Von Rainer Rupp
Die historischen Wurzeln der Konfrontation
Die Weichen für das heutige Verhältnis zwischen den USA und Iran wurden bereits in den frühen 1950er Jahren gestellt. Damals erklärte Washington die Region um den Persischen Golf zum Gebiet von “vitalem Interesse” – der höchsten Sicherheitsstufe, die einen Einsatz aller Mittel, von verdeckten Operationen bis hin zu offener militärischer Gewalt, rechtfertigt. Dieser Anspruch wurde 1953 in blutiger Praxis untermauert, als die USA den demokratisch gewählten Premierminister Mohammed Mossadegh stürzten. An seine Stelle setzten sie den gefügigen und tyrannischen Schah Mohammed Reza Pahlavi, einen ehemaligen Unteroffizier, und etablierten so eine brutale Marionettenherrschaft.
Der Konflikt eskalierte, nachdem Mossadegh 1951 die Kontrolle über die iranische Ölindustrie verstaatlicht und damit britische Interessen enteignet hatte. London rief Washington zu Hilfe. Die CIA, angeführt vom Psychokrieg-Experten Kermit Roosevelt, orchestrierte einen Putsch. Nach einem ersten gescheiterten Versuch der kaiserlichen Garde gelang es schließlich Generalmajor Fazlollah Zahedi, Mossadegh zu stürzen. Das Ergebnis war eine Neuaufteilung des Ölgeschäfts: 40 Prozent für British Petroleum, 14 Prozent für Shell, der Rest für fünf US-Konzerne und einen französischen Anteil. Der von der CIA handverlesene Schah wurde gekrönt.
Dieser Putsch markierte ein Muster: Zum ersten Mal beseitigten die USA im Nahen Osten eine demokratische Regierung durch Geheimdienstoperationen und installierten einen autokratischen Herrscher. Sie brachen das britische Ölmonopol und manifestierten ihre eigenen, als “vital” deklarierten Interessen. Diese Dominanz endete jäh 1979 mit dem Sieg der Islamischen Revolution unter Ajatollah Ruhollah Chomeini, der die USA aus dem Land warf – ein Affront, der in Washington bis heute nachwirkt.
Als Reaktion unterstützten die USA in den 1980er Jahren Saddam Husseins Irak massiv im Krieg gegen Iran. Dokumente aus US-Kongressanhörungen von 1993 belegen, dass Washington nicht nur den Einsatz chemischer Waffen durch den Irak billigend in Kauf nahm, sondern sogar Vorläuferstoffe für deren Herstellung lieferte.
Vom US-Verbündeten zum Embargo-Opfer
Während des Kalten Krieges bauten die USA Iran zum antikommunistischen Bollwerk auf. Zwischen 1947 und 1969 flossen Militärhilfen in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar (ein Vielfaches in heutiger Währung). Später kaufte der Schah mit den Öleinnahmen modernste US-Waffensysteme. Bis 1979 beliefen sich die US-Waffenlieferungen auf 10,7 Milliarden Dollar – inflationsbereinigt etwa 50 Milliarden Dollar heute.
1978 war Iran die stärkste Militärmacht der Region, beherbergte die größte US-Militärmission der Welt mit 1.500 Soldaten und 45.000 zivil gekleideten Beratern. Die Revolution von 1979 beendete diese Ära abrupt. Mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen 1980 nach der Stürmung der US-Botschaft brach auch der US-Einfluss in der Region ein, bis die Kriege gegen den Irak (1990/91, 2003) eine vorübergehende Wende brachten.
Das US-Embargo ab 1980 traf die hochgerüstete, aber von US-Ersatzteilen abhängige iranische Armee ins Mark. Die “Kannibalisierung” intakter Waffensysteme wurde notwendig. Trotz teilweiser Umgehungsversuche – wie dem berüchtigten “Iran-Contra”-Deal, bei dem die CIA über Israel Panzerabwehr- und Luftabwehrraketen lieferte – erholte sich die konventionelle Streitmacht nur langsam. Iran wandte sich verstärkt Russland, China und Nordkorea zu und trieb die eigene Rüstungsindustrie voran.
Die neue iranische Abschreckungsmacht
Trotz jahrzehntelanger Embargos hat Iran beachtliche militärische Fähigkeiten entwickelt. Das Land gehört seit über 20 Jahren zu den wenigen Staaten, die schwere Panzer bauen. Seine größten Fortschritte erzielte es jedoch in asymmetrischen Schlüsseltechnologien.
Der Zwölf-Tage-Krieg mit Israel im vergangenen Jahr demonstrierte Irans unglaubliche Fortschritte in der Raketentechnologie. Das Land verfügt über hyperschallfähige Mittelstreckenraketen mit 3.000 km Reichweite, die auf unberechenbaren Flugbahnen jeden Punkt in Israel erreichen können. Auch im Bau von Aufklärungs- und Angriffsdrohnen, einschließlich Schwarmtechnologien, nimmt Iran eine Führungsposition ein.
Es waren vor allem diese Raketen, die bei dem Angriff strategische Ziele in Israel schwer beschädigten. Berichten zufolge war es Premierminister Netanjahu selbst, der angesichts erschöpfter Raketenabwehrvorräte und der erlittenen Schäden US-Präsident Trump um eine Waffenstillstandsvermittlung bat.
Fazit: Ein Krieg wäre ein verlustreiches Abenteuer
Viele US-Kriegstreiber wiegen sich in der Illusion grenzenloser militärischer Überlegenheit über den “armseligen” Iran. Ein reiner Zahlenvergleich von Panzern oder Flugzeugen ist jedoch irreführend. Zwar könnte die industrielle Supermacht USA in einem langen, konventionellen Krieg vielleicht siegen – aber zu welchem Preis?
Irans wahre Stärke und Abschreckungspotenzial liegen in seinen asymmetrischen Fähigkeiten: der hoch entwickelten Raketenwaffe, Drohnenschwärmen und der Fähigkeit, die strategisch entscheidende Straße von Hormus zu blockieren. Selbst US-Militärexperten wie der ehemalige Oberst Douglas McGregor warnen das Weiße Haus vor diesem Kampfpotential und verweisen darauf, dass die US-Vorräte an Präzisionsraketen nur für ein bis zwei Wochen intensiver Kriegführung reichen.
Hinzu kommt der innere Widerstandswille. Die massive Beteiligung von schätzungsweise 30 bis 40 Millionen Iranern an jüngsten nationalen Kundgebungen signalisierte breite Unterstützung für die Regierung im Konflikt mit den USA. Ein Einmarsch größerer US-Bodentruppen würde hohe Verluste bedeuten, die die US-Öffentlichkeit kaum tolerieren würde, zumal selbst in Trumps MAGA-Bewegung der Widerstand gegen einen neuen Krieg wächst.
Letztlich deutet alles darauf hin, dass ein US-Abenteuer im Iran weniger einem schnellen Sieg, sondern eher einem verlustreichen, langen Albtraum à la Afghanistan gleichen würde – mit destabilisierenden Folgen für die globale Energieversorgung und die US-Wirtschaft.
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