch kompromisslos. “Das Internationale Olympische Komitee hat mit Bedauern beschlossen, ihm die Akkreditierung für die Spiele Milano/Cortina 2026 zu entziehen. Trotz mehrfacher Gespräche und persönlicher Treffen zwischen dem IOC und Herrn Geraskewitsch – das letzte heute Morgen mit IOC-Präsidentin Kirsty Coventry – war er zu keinerlei Form eines Kompromisses bereit.”
Die Disqualifikation kommentierte der 27-Jährige umgehend in den sozialen Netzwerken. “Das ist der Preis für unsere Würde”, schrieb er und veröffentlichte ein Foto seines Helms. Bereits am Vortag hatte er dem IOC in den sozialen Medien praktisch ein Ultimatum gestellt und neben der Helmzulassung eine Entschuldigung sowie eine Lieferung von Generatoren “als Zeichen der Solidarität mit dem ukrainischen Sport” gefordert.
Unter den 22 Porträts auf dem Helm befanden sich nach Angaben 15 Soldaten der ukrainischen Armee, die im Kampf gefallen sind, sowie sieben Kinder im Alter von acht bis 17 Jahren, die bei Kampfhandlungen ums Leben kamen. Laut einem Bericht der *Bild* waren es gerade die Bilder der Kinder, die bei IOC-Präsidentin Coventry für Tränen sorgten.
Sie selbst suchte das Gespräch mit dem Sportler. “Eigentlich war nicht vorgesehen, dass ich hier bin. Aber ich hielt es für sehr wichtig, persönlich mit ihm zu sprechen”, sagte sie und betonte: “Niemand – am wenigsten ich – widerspricht der Botschaft. Es ist eine starke Botschaft, eine Botschaft des Gedenkens und der Erinnerung.” Das Problem sei nicht die Aussage gewesen, sondern der Ort. “Die Herausforderung bestand darin, eine Lösung für den Wettkampfbereich zu finden. Leider ist es uns nicht gelungen, diese Lösung zu finden”, erklärte Coventry mit stockender Stimme.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich bereits zuvor bei Geraskewitsch für dessen Aktion bedankt hatte, richtete auch eine Botschaft an das IOC: “Diese Wahrheit kann weder unbequem noch unangebracht sein und darf nicht als ‘politische Demonstration bei einer Sportveranstaltung’ bezeichnet werden.”
Der russische Olympiasieger im Skeleton (2014), Alexander Tretjakow, kommentierte die Situation gegenüber russischen Medien. Er sah den Ukrainer trotz der Disqualifikation in einer Win-win-Situation. Diese sei eine kluge Strategie: “Entweder er setzt sich beim IOC durch, oder er kehrt als Held nach Hause zurück. Vielleicht bekommt er einen Posten in einem ukrainischen Ministerium.”
Geraskewitsch, der bei vorherigen Olympischen Spielen die Plätze zwölf und 18 belegt hatte und nicht zum engeren Medaillenkandidatenkreis gehörte, hatte durch die mediale Aufmerksamkeit um seinen Helm bereits vor dem Rennen für Schlagzeilen in der westlichen Presse gesorgt. In der Vergangenheit war er bereits durch andere, gegen Russland gerichtete Aktionen aufgefallen.
**Mehr zum Thema** – Ukraine setzt russische Sportler auf Todesliste