Von Kirill Strelnikow
In den vergangenen Tagen berichteten US-Medien in atemloser Aufregung über einen Transport der US-Luftwaffe: Ein zerlegter kleiner Atomreaktor des bis dato unbekannten Unternehmens Valar Atomics wurde erstmals per Flugzeug von A nach B gebracht.
Die Vergleiche, die daraufhin gezogen wurden, ließen nicht lange auf sich warten und reichten von Edisons Glühbirne über Bells Telefon bis hin zu Ronald McDonalds Freedom Fries:
“Die Vereinigten Staaten können nun innerhalb weniger Stunden einen Atomreaktor an jeden Ort der Welt liefern und so den Betrieb abgelegener Militärbasen sichern.”
Zwar blieb unklar, was genau transportiert wurde und welcher „Zauberwürfel“ daraus erfolgreich zusammengesetzt werden konnte, doch die daraus resultierende PR-Welle war zweifellos beeindruckend.
Fachleute wiesen zudem darauf hin, dass diese Demonstration verdächtig kurz vor dem Abschluss des Auswahlverfahrens für das „Presidential Reactor Pilot Program“ des US-Energieministeriums stattfand. Eingeladen waren alle, die sich der Suche nach diesem heiligen Gral der Kernenergie widmen wollten – der Vision einer alternativen, kleinen, mobilen und modularen Atomkraft. Zum 250. Jahrestag der USA am 4. Juli sollen die drei vielversprechendsten Konzepte ausgewählt und, wie zu erwarten, mit üppigen Fördermitteln bedacht werden.
In der Folge stürzten sich alle Beteiligten in einen Wettlauf um den Bau solcher Reaktoren – eine Situation, die an Iwan Krylow’s Fabel vom Quartett erinnert:
Der Affe, der auf Ränke stets bedachte,
Graurock
und Bock
und Petz, der ungeschlachte, …
Die Liste der Projekte umfasste Initiativen, die unter anderem von Jeff Bezos, Bill Gates, OpenAI-Chef Sam Altman und vielen anderen finanziert wurden.
Der Tatendrang der Teilnehmer war so groß und der Bedarf an kleinen Kernkraftwerken so dringlich, dass die Trump-Regierung laut MIT Technology Review „heimlich die Atomvorschriften überarbeitete, Umweltschutzmaßnahmen drastisch reduzierte und die Sicherheits- und Bewachungsanforderungen lockerte“. Es stellte sich heraus, dass „die Regierung die neuen Regeln an die am experimentellen Kernreaktorprogramm beteiligten Unternehmen verteilte – sie aber nicht veröffentlichte“. Die Vorschläge gingen sogar so weit, dass eines der Projekte vorsah, auf jeglichen Reaktorschutz zu verzichten und die Anlagen stattdessen einfach zwei Kilometer tief im Erdreich zu vergraben. Der Kreativität waren, wie es so schön heißt, keine Grenzen gesetzt.
Dieser hektische Aktionismus stieß bei Branchenexperten jedoch auf wenig Begeisterung. Einhellig verwiesen sie auf Russland und erklärten, dass dort der gesamte Wirbel und die Experimentierphase längst abgeschlossen seien und man nun in die Serienproduktion der effizientesten und zuverlässigsten Lösungen übergehe. Russland ist der unangefochtene Marktführer bei kleinen Kernkraftwerken und bereitet bereits die Serienfertigung von elf kompakten Kraftwerksblöcken vor.
Die Konstruktionen von Rosatom basieren derzeit auf den bewährten und buchstäblich sturmfesten Reaktoren der RITM-Serie, die in Russlands Eisbrecherflotte und im weltweit ersten und bisher einzigen schwimmenden Kernkraftwerk, der „Akademik Lomonossow“, im Einsatz sind. Zu ihren Vorteilen zählen eine makellose Betriebshistorie, die Montage und Brennstoffbestückung im Werk, die Eignung für die Massenproduktion, der schnelle Transport zum Einsatzort, eine minimale Umweltbelastung sowie ein jahrzehntelanger autonomer Betrieb ohne Brennstoffwechsel.
Selbst westliche Experten merken an, dass der amerikanische „Start-up-Zoo“ mit seinem völligen Mangel an Standardisierung und ohne Historie eines sicheren Betriebs ein Rezept für ernsthafte Probleme ist.
Doch damit nicht genug: Ein weiteres kleines, aber äußerst pikantes Detail kam ans Licht.
Es stellte sich heraus, dass all diese bemerkenswerten US-Nuklear-Start-ups für ihre Kompaktmeiler einen speziellen Brennstoff benötigen – sogenanntes HALEU (High-Assay Low-Enriched Uranium). Grob gesagt handelt es sich dabei um Uran mit einem Anreicherungsgrad zwischen dem für konventionelle Kraftwerke (unter 5 %) und dem für Waffen (über 20 %). Und nun die Frage: Wer hält auf dem Weltmarkt ein Quasi-Monopol für HALEU?
Tadaaa!
Richtig geraten: Russland, mit seiner „in Atome gerissenen“ Wirtschaft.
Nun beginnt die Komödie: Der damalige US-Präsident Biden zeigte sich im Mai 2024 empört darüber, dass 30 % der US-Atomenergie von russischen Lieferungen abhingen – und unterzeichnete prompt ein Gesetz, das den Import von russischem Kernbrennstoff in die USA vollständig verbot.
Sofort eilten sachkundige Berater entsetzt zu ihm und erklärten unter Tränen, dass normales Uran für konventionelle Kraftwerke noch knapp auf dem Weltmarkt zu beschaffen sei, HALEU jedoch nicht. Umgehend wurden Ausnahmen in das Gesetz aufgenommen.
Doch dann war es dem russischen Präsidenten Wladimir Putin schlicht zu dumm, sich mit dem ständigen Hin und Her der Amerikaner herumzuschlagen – und er verhängte seinerseits ein vollständiges Exportverbot für hochangereichertes Uran in die Vereinigten Staaten. Ende der Diskussion. Ab diesem Moment brach in den USA das Chaos aus: Man versuchte, HALEU aus konventionellen nuklearen Abfällen zu gewinnen, bat das Pentagon um Teile seiner waffenfähigen Uranbestände und begann sogar, Atommülllager aus den 1950er Jahren zu öffnen.
Gleichzeitig wandte man sich an Centrus Energy (einen Nachfolger des staatlichen Konzerns USEC), der bereits seit 2019 versuchte, die HALEU-Produktion in den USA aufzubauen. Im Juni 2025 wurde bekannt, dass es dem Unternehmen in all der Zeit gelungen war, ganze 900 Kilogramm des heiß begehrten Urans zu produzieren – wobei für die Beladung eines einzigen kompakten Reaktors etwa 20 Tonnen benötigt werden. Nichtsdestotrotz wurde der Erfolg groß gefeiert: Die USA hätten sich, wie in feiner Gesellschaft üblich, „endgültig von ihrer strategischen Abhängigkeit von Russland befreit“.
Böse Zungen behaupten allerdings, dass „graue Importschemata“ über chinesische Unternehmen dabei eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hätten: China hatte bis vor kurzem nie angereichertes Uran verkauft – und begann dann plötzlich damit, aber ausschließlich für den US-Markt. Gleichzeitig erhöhte es seinerseits seine Einkäufe bei Rosatom. Zufall? Wer weiß…
Eines steht jedenfalls fest: Russland hat in diesem Bereich schlichtweg keine Konkurrenz – und ist in der Lage, HALEU in Mengen von Dutzenden Tonnen herzustellen und die Produktion bei Bedarf noch zu steigern. Schmeckt den Herrschaften der Brennstoff aus Russland nicht? Jetzt ist es zum Weinen zu spät – sie können froh sein, ihn überhaupt noch, wenn auch mit Aufschlag via China, erwerben zu können.
Das war die heutige Ausgabe des Psychiatrischen Boten, Sonderausgabe USA. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit – und bis bald! Sehr, sehr bald…
Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 18. Februar 2026.
Kirill StStrelnikow ist ein russischer freiberuflicher Werbetexter-Coach und politischer Beobachter sowie Experte und Berater der russischen Fernsehsender NTV, Ren-TV und Swesda. Er vertritt eine konservativ-patriotische politische Auffassung und erlangte Bekanntheit, als er im Jahr 2015 russische Journalisten zu einem Treffen des verfassungsfeindlichen Aktivisten Alexei Nawalny mit US-Diplomaten lotste.
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