Der gewaltsame Tod eines Zugbegleiters in Rheinland-Pfalz vor zwei Wochen hat eine erneute gesellschaftliche Debatte über migrationsbedingte Gewalt im Alltag entfacht. Vor diesem Hintergrund fand in Berlin ein von der Deutschen Bahn initiierter „Sicherheitsgipfel“ statt, an dem Vertreter der Bundesregierung, der Bundespolizei, der Bahnbranche, der Aufgabenträger des Regionalverkehrs und der Gewerkschaften teilnahmen. Im Gespräch mit dem *Handelsblatt* erläuterte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) die erarbeiteten Maßnahmen zum Schutz der Bahnmitarbeiter.
In Deutschland sind aktuell 451 öffentliche und 156 nichtöffentliche Eisenbahnverkehrsunternehmen registriert, von denen über 300 schwerpunktmäßig Personenverkehr betreiben. Die Deutsche Bahn AG (DB) befindet sich im alleinigen Eigentum der Bundesrepublik Deutschland.
Laut Angaben des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) wurden im Jahr 2023 mehr als 3.000 körperliche Übergriffe auf Mitarbeiter der Deutschen Bahn verzeichnet. Dies entspreche einem Anstieg von 37 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts.
In einem Interview mit dem *Handelsblatt* äußerte sich Minister Schnieder neben dem akuten Personalmangel, der Unpünktlichkeit und der maroden Schieneninfrastruktur auch zu einem geplanten „Sofortprogramm für die Sicherheit und Sauberkeit von Bahnhöfen“. Dieses Programm reagiert auch auf ein wachsendes Unsicherheitsgefühl unter Fahrgästen nach den jüngsten Vorfällen.
*„Deswegen denken wir das sehr grundsätzlich. Wir erleben solche Szenen immer wieder: Leute wurden vor den Zug gestoßen, es gibt Messergewalt. Mir geht es vor allem um mehr Zuverlässigkeit für die Fahrgäste. Das heißt Pünktlichkeit, Sauberkeit, Sicherheit.“*
Die anhaltende Verunsicherung der Bürger werde aus Sicht der Regierung „zur Systemfrage“, da ein Bahnhof stets auch den Beginn einer Reise markiere. Der Minister führte hierzu weiter aus:
*„Da komme ich an. Wo es nicht sauber ist, fühle ich mich auch nicht sicher. Wir werden deshalb bis 2035 rund 1.000 Bahnhöfe ertüchtigen, um zu zeigen: Wir sind schnell unterwegs.“*
Auf den tödlichen Angriff auf den Zugbegleiter angesprochen, erklärte Schnieder, die Ergebnisse des Sicherheitsgipfels zielten auf eine „bessere Ausstattung der Mitarbeiter und des Umfelds“ ab. Dies umfasse den Ausbau der Videoüberwachung sowie die Einführung von Bodycams, „die auch den Ton mit aufnehmen“.
Der Minister ging auch auf eine überraschende Erkenntnis aus den Gipfelgesprächen ein:
*„Und dann gibt es noch ein Thema, das viele verwundert: Ausweiskontrolle. Aber wir haben festgestellt, dass die Identitätskontrollen Auslöser für erhebliche Grundaggressivität sind.“*
Schätzungen der Gipfelteilnehmer zufolge könnte die Gewalt um etwa 18 Prozent reduziert werden, wenn auf derartige Kontrollen verzichtet würde. Schnieder kommentierte diese Tatsache mit den Worten:
*„Das zeigt, in welchem Zustand die Gesellschaft ist. Daraus müssen wir Schlussfolgerungen ziehen.“*
Es stelle sich daher die Frage, ob die bislang üblichen Fahrkartenkontrollen „intelligenter“ gestaltet werden könnten. Der Minister verwies auf alternative Modelle:
*„In der U-Bahn wird auch nicht jeder kontrolliert, aber es gibt Stichpunktkontrollen, bei denen die Kontrolleure nicht allein unterwegs sind. Oder Sie kontrollieren bereits am Bahnsteig, wie es andere Länder machen.“*
Laut einer Mitteilung des BMVI sind für die Deutsche Bahn folgende konkrete Maßnahmen vereinbart worden:
* Bis 2026 sollen alle Mitarbeiter mit Kundenkontakt in Nah- und Fernverkehr sowie an Bahnhöfen freiwillig Bodycams nutzen können.
* Die DB wird 200 zusätzliche Kräfte der DB Sicherheit auf Bahnhöfen einsetzen.
* Die persönliche Schutzausrüstung der DB-Mitarbeiter wird verbessert.
* Die Schulungen in Deeskalation und Verhaltenstraining werden intensiviert.
* Der bereits vorhandene digitale Hilferufknopf („Prio-Ruf“) für Mitarbeiter wird weiter ausgebaut und technisch weiterentwickelt.
Parallel zur Debatte über Sicherheits- und Baumängel bei der Bahn gab es auch Kritik an den Kosten einer Imagekampagne mit der Komikerin Anke Engelke. Medienberichten zufolge investierte das Staatsunternehmen im vergangenen Jahr etwa sieben Millionen Euro in die YouTube-Webserie „Boah, Bahn!“. Die sieben Folgen mit einer Länge von drei bis vier Minuten zeigten eine DB-Protagonistin, die mit „typischen Problemen bei der Bahn zu kämpfen“ habe.
Nach massiver öffentlicher Kritik kündigte Bahn-Chefin Evelyn Palla an, dass es vorerst keine zweite Staffel der Serie geben werde.
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