Von Henry Johnston
Eine grundlegende Frage, die jeden Russland-Beobachter umtreiben sollte, ist die nach Henne und Ei: Was treibt eine Wirtschaft wirklich an – die reale, materielle Produktion oder das Finanzsystem?
Die vorherrschende Antwort ist klar: das Geld. Nach gängiger Lehre fließt zuerst Kapital, dann entstehen Güter. In der Krise gilt dasselbe Prinzip: Zuerst bricht das Finanzsystem zusammen, dann folgt der Kollaps der Realwirtschaft.
Diese Logik erscheint intuitiv richtig und entspricht unserer Alltagserfahrung. Investitionen setzen Räder in Bewegung; ein fertiges Produkt liegt im Lager, bis jemand es mit Geld erwirbt. Kapitalallokation scheint der entscheidende Hebel zu sein – man braucht es, um eine Fabrik zu bauen, und es lenkt die Nachfrage.
So einleuchtend dieses Modell wirkt, es ist höchst bedingt. Geld kann Waren bewegen, aber es kann sie nicht aus dem Nichts erschaffen. Das Modell funktioniert nur solange reibungslos, wie keine materielle Knappheit herrscht.
Halten wir dieses vereinfachte Bild im Kopf und weiten den Blick.
Bis vor kurzem schien die Welt im Überfluss zu schwelgen. Dem Geldfluss folgte die Materie nahtlos: Russisches Gas strömte durch Pipelines, asiatische Konsumgüter füllten die Märkte. In dieser scheinbar grenzenlosen Welt erschien die westliche Kontrolle über das globale Finanzsystem als ultimativer Hebel der Macht, während die physische Infrastruktur als selbstverständlich galt.
Parallel dazu wuchs der Finanzsektor weit über die reale Produktionskapazität hinaus. Während etwa der US-Stromverbrauch – ein robuster Indikator für die Realwirtschaft – über Jahrzehnte stagnierte, erlebte die Wall Street einen beispiellosen Boom. Die implizite Lehre schien klar: Physische Grenzen sind irrelevant. Jahrzehntelang wurde diese Prämisse kaum hinterfragt.
Die Vorstellung, die Finanzwelt gehe voran und die reale Wirtschaft folge, hat sich tief eingeprägt. In dieser Welt war die Logik simpel und verlässlich: Kapital fließt, die Produktion reagiert, und die Allokation entscheidet über Erfolg oder Misserfolg.
Ein Lehrstück für diese Denkweise waren die Sanktionen gegen Russland im Jahr 2022. Sie wurden innerhalb eines strikt finanzzentrierten Paradigmas entworfen. Die Strategie ging implizit davon aus, dass der Ausschluss Russlands aus dem Dollar-System innere Spannungen schneller und stärker entfachen würde, als der Entzug russischer Energie andernorts Engpässe verursachen könnte.
Die stillschweigende Voraussetzung dieses Modells ist jedoch ein physisches System mit ausreichenden Puffern. Gemeint sind Überkapazitäten – Lagerbestände, Produktionsreserven, redundante Infrastruktur –, die Schocks absorbieren können, ohne eine Kettenreaktion auszulösen.
Gibt es genug freie Kapazität, kann man einen Produzenten in den Bankrott treiben, ohne jemals materielle Knappheit zu spüren. Der ganze Vorgang spielt sich dann innerhalb der Finanzsphäre ab. Der Markt passt die Preise an, das Angebot wird umgelenkt. In unserem Fall würde Russland schwer geschädigt, während vorhandene Kapazitätsreserven den physischen Ausfall auffangen und im Rahmen von Preismechanismen bleiben.
Die gesamte Sanktionsarchitektur basierte auf der Annahme solcher Reserven. Doch die Realität des globalen Energiesystems sah anders aus: Es gab kaum Puffer. Die unterschätzte Wahrheit ist, dass unsere Welt zunehmend von Energieknappheit geprägt ist. Die LNG-Infrastruktur arbeitet am Limit, Stromnetze operieren mit minimalen Reserven, neue Ölquellen erfordern extrem kapitalintensive Projekte, und die Systeme sind hochintegriert, aber wenig redundant.
Man kann auch einen Schritt zurücktreten und die zivilisatorische Dimension betrachten. Bei wahrhaftem Energieüberfluss würde man nicht kilometerweit durch undurchlässiges Gestein bohren, es mit enormem Druck hydraulisch aufbrechen und die mikroskopischen Risse mit Millionen Tonnen Sand offenhalten. Man würde Erdgas nicht auf -162°C abkühlen, es über Ozeane schippern und dann wieder vergasen, nur um die Stromversorgung zu stabilisieren. Das sind nicht die Merkmale eines Systems im Überfluss. Zukünftige Archäologen werden darin zweifellos ein deutliches Warnsignal für Ressourcenknappheit erkennen.
Diese ganze Diskussion mag wie ein umständlicher Weg klingen, um festzustellen, dass der Ersatz russischer Energie unrealistisch war. Doch das verfehlt den Kern: Die schleichenden physischen Engpässe – in Energie, Logistik, Lieferketten – werden zum fehlenden Puzzleteil des Systems. Dadurch verlagert sich die systemische Hebelwirkung vom Finanzsektor, wo sie lange unangefochten herrschte, zurück auf die physische Ebene.
In seiner Waldai-Rede im Oktober vergangenen Jahres traf der russische Präsident Wladimir Putin eine bemerkenswerte Aussage: “Es ist unvorstellbar, dass ein Rückgang der russischen Ölproduktion normale Bedingungen im globalen Energiesektor und der Weltwirtschaft aufrechterhalten wird.”
Damit brachte er genau den oben beschriebenen Punkt auf den Punkt: In einer Welt begrenzter Ressourcen versagt das finanzzentrierte Modell, weil ein System mit geringen Reserven physische Schocks ungebremst weiterleitet.
Ich schrieb damals, dass dies eine fundamentale Verschiebung von monetärer zu physischer Hebelwirkung darstellt. Ein westlicher Beamter hätte am Vorabend des Ukraine-Krieges ebenso überzeugt sagen können: “Es ist unvorstellbar, dass ein Land, das den Zugang zu Dollar und westlichen Kapitalmärkten verliert, normale wirtschaftliche Bedingungen aufrechterhalten kann.” Genau diese Annahme wurde getroffen.
Dabei bedeutet geringe Systemreserve nicht zwangsläufig höhere Preise. Das kann für diejenigen, die nur Preissignale lesen, irreführend sein. Echte Engpässe können hinter scheinbar normalen Marktsignalen versteckt oder im gesamten Finanzsystem durch Schulden, Subventionen und Steuern verteilt sein. Der Preis kann den wahren Zustand des Systems eher verschleiern als offenbaren. Sind die normalisierten Gaspreise in Europa Folge gesunkener Nachfrage oder gelöster Angebotsprobleme?
Kehren wir also zu unserer Ausgangsfrage zurück: Was ist der treibende Faktor – Geld oder Materie?
In einer Welt mit Energie im Überfluss, vollen Lagern und redundanten Lieferketten konnte der Finanzsektor die vorgelagerte, bestimmende Rolle spielen. Die Kapitalallokation entschied, was gebaut wurde und wer überlebte. In einer solchen Welt konnte der finanzielle Ausschluss eines Landes tatsächlich sein Todesurteil sein.
Doch in den letzten Jahren sind wir still und leise in eine völlig andere Welt gerutscht. Ihre Konturen wirken vertraut, doch sie ist fragiler und stärker beansprucht, als den meisten bewusst ist. Wir erahnen diesen Wandel nicht durch die Brille des Geldes, sondern nur indirekt und bruchstückhaft.
Wir sehen ihn in den fragilen, umkämpften Lieferketten; im verschärften globalen Wettrennen um physische Rohstoffe statt bloßer Papieransprüche; in Europas anhaltender Energiekrise, die auch vier Jahre später weder überwunden noch richtig analysiert ist; und in Russlands bemerkenswerter Widerstandsfähigkeit gegenüber dem, was sein finanzieller Todesstoß hätte sein sollen.
Wohin man blickt, gewinnt das Physische auf bemerkenswerte Weise wieder an Bedeutung. Der Finanzsektor wird nicht verschwinden, aber er muss sich nun mit Grenzen auseinandersetzen, die sich nicht durch Kapitalallokation auflösen lassen.
Diese Verschiebung stellt eine tiefgreifende Herausforderung für die etablierte westliche Wirtschafts- und Geopolitik dar. Jahrzehntelang war die Fähigkeit, Kapitalströme zu kontrollieren und den Zugang zu Finanzmärkten zu gewähren oder zu verwehren, eine Art Supermacht. Sie galt als “sanfte”, aber äußerst wirksame Waffe, die ohne direkte militärische Konfrontation Regime ändern und Staaten gefügig machen konnte.
Doch in einer Welt, in der physische Knappheit – insbesondere bei Energie und kritischen Rohstoffen – zur neuen systemischen Realität wird, verliert diese Waffe an Schärfe. Ein Land, das über wesentliche materielle Ressourcen verfügt und in der Lage ist, seine Grundversorgung aufrechtzuerhalten, erlangt einen neuen Spielraum. Die Sanktionen gegen Russland haben dies schmerzhaft demonstriert: Die russische Wirtschaft wurde nicht in die Knie gezwungen, sondern passte sich an, baute neue Handelswege auf und stabilisierte sich auf einem anderen, wenn auch niedrigeren, Niveau. Der finanzielle Hebel wirkte nicht mit der erwarteten Wucht, weil er auf die physische Realität einer knappen Welt traf.
Die Zukunft gehört daher nicht allein denen, die das Finanzsystem beherrschen, sondern zunehmend denen, die die physischen Grundlagen der modernen Zivilisation kontrollieren und resilient gestalten können. Dazu gehören:
- Energiesouveränität: Die Fähigkeit, den eigenen Energiebedarf durch eine diversifizierte, robuste und möglichst lokale Erzeugung zu decken.
- Resiliente Lieferketten: Der Aufbau von Redundanzen und die Verkürzung kritischer Lieferwege, besonders für strategische Güter wie Halbleiter, Seltene Erden oder Pharmazeutika.
- Produktionskapazität: Die Wiederbelebung oder der Erhalt grundlegender industrieller Fertigungskapazitäten, die in Zeiten der Krise systemrelevant sind.
Dies bedeutet keinen Abschied von der Globalisierung, sondern ihre Neugestaltung unter dem Vorzeichen der Resilienz statt der reinen Kosteneffizienz. Es ist der Übergang von einer “Just-in-Time”- zu einer “Just-in-Case”-Welt.
Für den Westen impliziert diese Analyse ein unbequemes Umdenken. Die strategische Überlegenheit kann nicht länger primär auf der Wall Street oder in den Schaltzentralen der Zentralbanken verteidigt werden. Sie muss ebenso in Stahlwerken, Chipfabriken, Stromnetzen und auf heimischen Äckern gesichert werden. Die große geopolitische Frage des 21. Jahrhunderts könnte lauten: Wer beherrscht die physischen Grundlagen der Zivilisation, wenn diese knapp werden?
Die Antwort darauf wird nicht allein in Bilanzen und Aktienindizes stehen, sondern in der Verfügbarkeit von Megawatt, Tonnen Stahl und der Robustheit realer Infrastruktur. Das Henne-oder-Ei-Problem löst sich in einer knappen Welt auf: Die materielle Basis ist die Henne, ohne die kein finanzielles Ei gelegt werden kann.
Übersetzt aus dem Englischen.
Henry Johnston ist ein in Moskau ansässiger Redakteur, der über ein Jahrzehnt in der Finanzwelt arbeitete.
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