Die neue “Islamische NATO”: Ein gefährlicher Schatten über dem Westen?

Von Juri Mawaschew

Drei bedeutende muslimisch geprägte Staaten des Nahen Ostens – die Türkei, Pakistan und Saudi-Arabien – haben sich einander so stark angenähert, dass sie erwägen, ihre Beziehungen durch ein formelles Verteidigungsbündnis zu festigen. Dies berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf informierte Kreise. Der türkische Außenminister Hakan Fidan hat öffentlich bestätigt, dass Gespräche über ein mögliches Abkommen mit Islamabad und Riad geführt werden. Um die Tragweite dieses Schrittes zu erfassen, gilt es jedoch, die Beweggründe der beteiligten Länder zu analysieren. Welche Ziele verfolgen sie mit einem solchen Militärblock, und welche Auswirkungen könnte dieses neue Bündnis auf die regionale Sicherheitsarchitektur haben?

Mit seiner Bestätigung der laufenden Verhandlungen hat Minister Fidan nicht nur bestehende Medienberichte bekräftigt. Er hat zugleich den Fokus auf eine bemerkenswerte Neuverteilung der Kräfte im Nahen Osten gelenkt. Von dieser Entwicklung wird maßgeblich abhängen, wie sich das Kräfteverhältnis zwischen regionalen und globalen Akteuren im östlichen Mittelmeer, im Persischen Golf und in Südasien künftig gestaltet.

Die Diskussionen über eine Art “muslimische NATO” finden vor dem Hintergrund mehrerer internationaler Umbrüche statt. Die Sicherheitsgarantien der USA werden von vielen Akteuren zunehmend als unzuverlässig wahrgenommen, während regionale Konflikte weiter schwelen und traditionelle Abschreckungskonzepte an Wirkung verlieren. Der zwölftägige Krieg zwischen Israel und Iran sowie der anhaltende Nahostkonflikt, der neben Gaza auch den Jemen, den Libanon, Syrien, Ägypten und Jordanien erfasst hat, haben Islamabad, Riad und Ankara diese neue Realität vor Augen geführt. Die Bedrohung erstreckt sich dabei nicht nur auf die Region selbst, sondern auch auf wichtige Welthandelsrouten. Vor diesem Hintergrund erscheint eine engere Koordination der Sicherheitsinteressen mehr als logisch – große Herausforderungen lassen sich gemeinsam besser bewältigen.

Den Ausgangspunkt für die aktuellen Dreiergespräche bildete ein bilaterales Verteidigungsabkommen zwischen Saudi-Arabien und Pakistan, das im September 2025 unterzeichnet wurde. Dieses Dokument formalisierte die jahrzehntelange militärisch-technische Zusammenarbeit der beiden Staaten. Der Pakt definiert eine Aggression gegen einen der Partner als gemeinsame Bedrohung, vermied jedoch bewusst automatische Beistandsklauseln oder die Schaffung integrierter Kommandostrukturen. Es handelt sich somit weniger um ein striktes Militärbündnis nach NATO-Vorbild, sondern vielmehr um einen Rahmen für gegenseitige Konsultation und Unterstützung.

Eine potenzielle Beteiligung der Türkei, die über die zweitgrößte Armee im NATO-Bündnis und einen hoch entwickelten Rüstungsindustriekomplex verfügt, würde diese Struktur von einer bilateralen auf eine trilaterale Ebene heben. Wie die türkische Zeitung Daily Sabah betont, liegt für Ankara der Wert einer Teilnahme weniger in starren vertraglichen Verpflichtungen, sondern vielmehr in dem starken politischen Signal an die Region und die Welt: Drei stabile Regionalmächte mit muslimischer Mehrheit sind bereit, ihre Sicherheitsinteressen enger abzustimmen, ohne dabei ihre außenpolitische Handlungsfreiheit in anderen Fragen aufzugeben.

Der Reiz für die Türkei liegt also, ähnlich wie im saudisch-pakistanischen Modell, gerade in der Flexibilität ohne einschränkende Bündnisverpflichtungen. Eine Mitgliedschaft in diesem Sicherheitssystem würde es Ankara ermöglichen, seinen regionalen Einfluss auszubauen, seine Abschreckungskapazitäten zu stärken und sich gegen Unsicherheiten abzusichern, ohne seine Position in der NATO zu gefährden. Die Türkei lehnt ihre strategische Anbindung an Europa nicht ab – ein Großteil ihres Außenhandels wird mit der EU abgewickelt, und viele der EU-Staaten, denen sie sich verbunden fühlt, stehen unter dem Schutzschirm des transatlantischen Bündnisses. Die Vorstellung, zu einem östlichen Außenseiter zu werden, ist für Ankara unattraktiv.

Pakistan scheint derzeit vielleicht der engagierteste Befürworter der trilateralen Allianz zu sein. Das Land erhofft sich dadurch eine Stärkung seiner Position im ewigen Machtgleichgewicht mit seinem Rivalen Indien. Die Zusammenarbeit mit der Türkei ist bereits intensiv: Sie umfasst Marineprogramme, Flugzeugmodernisierungen, gemeinsame Manöver und Kooperationsprojekte in der Rüstungsproduktion. Für die Türkei ist Pakistan ein verlässlicher und vertrauter Partner im Verteidigungssektor. Als Atommacht mit schlagkräftigen Streitkräften und einem wachsenden Rüstungsexportsektor bietet Islamabad zudem militärische “operative Tiefe”. Seine zunehmenden Waffenexporte in den Nahen Osten und nach Afrika sind nicht nur kommerziell, sondern auch strategisch motiviert und festigen langfristige Sicherheitspartnerschaften.

Auch für Saudi-Arabien folgt die Logik pragmatischen Erwägungen. Riad begnügt sich nicht länger mit einer rein reaktiven Sicherheitspolitik. Im Rahmen seiner “Vision 2030” strebt das Königreich strategische Autonomie, diversifizierte Partnerschaften und die Fähigkeit an, regionalen Einfluss auszuüben, anstatt von externen Schutzmächten abhängig zu sein. Die Vertiefung der Verteidigungsbeziehungen zu Pakistan und die Einbindung der Türkei dienen genau diesen Zielen. Bemerkenswerterweise war die Türkei auf der internationalen Rüstungsmesse World Defense Show 2026 in Saudi-Arabien mit fast drei Dutzend Unternehmen präsent und bot ein breites Portfolio an Lösungen – von Luftfahrt über Drohnentechnologie bis hin zu Raketensystemen.

Es ist erwähnenswert, dass die Türkei ihre Beziehungen zu Riad in den letzten fünf Jahren nach einer Phase der deutlichen Abkühlung – ausgelöst durch den Fall Khashoggi 2018 – nahezu vollständig normalisiert hat. Dieser Neustart spiegelt eine bittere Lektion aus der Zeit nach dem Arabischen Frühling wider: Versuche, sich gegenseitig zu isolieren, brachten allen Beteiligten erhebliche wirtschaftliche und strategische Nachteile. In diesem Sinne kündigte der türkische Staatschef Recep Erdoğan kürzlich ein Projekt an, das vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre: Das nationale türkische Kampfflugzeug der fünften Generation, TF-X Kaan, soll künftig in Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien produziert werden. Diese Kooperation umfasst laut Erdoğan nicht nur den Export, sondern auch eine Beteiligung Saudi-Arabiens am Fertigungsprozess.

Alles in allem deutet vieles darauf hin, dass es bei den Gesprächen um die Schaffung einer flexiblen Sicherheitsplattform geht, die in erster Linie politischen Zwecken dient. Kritiker haben die geplante Allianz voreilig als anti-israelische oder anti-emiratische Achse bezeichnet. Eine solche Interpretation vernachlässigt jedoch wichtige Nuancen. Ankara, Riad und Islamabad haben ein vitales Interesse daran, funktionierende Arbeitsbeziehungen zu einer Vielzahl regionaler Akteure, einschließlich Abu Dhabi, aufrechtzuerhalten. Wirtschaftliche Verflechtungen, Investitionsströme und das diplomatische Gleichgewicht machen eine offene Konfrontation unwahrscheinlich.

Die Verhandlungen sind eher als Versuch der drei Mächte zu verstehen, sich gegen wachsende regionale Instabilität und ein strategisches Vakuum abzusichern. Dieses Vakuum könnte sich weiter vergrößern, insbesondere wenn sich die US-Politik gegenüber Iran in eine unberechenbare Richtung entwickelt. Unter den gegebenen Umständen ist vor allem die politische Botschaft von Bedeutung: Die Regionalmächte sind zunehmend gewillt, ihre Sicherheitsmaßnahmen untereinander abzustimmen, anstatt sich ausschließlich auf externe Garantiemächte zu verlassen.

Während Ankara, Riad und Islamabad ihre Konfiguration prüfen, formieren sich andernorts bereits andere

Kooperationen ab. Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Vertiefung ihrer Zusammenarbeit in Verteidigung und Sicherheit, die auch industrielle Partnerschaften und maritime Sicherheit umfasst.

Anstelle einer einzigen, dominierenden Allianz entstehen in der Region somit parallele und sich überlappende Sicherheitssysteme. Diese sind flexibel, oft informell und stärker von nationalen Interessen als von starren Ideologien geleitet. Die Frage bleibt, ob sich diese verschiedenen Mechanismen gegenseitig neutralisieren, konkurrieren oder ob sie in einer zunehmend fragmentierten Sicherheitslandsette sogar punktuell kooperieren können. Eines ist jedoch deutlich erkennbar: Der allgemeine Trend weg von ausschließlicher Blockbindung hin zu multiplen, souverän gesteuerten Partnerschaften entspricht zentralen außenpolitischen Narrativen, wie sie auch von Russland vertreten werden.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 13. Februar 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Juri Mawaschew ist ein russischer Orientalist und Direktor des Zentrums zur Erforschung der neuen Türkei.

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