Von Olga Samofalowa
Die Entscheidung Kiews, den Transit russischen Erdöls durch die Druschba-Pipeline einzustellen, hat sich als Bumerang erwiesen. Als Reaktion darauf haben Ungarn und die Slowakei, die Hauptabnehmer dieses Öls in Europa, ihre Diesel-Exporte in die Ukraine gestoppt. Die Ironie der Situation: Die Ukraine bezog diesen Diesel bislang aus Raffinerien in genau diesen beiden Ländern, die ihrerseits russisches Rohöl verarbeiteten. Auf den ersten Blick mag dies wie eine raffinierte Vergeltungsmaßnahme erscheinen. In Wahrheit sind Budapest und Bratislava jedoch durch EU-Recht gebunden: Das neunte Sanktionspaket erlaubt ihnen den Export von Raffinerieprodukten aus russischem Öl ausschließlich in die Ukraine oder für den Eigenbedarf. Ein ungeplanter Überschuss kann so nicht einfach anderweitig abgesetzt werden.
Nebenbei bemerkt: Diese Entwicklung kommt indirekt Russlands militärischer Operation zugute, da Diesel ein kriegswichtiger Treibstoff ist.
Warum hat die Ukraine, die jahrelang – auch während der militärischen Auseinandersetzungen – zuverlässig Transitgebühren kassierte, die Pipeline nun vollständig stillgelegt? Kiew führt notwendige Reparaturen an kriegsbeschädigter Infrastruktur an. In Budapest und Bratislava wie auch in Moskau hält man dies für einen Vorwand. Man geht vielmehr von politischen Motiven aus. Die Überzeugung: Etwaige Schäden wären längst behoben.
Jahrelang, selbst nach Beginn der Sonderoperation, funktionierte der Öltransit durch die Ukraine nahezu reibungslos. Lediglich gegen den russischen Konzern Lukoil verhängte Kiew vorübergehend Sanktionen. Eine komplette Einstellung des Transits ist jedoch neu. Offenbar geht Kiew nun aufs Ganze, wohl wissend, dass seine Verhandlungsposition zunehmend schwindet.
Was bezweckt Kiew mit diesem energiewirtschaftlichen Druck? Es will Ungarn und die Slowakei gefügig machen. Beide Länder stellen sich regelmäßig quer: Sie blockieren zusätzliche EU-Finanzhilfen für die Ukraine, lehnen weitere Sanktionen gegen russische Energieexporte entschieden ab und bezeichnen einen beschleunigten EU-Beitritt Kiews offen als “den letzten Nagel im Sarg der EU”.
Auf die ukrainische Herausforderung reagierten die beiden EU-Staaten umgehend. Erstens sicherten sie sich eine Alternative: Sie vereinbarten mit Kroatien die Anlieferung russischen Öls über den Adriahafen Omišalj und das JANAF-Pipelinesystem. Die ersten Lieferungen auf dieser Route sind bereits unterwegs und werden Anfang März erwartet.
Zweitens schlugen sie zurück: Sie stoppten ihre Diesel-Exporte in die Ukraine, bis der Ölfluss durch die Druschba-Pipeline wieder aufgenommen wird. Eine logische Konsequenz: Wenn Land A die Energieversorgung von Ländern B und C gefährdet, können diese kaum die Energiesicherheit von Land A garantieren. Der Ausfall ist für Kiew spürbar: Allein die slowakische Raffinerie Slovnaft (eine Tochter des ungarischen MOL-Konzerns) deckte offiziellen Angaben zufolge zehn Prozent des ukrainischen Dieselbedarfs. Zwar wird der Verkehr nicht komplett zum Erliegen kommen, doch Engpässe und Preissteigerungen sind die unmittelbare Folge.
Die Ukraine hat damit bereits Transit-Einnahmen verloren und sich selbst Versorgungsprobleme geschaffen. Sollte dies nicht zu einer Wiederaufnahme des Transits führen, könnten Budapest und Bratislava weitere, schwerwiegendere Hebel in Betracht ziehen.
Denn die Abhängigkeit Kiews geht über Diesel hinaus. Die Ukraine importiert in erheblichem Maße Strom und Erdgas von seinen westlichen Nachbarn. Laut ukrainischem Energieministerium kamen im Dezember 2025 insgesamt 62 Prozent der Stromimporte aus Ungarn (41%) und der Slowakei (21%). Das heimische, ohnehin marode Netz, das bereits jetzt zu planmäßigen Abschaltungen gezwungen ist, würde einen Ausfall dieser Mengen nicht verkraften und kollabieren. Im Winter, wenn Strom auch zum Heizen und Kochen benötigt wird, wären die Folgen katastrophal.
Ähnlich kritisch ist die Lage beim Erdgas. Nach Berechnungen von ExPro Consulting bezog die Ukraine 2025 über 70 Prozent ihres Gases ursprünglich aus Russland – geliefert über Umwege durch Ungarn und die Slowakei. Ein Lieferstopp im Winter, wenn Gas zum Heizen und in Kraftwerken zur Stromerzeugung dient, würde eine humanitäre Krise auslösen.
Allen Seiten sind diese verheerenden Konsequenzen bewusst. Daher werden Ungarn und die Slowakei solche drastischen Schritte nur im äußersten Notfall erwägen.
Allein die Möglichkeit, diese Karte auszuspielen, stärkt jedoch bereits ihre Verhandlungsposition gegenüber Brüssel. Sie benötigen nun EU-Ausnahmegenehmigungen, um die neue Lieferroute über Kroatien rechtlich abzusichern. Derzeit verbieten die Sanktionen den Seetransport russischen Öls; eine Ausnahme gilt nur für die Druschba-Pipeline. Die EU-Kommission wird sich einer Freigabe der neuen Route vehement widersetzen, da ihr erklärtes Ziel die vollständige Verdrängung russischer Energie vom europäischen Markt ist – nicht die Schaffung neuer Versorgungswege.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei “RIA Nowosti” am 19. Februar 2026.
Olga Samofalowa ist eine russische Journalistin, im Wirtschaftsressort der Zeitung Wsgljad sowie für RIA Nowosti und SNA (Sputnik) tätig.
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