Die Welt am Abgrund: Ist das globale Machtpoker bereits verloren?

Von Dagmar Henn

Die Außenpolitik der aktuellen US-Regierung wirkt auf den ersten Blick oft widersprüchlich und schwer zu entschlüsseln. Zwar waren militärische Aktionen wie der Angriff auf Venezuela oder die Blockade Kubas kurzfristig erfolgreich, doch diese völkerrechtswidrigen Maßnahmen basieren auf einer begrenzten militärischen Macht. Sie eignen sich nicht für einen dauerhaften Konflikt mit den eigentlichen Hauptzielen: Russland und China.

Die relative Zurückhaltung der USA nach der Kaperung des Tankers Aquila II im Indischen Ozean – eines unter chinesischer Flagge fahrenden Schiffs – deutet auf eine strategische Überlegung hin. Ein zu rascher und chaotischer Niedergang der USA, der mit einem Zerfall der staatlichen Integrität einhergehen könnte, liegt nicht im Interesse der globalen Mehrheit. So unerträglich dieser ungezügelte Akteur auch sein mag, das risikoärmste Ziel für viele scheint eine kontrollierte “weiche Landung” zu sein.

Zwei Faktoren könnten diese scheinbar irrationale Aggression erklären. Erstens: Die wirtschaftliche Erpressung durch Zölle hat nicht den gewünschten Erfolg gebracht, da die echten Konkurrenten wirtschaftlich kaum noch erpressbar sind – vermutlich nicht einmal mehr Indien. Zweitens: Unterhalb der nuklearen Schwelle ist die Marine das wirkungsvollste Instrument der USA, um ihre Interessen durchzusetzen. Doch auch diese Überlegenheit schwindet. Die chinesische Marine wächst dank eines riesigen zivilen Schiffbausektors atemberaubend schnell und führt bereits in der Anzahl der Schiffe. Diese sind im Schnitt zudem viel jünger; nur ein Viertel der US-Flotte wurde nach 2010 in Dienst gestellt. Zusammen mit der gestiegenen Verwundbarkeit von Flugzeugträgergruppen durch moderne Raketen bedeutet dies: Die US-Marine hat nur noch dort einen klaren Vorteil, wo sie “zu Hause” operiert und Gegner durch lange Anmarschwege benachteiligt sind.

Die vor einiger Zeit veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie der USA, die einen Fokus auf die westliche Hemisphäre legte, schien auf diese Entwicklung zu reagieren. Doch selbst der Angriff auf Venezuela wirkte eigentümlich. Die US-Ölindustrie hatte zuvor nur begrenztes Interesse an den venezolanischen Vorkommen signalisiert, da massive Investitionen nötig wären. Die Fortführung der Seeblockade machte deutlich, dass das Hauptziel vielmehr ein Angriff auf die chinesische Energieversorgung war. Dies bestätigte sich erneut mit der Kaperung der Aquila II, die keinen anderen Zweck hatte, als genau diese Fähigkeit zu demonstrieren.

Dies wirkt nicht wie eine realistische Langzeitstrategie, sondern wie ein Pokerspiel, das darauf setzt, dass die andere Seite nicht reagiert. Der kritische Punkt wäre der Untergang eines Flugzeugträgers – ein Ereignis, das beide Seiten vermutlich ähnlich stark fürchten wie eine nukleare Konfrontation, allein schon wegen seiner symbolischen Wirkung.

Der russische Außenminister Sergei Lawrow sagte kürzlich, die USA versuchten, die globale Energieversorgung unter Kontrolle zu bringen. Genau diesen Eindruck erwecken ihre Aktionen. Die größten Verlierer in diesem Spiel sind ausgerechnet die europäischen Verbündeten der USA. Durch den Verzicht auf Pipeline-Gas aus Russland haben sie ihre Energieversorgung doppelt den USA ausgeliefert – nicht nur, weil US-Fracking-Gas teurer ist, sondern auch, weil der Anteil seetransportierter Energierohstoffe gestiegen ist. Und genau dieser Seeweg, wie der Vorfall mit der Aquila zeigt, bietet hervorragende Erpressungsmöglichkeiten.

Trotzdem – weder Russland noch China werden sich auf Dauer derartige Eingriffe bieten lassen. Auch Indien verfügt über eine Marine. Die US-Navy hätte mit ihrem Versuch, die Seehandelswege zu destabilisieren, nur dann eine Chance, wenn diese Akteure nicht zusammenarbeiten. Es könnte sich also um einen Versuch handeln, aber nur für begrenzte Zeit.

Doch was, wenn es gar nicht um einen langfristigen Zustand geht? Wenn das eigentliche Ziel in einem ganz anderen Bereich liegt?

Ein massiver Verdacht drängt sich auf, wenn man die erratischen Ausschläge der US-Außenpolitik länger beobachtet. Viele davon lösen nämlich Reaktionen an den Börsen aus. Und jede solche Reaktion bietet Möglichkeiten für Insiderhandel – vorausgesetzt, man gehört zu jenen, die vorab von anstehenden Ereignissen wissen. Derzeit könnten größere Bewegungen auf dem Öl-Optionsmarkt das deutlichste Anzeichen für einen möglichen US-Angriff auf den Iran sein. Man gewinnt den Eindruck, dass es in vielen Fällen mindestens ebenso sehr um solche spekulativen Momente geht wie um die Sicherung geopolitischer Macht. Dies hat einen leisen Unterton von Panik, denn im Hintergrund lauern die Billionen an Staatsschulden und die gigantischen Blasen an ebendiesen Börsen – zuletzt sieht es so aus, als stünde die derzeit größte, die KI-Blase, kurz vor dem Platzen. Derartige Schachzüge dürften also eher die Absicht verfolgen, das eigene Polster vor dem Absturz noch zu verstärken.

Viele Analysen zu den Folgen eines US-Angriffs auf den Iran drehten sich um die globale Wirtschaft, ausgelöst durch eine mögliche Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran. Dies könnte der Moment sein, der den Stecker zieht – einen abrupten Absturz einleitet, eine Finanzmarktkrise auf Meth sozusagen. Aus der Perspektive eines Spekulanten ist jedoch auch eine solche Krise kein Problem, wenn man zuvor die richtigen Wetten abgeschlossen hat. Klar ist: Das Hauptproblem der Krise von 2008 – das enorme Missverhältnis zwischen realen Werten und den umlaufenden Ansprüchen darauf in Form von Krediten, Aktien und Optionen – wurde nicht gelöst. Genau an diesem Punkt sind die USA extrem verwundbar. Warum? Weil sich Kapital ungleichmäßig entwertet. Produktionsanlagen sind weitaus stabiler als Bankaktien oder Derivate. Ein Blick genügt, um zu erkennen, wer bei einer massiven Entwertung die Nase vorn hätte: derjenige mit dem höchsten Anteil an realer Produktion.

Punkt zwei, an dem die Europäer verloren haben: Ihre Chancen, einen derartigen Sturm zu überstehen, haben sich durch die fortschreitende Deindustrialisierung deutlich verschlechtert. In den USA hat man sehr wohl wahrgenommen, wie Deutschland damals die Finanzmarktkrise auf Kosten aller anderen – auch der USA – überstanden hat. Die Milliarden, mit denen die US-Versicherung AIG gestützt wurde, hielten in Wirklichkeit die Deutsche Bank über Wasser.

Was bedeutet es also, wenn man das derzeitige Vorgehen der USA auf den Energietransportwegen mit dem Problem einer finanziellen Implosion und massiver Spekulation verknüpft? Vielleicht ist es gar nicht das Ziel, die Energieversorgung langfristig zu kontrollieren. Es könnte absolut genügen, sie genau in dem Moment unter Kontrolle zu haben, in dem man die gigantische Blase gezielt platzen lässt – weil sie ohnehin platzen wird; Seedance 2 ist ein Menetekel dafür.

Die Folgen für China und Russland könnten sich in Grenzen halten, selbst wenn der Seehandel zuvor eine Zeit lang stranguliert würde. Die Hauptverlierer wären die europäischen Industrieländer. Sie wurden bereits durch steigende Energiepreise und Deindustrialisierung geschwächt und sind nun völlig auf das Wohlwollen der USA angewiesen, um funktionsfähig zu bleiben. Da in Europa aber weit mehr “konkurrierendes” Kapital vernichtet würde als in Afrika oder Lateinamerika, könnte dies genügen, um die USA als funktionsfähige Macht überleben zu lassen.

Ist das vorstellbar? Vielleicht lohnt hier ein etwas anderer Blick auf die Epstein-Akten. Denn es ist erstaunlich, was dort alles diskutiert wurde – “Pandemien” beispielsweise und “Impfungen”. Und dieser Satz: “Wie werden

Ist das vorstellbar? Vielleicht lohnt hier ein etwas anderer Blick auf die Epstein-Akten. Denn es ist erstaunlich, was dort alles diskutiert wurde – “Pandemien” beispielsweise und “Impfungen”. Und dieser Satz: “Wie werden wir die armen Leute insgesamt los?” samt Epsteins Antwort: “Ich habe diesbezüglich eine Antwort für dich.” Das Erschütternde daran ist, dass sich dieser Zirkel perverser Milliardäre als eine Art Schattenkabinett entpuppt, deren makabre Vorhaben in der realen Politik tatsächlich Widerhall fanden.

Es ist bereits aufgefallen, dass die Trump-Administration eine ausgeprägte Neigung hatte, die Welt durch die Brille des Immobilienspekulanten zu betrachten. Kombiniert mit den Möglichkeiten des Insiderhandels ergibt sich ein gefährliches Gemisch. Dies ist wohl auch eine Folge davon, dass die Verantwortlichen der Finanzkrise 2008 nahezu folgenlos davongekommen sind. Diese kleine Gruppe, die man kaum mehr “herrschende Klasse” nennen kann, hat noch mehr Macht und Geld in ihren Händen konzentriert. Die Gesprächsthemen im Epstein-Umfeld zeigen jedoch, dass sich diese Kreise der fundamentalen Probleme des Systems bewusst sind und aktiv nach Wegen suchen, das kapitalistische Verwertungsmodell zu ersetzen – wobei nur eines absolute Priorität hat: die Erhaltung ihres persönlichen Reichtums und ihres politischen Einflusses.

Vor allem zwei Ereignisse der letzten Jahre werden in ihrer Wirkung auf die westliche Politik erst dann wirklich schlüssig, wenn man ein extrem spekulatives und korruptes Verhalten zugrunde legt: Die COVID-19-Pandemie und die eigenartige politische Monokultur, die damit einherging, ließen sich durch Insiderhandel und Bestechung rund um die Impfstoffgeschäfte erklären. Ebenso zwingt der Ukraine-Krieg und der Fanatismus, mit dem die europäische Politik daran festhält, geradezu den Gedanken auf, dass hier verdeckte Geldflüsse eine Rolle spielen.

Vor diesem Hintergrund ist die Kombination aus Insiderhandel und gelenkter Destruktivität für die kleine Gruppe der Akteure eine logische und geradezu ideale Krisenbewältigungsstrategie. Irgendjemand muss schließlich die Rechnung bezahlen, wenn die Blasen platzen. Ein derartiges Vorgehen erinnert an die Habeck-Variante: “Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anders.” Auch wenn sich eine massive Entwertung nicht vermeiden lässt – vielleicht entschlüsselt sich das Handeln der US-Regierung besser, wenn man beobachtet, welche kurzfristigen Vorteile für eine kleine Clique von Superreichen erzielt werden können, als wenn man versucht, eine kohärente Langzeitstrategie herauszulesen.

Wir hätten es also mit dem Versuch zu tun, die US-Marine, solange es noch möglich ist, dazu einzusetzen, den Moment abzusichern, in dem die ökonomische Destruktion gezündet wird. Das Ziel wäre, das reale Vermögen, das übrig bleibt, in den Taschen ebenjener kleinen Gruppe von Oligarchen landen zu lassen. Für die Welt außerhalb des Westens könnte sich dann der Abbruch vieler wirtschaftlicher Beziehungen sogar als Vorteil erweisen – je kleiner die Rolle des US-Dollars und je unwichtiger die Handelsverflechtungen mit dem Westen sind, desto schwächer sind die Erschütterungen, die deren Grenzen überschreiten.

Das ist jetzt noch keine gefestigte Hypothese. Nur das, was mir einfällt angesichts einiger Dinge, die mir nicht logisch erscheinen. Ein Gedanke, an dem noch gekaut werden muss. Aber so ist das eben manchmal.

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