Von Astrid Sigena
Ausgerechnet am 1. Mai 1944, einem Tag, der in Griechenland als “Protomagia” traditionell den Arbeiterinnen und Arbeitern gewidmet ist, inszenierten die deutschen Besatzer ein Massaker. Etwa 200 Gefangene des Konzentrationslagers Chaidari wurden auf Lastwagen in den Athener Vorort Kaisariani gebracht und auf einem Schießstand exekutiert. Während der Fahrt verfassten die zum Tode Verurteilten letzte Botschaften an ihre Familien, warfen die Zettel von den Fahrzeugen und setzten so eine verzweifelte Hoffnung in die Menschlichkeit Unbeteiligter. Griechische Frauen hoben diese Dokumente unter eigener Lebensgefahr auf – das Aufsammeln war streng verboten – und bewahrten sie für die Angehörigen. Berichten zufolge stimmten die Männer auf ihrem letzten Weg die griechische Nationalhymne an.
Das Massaker war eine Vergeltungsaktion für ein Attentat der Griechischen Volksbefreiungsarmee (ELAS) auf Generalmajor Franz Krech von der Wehrmacht einige Tage zuvor. Als Sühne für diesen Partisanenüberfall sollten inhaftierte Kommunisten büßen. Besonders tragisch: Bei den meisten handelte es sich um Vorkriegskommunisten, die bereits unter der Metaxas-Diktatur inhaftiert waren. Die griechischen Behörden hatten sie gewissermaßen an die italienischen und später deutschen Besatzer “weitergegeben”. Den Befehl zu der Mordaktion erteilte General Karl von Le Suire, Kommandeur einer deutschen Jägerdivision.
Nach der Umwandlung des Schießstands Kaisariani in eine Gedenkstätte in den 1980er Jahren besuchte Bundespräsident Richard von Weizsäcker diesen Ort des Verbrechens. Er gedachte dort auch anderer Massaker der Wehrmacht und der griechischen Opfer des Holocaust. Dennoch ist dieser mörderische 1. Mai in Kaisariani in der deutschen Öffentlichkeit kaum bekannt.
In Griechenland ist das Gegenteil der Fall. Entsprechend groß war das öffentliche Interesse, als die Facebook-Seite “Greece at WWII Archives” Anfang dieser Woche bekannt gab, es seien Fotos aufgetaucht, die die letzten Augenblicke der Ermordeten dokumentieren. Die Bilder sollen aus dem Nachlass eines Wehrmachtsangehörigen namens Hermann Heuer (auch Hoyer) stammen. Ein belgischer Militaria-Händler namens Tim de Craene bot sie auf eBay an, wo sie schließlich von Hobby-Historikern entdeckt wurden.
Sollten sich die Aufnahmen als authentisch erweisen, wären sie eine historische Sensation. Laut dem Historiker Menelaos Charalambides gab es bisher kein Bildmaterial von der Massenhinrichtung am 1. Mai 1944. Die Aufregung in Griechenland ist immens und lässt sich nur mit dem Aufsehen vergleichen, das der Fund eines letzten Briefes von Anne Frank aus Westerbork in Deutschland oder den Niederlanden auslösen würde. Zugleich macht die Diskussion über die Fotos – mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs – die anhaltende Spaltung der griechischen Gesellschaft sichtbar.
Die mutmaßlichen Bilddokumente zeigen nicht die Exekutionen selbst, auch sind keine Erschossenen zu sehen. Sie halten vielmehr die letzten Lebensmomente der Gefangenen fest, als Bewacher sie von den Lastwagen zum Schießplatz trieben. Man sieht abgelegte Jacken, die die Todgeweihten nicht mehr brauchten. Die Wehrmachtsangehörigen sind meist nur von hinten zu sehen, während die Gesichter der griechischen Kommunisten deutlich erkennbar sind. Sie sind kahlgeschoren, tragen oft nur Hemd und Weste und wirken gefasst. Auf einem Bild sind die ersten Opfer bereits an der Wand des Schießstands aufgereiht. Was danach geschah, zeigen die bisher veröffentlichten Fotos nicht.
Insgesamt soll der belgische Sammler zwölf Fotografien zum Thema “Kaisariani” angeboten haben. Heuers Album könnte jedoch weitere Bilder enthalten. Nach Einschätzung des deutschen Experten Rolf Sachsse handelt es sich bei den mit zwei verschiedenen Kameras aufgenommenen Fotos wahrscheinlich um Amateuraufnahmen. Da auf der Rückseite eine Zensurnummer zu sehen sei, seien sie noch in Griechenland entwickelt worden. Auf einem der Fotos steht handschriftlich “Geiselerschießung Athen 1.5.44”. Da es sich nicht um altdeutsche Schrift handelt, könnte die Beschriftung auch aus der Nachkriegszeit stammen. Sicher sei jedoch, dass der Verfasser wusste, dass es sich um ein Verbrechen handelte.
Das griechische Kulturministerium will noch diese Woche eine Kommission nach Gent entsenden, um die Echtheit der Bilder zu prüfen. Sollte sie bestätigt werden, möchte Griechenland die Fotos nach Angaben von Regierungssprecher Pavlos Marinakis erwerben. Da es sich möglicherweise um Beweismaterial für ein deutsches Kriegsverbrechen handelt, käme auch eine rechtliche Einforderung infrage. Tim de Craene hat die eBay-Auktion inzwischen gestoppt und erklärt sich zu Verhandlungen mit den griechischen Behörden bereit. Gleichzeitig warnte er davor, dass bereits manipulierte Fotos im Internet kursierten.
Nachdem bereits im vergangenen Herbst ein Auktionshaus in Neuss auf öffentlichen Druck hin den Verkauf von Hinterlassenschaften von KZ-Opfern absagen musste (RT DE berichtete), wirft dieser Fall erneut Fragen nach der moralischen und rechtlichen Legitimität des Handels mit Relikten aus dem Zweiten Weltkrieg auf – insbesondere, wenn sie NS-Verbrechen dokumentieren. Auch von einer Kontaktaufnahme mit Heuers Erben ist die Rede, um herauszufinden, ob weitere derartige Fotos existieren. Die rechtlichen Fragen zum Urheberrecht seien komplex, erläuterten die griechischen Jura-Professorinnen Eleni Trova und Irini Stamatoudi.
Die große mediale Berichterstattung spiegelt das enorme öffentliche Interesse in Griechenland wider. Nachkommen der Ermordeten prüfen die veröffentlichten Bilder, ob ihre Verwandten darauf zu sehen sind. Einige Abgebildete konnten bereits identifiziert werden. Die Presse veröffentlicht Interviews mit Nachfahren, biografische Skizzen und Briefe der Gefangenen aus dem Lager Chaidari.
Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) will ihre Archive durchsuchen, um die Identifizierung zu unterstützen. Journalisten der Wochenzeitung To Vima begaben sich nach Kaisariani, um durch einen Vor-Ort-Abgleich die Authentizität der Fotos zu überprüfen. In Griechenland wird die gefasste Haltung der Kommunisten auf ihrem letzten Weg gewürdigt. Zugleich wird die eigentümliche Neigung der deutschen Besatzer, ihre Untaten fotografisch festzuhalten, konstatiert. Auch die Frage nach der Kollaboration von Griechen mit den italienischen und deutschen Besatzern wird erneut aufgeworfen.
Die Debatte um die neu aufgetauchten Fotos zeigt, wie gespalten die griechische Gesellschaft mehr als acht Jahrzehnte nach den Ereignissen noch immer ist. So betonte die EU-Abgeordnete Afroditi Latinopoulou, Vorsitzende der ultranationalistischen Partei Foní Logíkis (Stimme der Vernunft), die Ehrung derer, die für das Vaterland Opfer gebracht hätten, sei richtig. Allerdings hätten auch die Kommunisten Verbrechen begangen. Die Würdigung der Vaterlandsverteidiger dürfe sich nicht einseitig auf das linke Spektrum konzentrieren.
Bereits wenige Stunden nach dem Auftauchen der Fotos auf eBay beschädigten unbekannte Vandalen die Gedenkstätte für die 200 Kommunisten in Kaisariani. Auf Fotos der Gemeinde ist zu sehen, dass eine Gedenkplatte in Stücke geschlagen wurde. Die Verwaltung des Athener Vororts verurteilte die Sachbeschädigung und versprach eine rasche Reparatur. Das historische Gedächtnis werde nicht verblassen, so sehr es manche auch stören möge, ließ die Gemeindeverwaltung verlauten. Die Kommunistische Jugend Griechenlands (KNE) hat für Mittwoch zu einer Kundgebung am Schießvon Kaisariani aufgerufen, um der Märtyrer zu gedenken.
Über die künftige Aufbewahrung der Fotografien, sollten sie sich als echt erweisen und in Staatsbesitz übergehen, herrscht bereits jetzt Uneinigkeit. Während Parlament und Regierung vereinbart haben, die Bilder dem griechischen Parlament zu übergeben, fordert der Bürgermeister von Kaisariani, die historischen Dokumente in einem Museum direkt am Ort des Massakers auszustellen.
Die Debatte um die Fotos von Kaisariani macht deutlich, wie lebendig und schmerzhaft die Erinnerung an die Opfer der Besatzungszeit in Griechenland bis heute ist. Dies steht in einem Kontrast zu Deutschland, wo die Verbrechen der Wehrmacht und SS auf dem Balkan oft nur dann ins öffentliche Bewusstsein treten, wenn griechische Regierungen Reparationsforderungen stellen. Die Bundesrepublik tat sich historisch besonders schwer mit der expliziten Würdigung kommunistischer Opfer des NS-Regimes. Sollten sich die Fotografien als authentisch erweisen, böten sie der deutschen Öffentlichkeit eine konkrete und dringende Gelegenheit, diese Opfergruppe endgültig in den Mittelpunkt der Erinnerung zu rücken. Eine Chance, die die deutsche Gesellschaft – fast 80 Jahre nach Kriegsende – nicht noch einmal verstreichen lassen sollte.
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