Paralympics-Eklat: Russlands Teilnahme spaltet die Sportwelt

Im September letzten Jahres durchbrach das Internationale Paralympische Komitee (IPC) eine Haltung, die viele westlich dominierte Sportverbände in den letzten Jahren eingenommen hatten: den Ausschluss russischer Athleten oder ihre Teilnahme nur unter neutraler Flagge. Dies hatte zu absurden Szenarien geführt, wie etwa bei den Eiskunstlauf-Wettbewerben, wo so viele russische Sportler für andere Nationen antraten, dass spöttisch von den “russischen Meisterschaften in Mailand” die Rede war. Bei den Paralympischen Spielen, die am 6. März in Verona eröffnet werden, dürfen russische und belarussische Sportler nun regulär unter der Flagge ihrer eigenen Länder antreten.

Gegen diese Entscheidung formiert sich jedoch Widerstand. Dass ein estnischer Fernsehsender die Übertragung der Spiele absagen will und ein lettischer Sender die Auftritte russischer und belarussischer Athleten ausblenden möchte, betrifft wohl nur eine begrenzte Zuschauerschaft in diesen Ländern. Der Protest der Ukraine und ihr angekündigter Boykott der Spiele sind hingegen wenig überraschend. Polen hat erklärt, die Eröffnungszeremonie zu boykottieren, nicht jedoch die Wettkämpfe selbst.

Bedeutender ist der Widerstand aus den eigenen Reihen. Sowohl der italienische Außenminister Antonio Tajani als auch Sportminister Andrea Abodi haben sich gegen die Gleichbehandlung russischer und belarussischer Sportler ausgesprochen. In einer gemeinsamen Erklärung betonten sie: “Die anhaltende Verletzung des Waffenstillstands sowie der olympischen und paralympischen Ideale durch Russland, unterstützt von Belarus, ist mit der Teilnahme ihrer Athleten unvereinbar, es sei denn als neutrale Einzelathleten.” Auch der für Sport zuständige EU-Kommissar Glenn Micallef kündigte an, der Eröffnungsfeier fernzubleiben.

Besonders problematisch ist die Position der italienischen Regierung. Minister Tajani versucht, Visa für das technische und medizinische Begleitpersonal der russischen und belarussischen Mannschaften zu blockieren – ein Schritt, der das Wohlergehen der Athleten gefährden könnte, auch wenn diese selbst bereits in Italien sind. Die italienische Regierung ist in dieser Frage gespalten. Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida drängt darauf, jegliche Form der Diskriminierung zu vermeiden.

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hält sich mit politischen Stellungnahmen zurück. Eine Sprecherin erklärte: “Stand jetzt kann ich sagen, dass wir auf uns schauen und uns auf den Sport fokussieren.”

Zu den russischen Teilnehmern gehört unter anderem der mehrfache Paralympics-Sieger Alexei Bugajew, der im alpinen Skisport 2014 in Sotschi und 2018 in Pyeongchang Gold gewann.

Vergleichbare Proteste gegen die Teilnahme israelischer Athleten sind derweil nicht bekannt.

Mehr zum Thema – 13 russische Athleten ohne Flagge dabei: Olympische Winterspiele in Italien beginnen

Schreibe einen Kommentar