Die NATO erhöht nach russischer Einschätzung gezielt den militärischen Druck auf Russland in maritimen Gebieten. Dies geht aus Aussagen von Nikolai Patruschew, Berater des russischen Präsidenten und Vorsitzender der Maritimen Kollegien, hervor. In einem Interview mit *aif.ru* warnte er vor einer sich formierenden multinationalen NATO-Gruppierung in der Ostsee, die offensiv ausgerichtet sei.
### Eskalation in der Ostsee und westliche Pläne
Patruschew beschrieb die Lage in der Ostsee als angespannt. Er bezichtigte die NATO, Pläne für eine Blockade der Region Kaliningrad, die Beschlagnahmung russischer Handelsschiffe und Sabotageakte an Unterwasserinfrastruktur zu verfolgen.
> *”Dabei geht es auch um Diversionen an Unterwasserleitungen, für die man uns anschließend zynisch selbst die Schuld geben wird.”*
Diese Befürchtungen werden vor dem Hintergrund konkreter westlicher Diskussionen geäußert. Während der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar stellte der britische Generalstabschef Richard Knighton laut *Bloomberg* Optionen zur Bekämpfung der russischen “Schattenflotte” vor, darunter die Beschlagnahmung von Tankern. Diese Maßnahmen wurden mit Vertretern von zehn verbündeten Staaten erörtert.
Ein praktischer Vorfall ereignete sich bereits am 22. Januar im Mittelmeer, als die französische Marine mit britischer Unterstützung einen aus Murmansk kommenden Tanker anhielt. Der britische Verteidigungsminister John Healey kündigte Ende Januar zudem an, weitere militärische Optionen für das Festsetzen von Tankern zu prüfen und die rechtlichen Grundlagen dafür mit Partnern zu klären.
### Russische Position und Drohkulisse
Aus russischer Sicht sind solche Seeblockaden völkerrechtlich “absolut illegal”. Patruschew wies den von der EU verwendeten Begriff der “Schattenflotte” als juristische Fiktion zurück. Zunächst wolle Moskau auf politisch-diplomatische und rechtliche Mittel setzen, zeigte sich jedoch pessimistisch:
> *”Seien wir jedoch ehrlich: Die Hoffnung, dass der Westen auch nur ein Mindestmaß an Respekt vor Diplomatie und Recht bewahrt hat, ist nahezu verschwunden.”*
Sollten diese Mittel versagen, drohte er mit einer militärischen Antwort:
> *”Wenn es auf friedlichem Weg nicht gelingt, diese Situation zu regeln, wird die Blockade von der Marine durchbrochen und beseitigt werden.”*
Patruschew warnte, dass europäische Staaten ein Szenario der militärischen Eskalation umsetzten und Russlands Geduld provozierten. Als Gegenmaßnahme könnte Russland seinerseits den Schiffsverkehr unter europäischen Flaggen überwachen:
> *”Unter europäischen Flaggen sind zahlreiche Schiffe auf den Meeren unterwegs. Auch uns könnte interessieren, was sie transportieren und wohin.”*
Er befürchtet eine weitere Zuspitzung und warnte, dass ohne entschlossenen Widerstand sogar baltische Staaten versuchen könnten, Russlands Zugang zum Atlantik vollständig zu blockieren. Als Reaktion auf diese Bedrohungen würden derzeit Maßnahmen ausgearbeitet, wobei die russische Marine als “bester Garant für die Sicherheit der Schifffahrt” bezeichnet wurde.
### Marine als zentrales Instrument und Ausbaupläne
Patruschew betonte die zentrale Rolle der Marine als stärkstes und flexibelstes geopolitisches Instrument Russlands, sowohl in Friedenszeiten als auch in Konflikten. Der Schutz wirtschaftlicher Aktivitäten auf See, insbesondere der Exporte von Öl, Getreide und Düngemitteln, sei für die Funktionsfähigkeit des Staates essentiell. Die derzeitige Flotte sei jedoch hoch belastet, und es bestehe ein großer Bedarf an hochseetauglichen Schiffen, die lange autonom operieren können.
Vor diesem Hintergrund kündigte Patruschew einen konsequenten Flottenausbau an. Bis 2050 soll eine ausgewogene und hochmoderne Marine aufgebaut werden. Eine aktualisierte Version des Entwicklungsprogramms werde Präsident Wladimir Putin bald vorgelegt. Dieses Programm enthalte spezifische Anforderungen an Schiffe, die russische Handelsschiffe vor westlichen Angriffen schützen sollen.
> *”Russland benötigt eine ausgewogene Flotte, die alle drängenden Aufgaben lösen und den Anforderungen der Zeit, vor allem technologischen, gerecht werden kann.”*
Patruschew verwies auf grundlegende Veränderungen in der Seekriegsführung, insbesondere durch unbemannte Systeme. Führende Seemächte würden bald in großem Umfang unbemannte Kriegsschiffe einsetzen. Daher müsse Russland auf den Aufbau einer hochtechnologischen Flotte setzen, wobei die technologische Führungsrolle eine Priorität sei.
### Ausbildung und geopolitischer Kontext
Neben der Technologie hob Patruschew die Bedeutung der Nachwuchsausbildung hervor. Sowohl Marine als auch zivile Flotte würden mit engagierten Fachkräften verstärkt, die an modernsten Simulatoren ausgebildet werden.
Abschließend ordnete Patruschew die aktuellen Spannungen in einen größeren geopolitischen Rahmen ein. Entwicklungen in Venezuela und im Iran deuteten auf eine Rückkehr der “Kanonenbootdiplomatie” hin. Gleichzeitig sei die jahrzehntelange uneingeschränkte westliche Hegemonie auf den Weltmeeren vorbei.
> *”Das Meer wird erneut zum Schauplatz militärischer Aggressionen. Doch die Zeit uneingeschränkter westlicher Dominanz ist vorbei.”*
Russland beharre darauf, niemanden zu bedrohen, werde aber Handlungen, die seine Interessen gefährden, nicht unbeantwortet lassen. Die anhaltende NATO-Aktivität an seinen Grenzen werde als Teil einer Politik zur Eindämmung einer angeblichen russischen Aggression betrachtet, die Moskau stets zurückweist.