Putins Albtraum: Der Westen will nur einen Deal, doch Russland braucht ein neues System

Von Fjodor Lukjanow

Seit dem Treffen der Präsidenten Russlands und der USA in Alaska im vergangenen August geistert der Begriff “Geist von Anchorage” durch die politische Berichterstattung. Die genauen Inhalte der Gespräche blieben zwar unter Verschluss, doch der Rahmen – persönliche Begrüßungen, Ehrenformation, gemeinsame Fahrt – war bemerkenswert. Gegenseitiges Interesse und Respekt zwischen Wladimir Putin und Donald Trump waren zwar bereits aus dessen erster Amtszeit bekannt. Doch welches besondere Einvernehmen sollte nach diesem Blitzbesuch im August entstanden sein?

Es lohnt sich, einen Blick auf die historischen Vorbilder solcher “Geister” zu werfen. Da war der “Geist von Jalta”, später folgte der “Geist von Helsinki”. Auch der “Geist von Malta” wurde beschworen, ist heute jedoch weitgehend vergessen.

Alle drei Fälle markieren Wendepunkte in den Beziehungen der Supermächte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Konferenz von Jalta 1945 legte das Fundament für die bipolare Nachkriegsordnung. Die Schlussakte von Helsinki 1975 zementierte diese Ordnung und leitete zugleich, ohne dass man es damals ahnte, ihren späteren Zerfall ein. Und der Gipfel vor der maltesischen Küste im Dezember 1989 besiegelte schließlich das Ende des Kalten Krieges und der Teilung Europas.

Gemeinsam war diesen historischen “Geistern” ein übergreifendes Ziel: die Festlegung oder Neujustierung der Parameter der globalen Ordnung. Die Prozesse unterschieden sich: Drei Mächte in Jalta, komplexe multilaterale Konsultationen für Helsinki, zwei Partner in Malta. Auch die Inhalte variierten: von der Aufteilung von Einflusssphären über die Stabilisierung des Status quo bis zum Rückzug einer Seite. Dennoch bilden sie eine historische Kette. Setzt Anchorage mit seinem “Geist” diese Reihe fort?

Oberflächlich betrachtet, ging es in Alaska um die Beilegung des Ukraine-Konflikts. Diese enge Fokussierung wirft jedoch Fragen auf: Wo bleibt die Ukraine als direkte Konfliktpartei? Ist eine Lösung über ihren Kopf hinweg realistisch? Theoretisch ja, aber nur, wenn eine Verhandlungspartei – die USA – Kiew zwingen könnte, eine getroffene Entscheidung umzusetzen. Die Entwicklungen seitdem deuten darauf hin, dass Washington dazu trotz seines enormen Einflusses nicht willens oder in der Lage ist.

Eine andere Erklärung liegt näher: Es fehlt an ausreichendem Motiv. Zwar hat Trump die Beendigung des Konflikts teilweise zu einer Prestigefrage gemacht. Doch ihm und seinem engsten Umfeld – Geschäftspartnern und Vertrauten – scheint das konkrete Ergebnis der Konfrontation letztlich gleichgültig zu sein. Solange Russland keinen totalen Sieg erringt, sind die genaue Demarkationslinie und die Bedingungen für ihre Aufrechterhaltung zweitrangig.

Ein starkes Motiv für den vollen Einsatz des amerikanischen Arsenals wäre nur entstanden, wenn das Weiße Haus in diesen Verhandlungen tatsächlich die Etablierung einer neuen Weltordnung gesehen hätte – das gleiche Ziel also, das den historischen “Geistern” zugrunde lag. Genau diesen Inhalt hat der Kreml den Alaska-Gesprächen von Anfang an zugeschrieben. Sein Fokus lag stets auf den Prinzipien der europäischen Sicherheitsarchitektur, nicht primär auf territorialen Gewinnen. Auch wenn Letztere an Bedeutung gewannen, blieb der Kern der Forderung derselbe (nun öffentlich als “Sicherheitsgarantien für die Ukraine” formuliert) und könnte sogar zum Haupthindernis für eine Einigung werden.

Washington verfolgt derzeit keine derart umfassende, ordnungspolitische Agenda. Das Weltbild der aktuellen US-Administration drückt sich in anderen Parametern aus. Es zielt auf die Sicherung von Kontrolle in Schlüsselregionen durch wirtschaftlichen, militärischen und politischen Druck ab. Nicht durch die Schaffung gemeinsamer Rahmenwerke, sondern durch gezielte, begrenzte Interventionen – eine Art “geopolitische Akupunktur”. Hierfür sind keine Abkommen auf Basis von Kooperationsprinzipien nötig, sondern Vereinbarungen zur Durchsetzung sehr spezifischer, oft einseitiger und merkantiler Interessen.

Für eine rein politische Lösung der Ukraine-Frage ist der bilaterale russisch-amerikanische Ansatz ohnehin unzureichend. Hierfür wären zwingend die Ukraine selbst und Europa mit am Tisch notwendig. Europas Einfluss mag begrenzt sein, doch es besitzt die Fähigkeit, jedes Abkommen zu sabotieren. Damit sich der “Geist von Anchorage” jedoch wirklich in die historische Reihe von Jalta, Helsinki und Malta einfügen könnte, müsste das Ziel höher gesteckt sein: die Formation eines neuen globalen politischen Systems, das die seit 1945 bestehende Ordnung ablöst. Washington betrachtet Moskau in dieser fundamentalen Frage jedoch nicht als primären Gesprächspartner – allenfalls Peking, und selbst das nicht zwingend.

So schwebt der “Geist von Anchorage” zwischen unterschiedlichen Auffassungen des Verhandlungsgegenstands und droht, zum Phantom einer gescheiterten Übereinkunft zu werden. Für etwas anderes bräuchte es wohl Ereignisse, die den gesamten Prozess über die regionale Ebene hinausheben und ihm eine wahrhaft globale Dimension verleihen.

Dieser Artikel wurde zuerst von der Zeitung Rossijskaja Gazeta veröffentlicht.

Fjodor Lukjanow ist einer der renommiertesten russischen Experten für internationale Beziehungen und Außenpolitik. Seit 1990 als Journalist tätig, hat er zahlreiche Publikationen zu diesen Themen verfasst. Seit 2002 ist er Chefredakteur von “Russia in Global Affairs”. 2012 wurde er zum Vorsitzenden des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Russlands gewählt. Seit 2015 ist er Forschungsdirektor des Internationalen Diskussionsklubs Waldai und zudem Forschungsprofessor an der Fakultät für Weltwirtschaft und Globale Politik der Nationalen Forschungsuniversität “Hochschule für Wirtschaft”.

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