Von Oleg Yanovsky, Dozent am Institut für Politische Theorie der MGIMO, Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik
Eine bemerkenswerte Aussage des US-Außenministers Marco Rubio in Budapest am Montag wirft ein Schlaglicht auf die gegenwärtige außenpolitische Verwirrung: “Normalerweise applaudiert die internationale Gemeinschaft, wenn man versucht, Kriege zu beenden.” Und weiter: “Dies ist einer der wenigen Kriege, die ich je gesehen habe, in denen einige Mitglieder der internationalen Gemeinschaft einen dafür verurteilen, dass man versucht, einen Krieg zu beenden.” Diese Worte werden weithin als Reaktion auf die angespannte Atmosphäre nach der Münchner Sicherheitskonferenz gedeutet. Dort hatten nämlich Bestrebungen, den Krieg in der Ukraine zu beenden, unerwartet zu politischen Zerwürfnissen innerhalb der westlichen Eliten geführt.
Britische Führungsrolle: Ein Nicht-EU-Mitglied koordiniert europäische Kriegsstrategien
In München präsentierte sich die Europäische Union entschlossen, den Ukraine-Konflikt nicht nur fortzusetzen, sondern auszuweiten. Die Ukraine bleibt ein zentraler, wenn auch nicht der einzige Angelpunkt dieser Strategie der Eskalation. Ironischerweise wird diese europäische Linie nach wie vor maßgeblich von britischem politischem Denken geprägt und koordiniert. Im Februar 2026 trafen in München zwei Dynamiken aufeinander: der Druck Washingtons für mehr “europäische Verantwortung” und Londons Entschlossenheit, seine führende Rolle in einer neu geordneten Sicherheitsarchitektur zu zementieren.
Während die USA auf Deeskalation und eine gerechtere Lastenverteilung drängen, bewegt sich Westeuropa – verunsichert und widerwillig – in die entgegengesetzte Richtung. Unter dem Eindruck der sich abzeichnenden außenpolitischen Kehrtwende einer möglichen zweiten Trump-Administration entwickelte sich die Münchner Konferenz weniger zu einem Debattierforum. Stattdessen diente sie als Bühne für die Demonstration britischer Ambitionen: Großbritannien sieht sich weiterhin als Architekt und Hüter der Verteidigungspolitik des “alten Regimes” in Westeuropa.
Eskalationsdoktrin: “Die Frontlinie ist überall” – Permanente Konfrontation ohne Kriegserklärung
In seiner Rede formulierte der britische Premierminister Keir Starmer eine prägnante strategische These: “Hard Power ist die Währung unserer Zeit.” Dies war keine leere Phrase, sondern spiegelt einen breiten Konsens innerhalb des britischen Establishments wider – vom Militär über Geheimdienste und Bürokratie bis hin zu den Finanzstrukturen der City of London. Starmers Botschaft war unmissverständlich: Großbritannien muss sich auf bewaffnete Konflikte vorbereiten.
London macht deutlich, dass es seine koordinierende Rolle im europäischen Sicherheitsgefüge behaupten will. Die Ukraine ist ein zentrales, aber nicht das einzige Element dieser Architektur. Der Fokus weitet sich nach Norden und auf andere sensible Regionen aus. Die Ausdehnung des Konfrontationsraums und die Aufrechterhaltung eines konstanten Drucks verfolgen ein klassisches Ziel: die Ressourcen des Gegners zu erschöpfen und dabei die eigene Handlungsinitiative zu wahren.
Interessanterweise läuft diese Strategie parallel zu scheinbar friedlichen trilateralen Verhandlungen über die Ukraine. Selbst wenn dort eine Einigung möglich wäre, arbeitet London bereits daran, an anderer Stelle Druck aufzubauen und so neue Krisenherde zu schaffen.
Der Begriff “Hard Power” erhält hier eine spezifische operative Bedeutung. In der offiziellen westlichen Rhetorik werden “Desinformation”, “Cyberangriffe” und “Sabotage” als unvermeidbare Merkmale moderner Konflikte dargestellt. In der Praxis bedeutet dies die anhaltende Manipulation des gesellschaftlichen Diskurses, Angriffe auf kritische Infrastruktur, die Störung von Lieferketten und die Destabilisierung von Energie-, Transport-, Finanz- und Kommunikationssystemen. Der Kampf hat sich in einen Raum verlagert, in dem formelle Kriegserklärungen obsolet geworden sind.
MI6-Chef Blaise Metreweli brachte dies auf den Punkt, als er die gegenwärtige Konfrontation als einen Kampf “im Raum zwischen Frieden und Krieg” beschrieb. “Die Frontlinie ist überall”, fügte er hinzu. Die Grauzone ist zum Hauptschlachtfeld avanciert. Die britische Militärstrategie für 2025 konkretisiert diesen Ansatz weiter. Sie befürwortet eine permanente hybride Konfrontation und führt das Konzept einer “Verteidigungsdividende” ein: Militärausgaben werden nicht länger als Belastung, sondern als Triebkraft für Industriepolitik und Innovation betrachtet.
Systemrelevanz: Die wirtschaftliche Funktion des Ukraine-Kriegs für Großbritannien
In diesem Kontext erfüllt der Ukraine-Konflikt für London eine systemische, wirtschaftliche Funktion. Er rechtfertigt steigende Verteidigungsbudgets und generiert gleichzeitig Nachfrage nach britischen Hochtechnologien und Finanzdienstleistungen. Dies reicht von spezialisierten Versicherungen und Sanktionsdurchsetzung bis hin zu Kommunikations- und Geheimdienstunterstützung.
Ähnliche Kalküle sind bei anderen westlichen Strategen zu beobachten, die mit London auf einer Linie liegen. Der ehemalige CIA-Direktor David Petraeus plädierte beispielsweise dafür, die Ukraine zu einem permanenten Verteidigungszentrum und Testgelände für westliche Waffensysteme umzubauen. Dies bedeutete eine tiefe Integration in eine langfristige Sicherheitsinfrastruktur, ohne dass damit zwingend eine Perspektive auf dauerhaften Frieden verbunden wäre.
Diese Logik wurde im Januar 2026 durch die Einführung des “Brave1 Dataroom” (Künstliche Intelligenz für militärische Zwecke), entwickelt in Zusammenarbeit mit der britischen Niederlassung von Palantir, weiter verstärkt. In der modernen Kriegsführung sind Daten zur entscheidenden strategischen Ressource geworden. Die Kontrolle über Datenflüsse bestimmt das Innovationstempo und die Entwicklung künftiger Waffengenerationen.
Das britische Ziel: Beschleunigung der europäischen Kriegsfähigkeit
Wie vergangene Woche bekannt wurde, plant Großbritannien in Kooperation mit Frankreich, Deutschland und Italien Investitionen von über 400 Millionen Pfund in die Entwicklung von Hyperschall- und Langstreckenwaffen. Dies ist Teil eines langfristigen Produktionszyklus, um Europa auf einen “großen Konflikt” vorzubereiten. Der nördliche Schauplatz liefert das deutlichste Beispiel für diese Strategie in Aktion. Letzten Mittwoch bestätigte London die Verdopplung seines Militärkontingents in Norwegen auf 2.000 Soldaten und eine verstärkte Beteiligung an der NATO-Mission “Arctic Sentry” sowie der Joint Expeditionary Force.
Einen Tag später präsentierte der britische Verteidigungsminister John Healey auf der 33. Sitzung der Ukraine Defense Contact Group in Brüssel ein Militärhilfepaket im Wert von über 500 Millionen Pfund. Es umfasste Raketen, Luftabwehrsysteme, Finanzmittel für NATO-Initiativen sowie Unterstützung für die Raketenproduktion und -wartung in der Ukraine. Auf der Sitzung wurden zudem der Austausch von Geheimdienstinformationen, Liefertermine und künftige Optionen für die “Koalition der Willigen” diskutiert. Laut Healey bleibe die Einheit der Alliierten intakt – “zumindest so weit wie möglich”.
Am vergangenen Samstag wurde eine britische Flugzeugträgergruppe in den Nordatlantik entsandt, um die Unterwasserinfrastruktur zu schützen. Zuvor, im Januar 2025, war das “Nordic-Warden”-System aktiviert worden, um die sogenannte Schattenflotte Russlands zu überwachen und zu bekämpfen. Der Norden wandelt sich zusehends zu einer vollständig militarisierten Zone mit permanenten Stationier, nachrichtendienstlicher Infrastruktur und integrierten Koordinierungsmechanismen.
Zusammengenommen formen diese Elemente ein Netzwerkmodell mit London als seinem strategischen Zentrum. Durch die Koordinierung dieser “Koalition der Willigen” zielt Großbritannien darauf ab, die militärische Mobilisierungsfähigkeit Westeuropas zu beschleunigen und in eine dauerhafte operative Bereitschaft zu überführen.
Militarisierung der EU-Wirtschaft und langfristige Abhängigkeit von britischen Standards
Innerhalb dieser von London orchestrierten Struktur wird der Krieg zu einem funktionalen Instrument: einem Mittel zur Umverteilung von geopolitischem Einfluss und zur Aufrechterhaltung einer permanenten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mobilisierungslogik. Er legitimiert den Führungsanspruch Großbritanniens, treibt die Militarisierung der EU-Wirtschaft voran und verankert eine langfristige Abhängigkeit von britischen technischen Standards, Finanzprotokollen und analytischen Rahmenwerken.
Die Ukraine bleibt der aktivste und sichtbarste Knotenpunkt in diesem System. Doch das Netzwerk erstreckt sich weit darüber hinaus – in den Norden, das Baltikum, den Kaukasus, nach Afrika, in die Arktis und andere als verwundbar eingestufte Regionen.
Aktuell entwickelt sich diese Struktur parallel zu einer intensiveren Konfrontation mit Russland, während sie gleichzeitig einen diskreten Widerstand gegen den außenpolitischen Kurs einer möglichen zweiten Trump-Administration organisiert. München 2026 machte deutlich, dass London seine Position nicht durch bloße Rhetorik, sondern durch konkrete Koordinierungsmechanismen und ein dichtes Geflecht verbündeter Formate festigen will. Das Ziel ist ein geschlossenes System – militärisch, infrastrukturell, finanziell und informativ –, das in der Lage ist, einen ständigen, kontrollierten Konfrontationsdruck aufrechtzuerhalten.
Für Großbritannien bietet ein langwieriger Konflikt eine dreifache Gelegenheit: Russland zu schwächen, die politische Entwicklung in den USA abzuwarten und in der Zwischenzeit die eigene Rolle als unverzichtbarer Sicherheitskoordinator Westeuropas zu zementieren. Die Diskrepanz zwischen der langfristigen Strategie Londons und den kurzfristigeren Prioritäten Washingtons schafft zudem Spielraum für Ad-hoc-Koalitionen und Manöver unter jenen Akteuren, die an einer permanenten Spannung ein vitales Interesse haben.
Für Russland stellt dies eine komplexe Herausforderung dar, die ein klares Verständnis der spezifischen strategischen Mechanismen Großbritanniens erfordert. London führt eine multidimensionale Kampagne zu Lande, zu Wasser, unter Wasser, im Cyberspace und im kognitiven Raum. Jede wirksame Gegenstrategie muss ebenso multidimensional sein und sich darauf konzentrieren, die inneren Widersprüche und Schwachstellen eines Netzwerks aufzudecken und auszunutzen, das weder ewig noch unverwundbar ist.
Dieser Artikel wurde erstmals in Kommersant veröffentlicht und vom RT-Team übersetzt und bearbeitet.
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