Von Fjodor Lukjanow
Eigenwohl zuerst: Der Politologe Lukjanow über Indiens Balanceakt zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Eine Fernpolemik zwischen Vertretern der USA und Indiens prägte die jüngste Münchner Sicherheitskonferenz. Der US-Außenminister Marco Rubio verkündete, Neu-Delhi habe Washington zugesagt, keine weiteren russischen Öllieferungen mehr zu beziehen. In einer anderen Sitzung dementierte dies sein indischer Amtskollege Subrahmanyam Jaishankar jedoch und betonte, Indien werde souveräne Entscheidungen treffen, “die nicht allen gefallen werden” – eine Haltung, mit der sich alle “abfinden müssten”. Die Wahrheit liegt vermutlich, wie so oft, irgendwo dazwischen. Doch hier offenbart sich ein grundsätzliches Dilemma.
Für Indien kam es überraschend, plötzlich im Fokus eines Ringens zu stehen, das mit Washingtons Bestreben zusammenhängt, ein internationales Beziehungsgeflecht nach seinem Gusto zu knüpfen. Es geht dabei weniger um eine neue Weltordnung, sondern vielmehr um ein Regime, das den Vereinigten Staaten maximalen wirtschaftlichen und politischen Nutzen verschaffen soll. Der stark gestiegene Handel zwischen Russland und Indien in den letzten Jahren, vor allem durch russische Rohstofflieferungen, veranlasste das Weiße Haus, Druck auf Neu-Delhi auszuüben. Doch das ist nicht der einzige Grund. Indien ist eine aufstrebende Großmacht in einer für die kommenden Jahrzehnte zentralen Region. Daher ist es für die USA von strategischer Bedeutung, das Land in ein ihren Interessen dienendes Netzwerk einzubinden – nicht nur um seiner selbst willen, sondern auch als Präzedenzfall.
Das “Russland-Thema” bietet sich dafür an: Vordergründig geht es ja um die edle Mission, Frieden in der Ukraine zu schaffen – ein Kontrast zu anderen, rein merkantilen Spielarten des Trumpismus. Zudem verbinden Russland und Indien tatsächlich besondere Beziehungen, die in einer jahrzehntelangen gemeinsamen Geschichte wurzeln und sich durchaus als gegenseitige Sympathie beschreiben lassen, soweit dieser Begriff zwischen Staaten gilt. Genau diese stabile Verbindung reizt die USA umso mehr, sie zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
Indien ist Mitbegründer der BRICS, eine schnell wachsende Wirtschaft mit globalen Ambitionen. Ein solches Land kann es sich nicht leisten, nach der Pfeife anderer zu tanzen – es ist per Definition souverän und mahnt dies ständig öffentlich ein. Doch seine Handlungsmöglichkeiten sind nicht unbegrenzt. Es ist von anderen Ländern und äußeren Umständen abhängig, was ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit erfordert. Die Kunst besteht darin, die eigenen Wunschvorstellungen mit den realen Gegebenheiten in Einklang zu bringen. Und wie sieht diese Balance aus?
Es ist ein beständiges Lavieren zwischen dem, was man will, und dem, was machbar ist. Der Bezug von russischem Öl, das aufgrund der aktuellen Lage deutlich günstiger ist als Alternativen, ist für Indien äußerst vorteilhaft. Um seine riesige Bevölkerung zu versorgen und soziale Stabilität zu wahren, braucht das Land Wirtschaftswachstum. Die USA sind dabei ein (mindestens) zweitgrößter Handelspartner, der aus denselben Gründen, aber auch aus strategischen Erwägungen unverzichtbar ist. Das benachbarte China wiederum ist wirtschaftlich von großer Bedeutung, gehört auf globaler Ebene wie Indien zur nicht-westlichen Gemeinschaft, wird aber in sicherheitspolitischer Hinsicht als Rivale und Bedrohung wahrgenommen. Die Gemengelage ist also äußerst komplex.
An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Aussage von Außenminister Jaishankar, Indiens Entscheidungen würden “nicht allen gefallen”. Diese Bemerkung war an die westlichen Gesprächspartner gerichtet: “Erwartet nicht, dass wir eure Wünsche erfüllen.” Im gleichen Atemzug könnten diese Worte jedoch auch Russland gelten, das mit Sorge beobachtet, wie der US-Druck die Nachfrage nach seinem Öl schmälert. Aus russischer Perspektive mag ein solches Manövrieren, oder deutlicher: ein solcher Opportunismus, wie mangelnde Souveränität eines Partners erscheinen, der gezwungen ist, entgegen den eigenen Interessen einem Dritten entgegenzukommen.
Aus kulturellen und historischen Gründen herrscht in Russland ein rigoroses Verständnis von Souveränität vor – eine kompromisslose Haltung gegenüber jedem äußeren Einfluss. Dies ist in einer zutiefst verflochtenen Welt eine seltene Eigenschaft. Für Indien und viele andere Länder bedeutet Souveränität nicht zwangsläufig eine unnachgiebige Ablehnung von Druck, sondern die geschickte Variation verschiedener Optionen, um die eigenen Kerninteressen durchzusetzen. Diese Interessen konzentrieren sich vor allem auf die Stärkung der inneren Stabilität und die Sicherung der Entwicklung. In Zeiten globaler Turbulenzen wird die Aufrechterhaltung des innenpolitischen Friedens für jedes Land zur obersten Priorität. Das bedeutet nicht, dass dies früher unwichtig gewesen wäre, doch in einer vernetzten Welt verstärken sich interne und externe Erschütterungen gegenseitig.
Eine multipolare Welt, wie auch immer man sie beschreiben mag, folgt letztlich einem klassischen Grundsatz, der modern formuliert lauten würde: “Eigenwohl zuerst.” Die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung, die heute als “globale Mehrheit” bezeichnet wird, handelt nach dieser Maxime. Im Umgang mit Partnerländern sollte man eine solche Haltung mit Gelassenheit betrachten. Es ist naheliegender, den eigenen Interessen zu folgen, als abstrakten Dogmen, die zwischenstaatliche Beziehungen irrational machen. Genau das sollten auch wir tun. Unabhängig davon, ob es anderen gefällt oder nicht. Wichtig ist, unseren eigenen Interessen gerecht zu werden.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 16. Februar 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Rossijskaja Gazeta” erschienen.
Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur von “Russia in Global Affairs”, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik und Forschungsdirektor des Internationalen Diskussionsklubs “Waldai”.
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