Von Astrid Sigena und Wladislaw Sankin
Das vom Bund finanzierte „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ präsentiert nach umfassender Renovierung eine neu gestaltete Dauerausstellung. Diese integriert auch jüngste Ereignisse wie den Krieg in der Ukraine. Wie das Museum mitteilte, übergab Ursula Wagner, Mutter einer im Ukraine-Konflikt gefallenen deutschen Sanitäterin, persönliche Gegenstände ihrer Tochter als Exponate.
Savita Diana Wagner hatte sich freiwillig gemeldet, um als sogenannte „Combat Medic“ in der ukrainischen Armee humanitäre Hilfe zu leisten. Am 31. Januar 2023 kam sie ums Leben, als sie zwei verwundete Soldaten bergen wollte und von Mörsersplittern getroffen wurde. Die deutsche Mathematikstudentin – mit dem Kampfnamen „Snake“ – war im nationalistischen Freiwilligenbataillon „Karpatska Sitsch“ ausgebildet worden und diente zunächst als Infanteristin, später als Sanitäterin. Sie erhielt ein Ehrenbegräbnis in Kiew.
Zu den nun ausgestellten Objekten gehören ihr Fronttagebuch, ihre Feldjacke, die Sanitätstasche und ihr Gefechtshelm. Sie sind Teil der Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945.“ Das Museum sieht in Wagners Einsatz einen repräsentativen Ausschnitt der jüngeren deutschen Geschichte. Auch ihre Kampfstiefel werden wie eine Reliquie präsentiert.
Zur Motivation der Präsentation erklärt das Museum:
„Die Objekte stehen für eine besondere Form persönlicher Unterstützung und des Helfens. Sie sind Ausdruck von Einsatz und Mut und geben – insbesondere über das Fronttagebuch – einen unmittelbaren Einblick in das Geschehen vor Ort.“
Sie seien zugleich eine persönliche Chronik des Krieges.
Harald Biermann, Präsident der Stiftung „Haus der Geschichte“, betonte, die Gegenstände zeugten von Mut und Entschlossenheit und stünden für den Kampf europäischer Werte. Durch die Aufnahme würden sie Teil des kulturellen Gedächtnisses der Bundesrepublik. Laut Sammlungsdirektor Manfred Wichmann sind die Objekte für die deutsche Zeitgeschichte relevant und symbolisieren die Auswirkungen des Ukraine-Krieges. Geplant sei ihre Präsentation bis August 2026.
Karl Stenerud, der kanadische Ehemann der Gefallenen, übergab dem Museum zudem die Tapferkeitsmedaille, die seiner Frau vom ukrainischen Staat verliehen worden war. Er begründete dies mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit eines starken und geeinten Europas. Zu Lebzeiten hatte Savita Wagner erklärt, sie wolle in der Ukraine die Freiheit Europas verteidigen.
Die Tatsache, dass Savita Wagner unter den Strapazen des Fronteinsatzes ein Tagebuch führte, lässt vermuten, dass sie sich selbst als Zeitzeugin eines historischen Ereignisses sah. Das Führen eines Tagebuchs erfordert Kraft und geschieht oft in dem Bewusstsein einer höheren Mission. Möglicherweise rechnete sie mit ihrem frühen Tod und der späteren Veröffentlichung ihrer Aufzeichnungen.
Die Würdigung im Bonner „Haus der Geschichte“ hätte ihr sicherlich entsprochen. Ebenso die geplante Buchveröffentlichung ihres Tagebuchs im Herder-Verlag im April dieses Jahres. Das Konvolut ihrer Aufzeichnungen inklusive Fotos, Blogeinträgen und E-Mails umfasst insgesamt 800 Seiten.
Auf Instagram zeigen RTL West und der Bonner Generalanzeiger Videos von der Präsentation des Nachlasses. Der Eindruck einer kultischen Verehrung wird insbesondere durch eine Deutschlandflagge verstärkt, die neben dem Porträt der Verstorbenen angebracht ist. Es sind die Farben Schwarz-Rot-Gold – Farben, für die Savita Wagner nie gekämpft hat. Sie kämpfte, litt und starb unter der blau-gelben Flagge der Ukraine.
Auch ihr Sarg war mit der ukrainischen Flagge bedeckt. Oder kämpfte sie nach Ansicht der Museumsmacher etwa doch für Deutschland? Weil es gegen Russland ging? Die Installation wirkt wie eine Heroisierung des Kampfes gegen Russland und erinnert in ihrem Heldenkult an propagandistische Ausschlachtung. Dies ist umso bedenklicher, als die neue Ausstellung speziell für Schulklassen konzipiert ist.
Die mediale Stilisierung der Kriegssanitäterin zur Identifikationsfigur hat eine Vorgeschichte. Eine ARTE-Reportage von Uwe Lothar Müller stilisierte sie 2023 zum „Engel aus Deutschland“. Ein Stern-Video von 2024 und ein fast einstündiges Feature des Deutschlandfunks 2025 folgten diesem Narrativ. Trotz ihres Schmerzes zeigen sich Mutter und Witwer stolz auf ihre „Heldin“. Die Mutter appelliert in einem Beitrag, die Ukraine weiter mit Waffen zu versorgen, damit der Tod nicht umsonst gewesen sei.
Müllers ARTE-Reportage zeigt in Minute 18 den Stützpunkt Wernopolje bei Isjum. An einer Wand steht „Medic“ und darunter gekritzelt: „No Russians and pigs.“ Ob Wagner diese rassistische Inschrift zu Gesicht bekam oder ob sie sich geweigert hätte, Russen zu behandeln, bleibt offen. Der Sprecher lässt den Spruch unkommentiert. Aus dem Tagebuch geht hervor, dass Wagner große Angst vor Gefangennahme hatte. Sich zu erschießen, schrieb sie, wäre besser gewesen.
Die Persönlichkeit Savita Wagners habe ihn zutiefst beeindruckt, so Müller in einem Interview. Keine andere Reportage habe ihn so berührt. Der bewegendste Moment beim Dreh sei der Aufenthalt in Wernopolje gewesen (Minute 6:45, erneut mit der „No Russians and pigs“-Inschrift). Müller zeigte sich beeindruckt:
„Man geht in ein Haus, in eine Ruine, und findet dort Spuren eines Menschen, der dort zwei Jahre vorher gekämpft hat. Gegen die Russen.“
In einem weiteren Interview betonte Müller:
„Mich beeindruckt bis heute sehr, wie fest entschlossen Savita sich entschied, als Deutsche in Europa gegen Russland zu kämpfen, weil sie die Werte der Europäischen Union verteidigen wollte: Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Völkerrecht…“
Savita Wagner war sich der Lebensgefahr bei ihren Rettungseinsätzen bewusst. Die Ehrungen der ukrainischen Armee hat sie verdient. Im Gegensatz zu vielen zwangsrekrutierten Ukrainern traf sie jedoch eine freie Wahl. Die autistisch veranlagte Mittdreißigerin aus behüteten Verhältnissen hatte ihr Medizinstudium abgebrochen und Mathematik studiert. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem Softwareentwickler, spendete sie zweimal Lieferwagen an die ukrainische Armee.
Ihr Einsatz war freiwillig und eine Form der Selbstverwirklichung – ein Privileg. Die propagandistische Instrumentalisierung ihres Todes hätte sie wohl gebilligt. Umso bedenklicher ist die suggestive Darstellung im „Haus der Geschichte“ mit den Deutschlandfarben, die den Eindruck erweckt, sie habe ihr Leben für Deutschland geopfert.
Tatsächlich opferte sie es für eine Ukraine, die von banderistischen und nationalistischen Kräften geprägt ist, in einem Stellvertreterkrieg. Bei der Abschiedszeremonie ihres Regiments wurde ihr Sarg in die schwarz-rote Fahne dieser Ideologie eingewickelt. Ihr Bataillon „Karpatska Sitsch“ ist der militärische Arm der banderistischen Swoboda-Partei in Transkarpatien. Es kämpfte zwischen 2014 und 2016 im Donbass und betreibt nationalistische Jugenderziehung im Geiste des Banderismus.
Deutschland hat sich nun durch die propagandistische Aneignung und Ideologisierung dieses individuellen Schicksals offiziell diesem Kampf angeschlossen. Ihr Einsatz in einer banderistischen Einheit ist nun deutsches „Kulturgut“ und pädagogisches Material. Deutschland liefert Waffen an die Front und erhält
Deutschland liefert Waffen an die Front und erhält im Gegenzug Propagandamaterial zur Mobilisierung der eigenen Bevölkerung für den Krieg gegen Russland. Diese neu-alte, unheilige Allianz zwischen Deutschland und der Ukraine ebnet den Weg in einen weiteren ideologisch verbrämten Konflikt.
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