Von Dagmar Henn
Immerhin scheint Bundeskanzler Friedrich Merz irgendwann einmal einen Band der “Anderen Bibliothek” erworben zu haben. Es muss eine Weile her sein, denn er verwandelte einen schwulen französischen Reiseschriftsteller in einen “amerikanisch-französischen Historiker”, und dessen “lange Reisen durch Russland” dauerten von Anfang Juli bis Ende September 1839. Immerhin hat sich Merz einen Satz aus diesem Werk gemerkt.
Einen besonders hohlen Satz, der sich zwar erklären ließe, aber einer, der Merz offenbar besonders gefallen haben muss. Vielleicht nur, weil er ihm erlaubt, scheinbar intellektuell fundiert etwas zu sagen, das er sich aus moralischen Gründen eigentlich verbieten sollte. Doch Merz’ Geschichtskenntnisse sind bekanntermaßen sehr selektiv.
Man muss sich diese Passage aus seinem Interview mit der Rheinpfalz, einer Ludwigshafener Tageszeitung, in Gänze zu Gemüte führen:
“Kann es mit jemandem wie Putin, der den Oppositionellen Alexej Nawalny in einem Straflager vergiften ließ, je wieder normale Beziehungen geben?”
“Ich halte das für nahezu ausgeschlossen. Wenn ich mir dieses Regime anschaue und diesen blindwütigen Terror, habe ich wenig Hoffnung. Es gibt ein interessantes Zitat des amerikanisch-französischen Historikers Astolphe de Custine aus dem 19. Jahrhundert, der nach langen Reisen durch Russland gesagt hat: ‘Russland ist in unseren Tagen für den Beobachter das merkwürdigste Land, weil man in ihm die tiefste Barbarei neben der höchsten Civilisation findet.’ Das Zitat ist 200 Jahre alt und gilt eben leider auch heute noch. Wir erleben im Augenblick dieses Land in einem Zustand der tiefsten Barbarei. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, und damit müssen wir uns abfinden.”
Nein, einen Kommentar zur neuesten Nawalny-Geschichte mit dem Pfeilfrosch erspare ich mir; ich bin ohnehin noch verwirrt von der ungeklärten Frage nach Tee, Wasserflasche oder Unterhose bei der ersten Vergiftungsgeschichte. Und überhaupt sind mir derartige Enthüllungen pünktlich zur NATO-Sicherheitskonferenz prinzipiell suspekt. Schon allein, weil das so sehr nach Hilfestellung für die lustige Witwe aussieht.
Doch wenn die Frage schon dreist ist und von vornherein vernünftige Antworten ausschließt, ist die Antwort des Mannes, der derzeit als Bundeskanzler amtiert, absolut bodenlos. Man möchte ihn an einen Stuhl fesseln und ihm die Serie “Der unvergessene Krieg” vorführen, wenn es sein muss, zehnmal ohne Unterbrechung. Blindwütiger Terror? Wie war das mit den drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die man in Deutschland verhungern ließ, zu Tode schuftete oder erschoss – oder, wie einen sowjetischen General in Mauthausen, im Winter so lange mit kaltem Wasser übergoss, bis er zur Eissäule erstarrte? Wer ist hier der Barbar?
Der “blindwütige Terror” ist eine Projektion. So wie eigentlich der Rest auch. Doch es gibt ein Land, das dem “blindwütigen Terror” recht nahekommt, diesen exportiert und sogar noch stolz darauf ist. Das Männer auf der Straße einfangen lässt, um sie in die Schützengräben zu stecken. Nur eine Hausnummer weiter. Nach offizieller Position der Bundesanwaltschaft hat dieses Land sogar Deutschland gegenüber Terror ausgeübt, indem es die Nord-Stream-Pipelines sprengte: die Ukraine.
Es ist schon eigenartig, dass ausgerechnet jener de Custine angeführt wird – ein reicher französischer Aristokrat, der sein Leben auf seinem Schloss mit zwei Männern teilte, einer davon ein zwanzig Jahre jüngerer Pole, und der auch eine Affäre mit Frédéric Chopin gehabt haben soll. Das erklärt vielleicht, in welche Richtung er beeinflusst war. Vermutlich konnte er sich auch nur mit seinesgleichen unterhalten; die russische Aristokratie sprach zu jener Zeit weithin Französisch oder wollte zumindest so tun.
Gewiss, die damals noch bestehende Leibeigenschaft hat vermutlich selbst den französischen Aristokraten irritiert. Aus historischer Perspektive lag sie in Frankreich aber erst fünfzig Jahre zurück, in Deutschland teilweise sogar erst zwanzig (einzig in England hatte ein erfolgreicher Bauernaufstand sie bereits im 15. Jahrhundert beendet).
De Custines Buch über Russland wurde in Frankreich, Deutschland und Großbritannien ein Bestseller, wobei er sicher von der neuen Technik des Rotationsdrucks profitierte, die Bücher deutlich verbilligte und sich ab 1830 durchsetzte. Seine Frustration über das erhoffte, aber nicht auffindbare reaktionäre Paradies wurde so leider zu einem Text, der die westliche Sicht auf Russland nachhaltig prägte. Wobei es schon ans Absurde grenzt, wenn er den Russen einen abstoßenden Geruch zuschreibt – schließlich pflegte man in Versailles noch im Eck auf die Binsen zu urinieren und übertünchte den Gestank mit Parfüm, weil man sich nur zweimal jährlich wusch, während in Russland das Schwitzbad üblich war.
Das “Unzivilisierte”, das “Wilde” war, darüber gibt es wissenschaftliche Abhandlungen, weitgehend dem spezifischen Geruch von mit Birkenteer gegerbtem Leder geschuldet. Birkenteer ist auch die zentrale Note des in den 1920ern beliebten Parfüms “Russisch Leder”; ein Duft, den man als unverkennbar maskulin beschreiben würde. Womöglich war das de Custine zuwider.
Aber wie auch immer sich de Custines Sicht erklären und vielleicht sogar entschuldigen lässt – bei Merz ist das etwas anderes. Denn auf der Waage der Geschichte wiegt die deutsche Barbarei unzweifelhaft schwerer. Sicher, niemand würde Merz Sensibilität zutrauen oder von ihm tiefgreifende Erkenntnisse über die deutsche Geschichte erwarten. Doch selbst Merz sollte an einer Tatsache nicht vorbeikommen: Wären die Russen solche Barbaren, wie er es ihnen unterstellt, wäre in Deutschland 1945 kein Stein auf dem anderen geblieben. In Deutschland gab es damals etwa 2.000 Städte und bis zu 40.000 Dörfer. In der Sowjetunion wurden nach offiziellen Zahlen 1.700 Städte und 70.000 Dörfer zerstört.
Hätte Merz, statt sich die Ergüsse eines frustrierten Franzosen einzuprägen, wenigstens ein Buch über die deutsche Barbarei aus russischer Sicht gelesen, er würde sich eher die Zunge abbeißen, als solche Töne von sich zu geben. Aber es ist die bequeme Position, den anderen zum Barbaren zu erklären. Das war schon bei den alten Griechen so. Und Merz, der schließlich dafür sorgen muss, dass der Kurs von Rheinmetall sich gut entwickelt, ist nicht für Tiefgründigkeit bekannt. Da reicht es doch, das alte Klischee wieder hervorzukramen, das noch für jeden “Ostlandritt” taugte.
Nicht jedes fast 200 Jahre alte Buch ist weise. Und oft ist jener der Barbar, der andere als solche bezeichnet. Von einem Bundeskanzler sollte man eigentlich erwarten, dass das Amt die Zunge zügelt. Doch Merz ist nicht nur von unangebrachtem Dünkel durchdrungen, auch die Rolle als Bundeskanzler steht bei ihm nicht an erster Stelle. Ein doppeltes Versagen. Nun, daran hat man sich in Deutschland inzwischen gewöhnt.
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