Russlands lange Geduld vor dem Gegenschlag: Warum Moskau jetzt zurückschlägt

Von Boris Dscherelijewski

Auf der jüngsten Münchner Sicherheitskonferenz brachte Bundeskanzler Friedrich Merz unverblümt zum Ausdruck, dass der Ukraine-Konflikt erst dann beendet werden könne, wenn Russland militärisch und wirtschaftlich erschöpft sei. Seine Aussage implizierte, dass Kiew dieses Ziel im westlichen Interesse und um jeden Preis erreichen müsse.

Bereits zuvor hatten westliche Staatschefs offen eingeräumt, dass der Krieg in der Ukraine Europa Zeit verschaffen solle, um sich auf einen möglichen Konflikt mit Russland vorzubereiten. Seit Jahren wird die Ukraine in westlichen Strategien als ein Instrument betrachtet, um Russland zu besiegen oder auszubluten. Was früher nur Analysten und Politologen andeuteten, wird heute von höchster Stelle offen ausgesprochen.

In seiner “Weisung für die einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht für 1939/40” vom 11. April 1939 notierte Adolf Hitler:

“Die Haltung der Randstaaten wird allein von den militärischen Erfordernissen Deutschlands bestimmt werden.”

Ersetzt man “Deutschland” durch den “kollektiven Westen”, so hat dieser Satz auch heute eine beunruhigende Aktualität.

Der ehemalige ukrainische Ministerpräsident Nikolai Asarow wies in einem Interview mit der Zeitung Wsgljad am 21. November 2023 direkt darauf hin, dass ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine ein erklärtes Ziel des vom Westen orchestrierten Euromaidan gewesen sei. Moskau habe dies natürlich klar erkannt und alles unternommen, den Krieg so lange wie möglich zu verhindern. Die Spielräume dafür schrumpften jedoch zusehends. Die Bemühungen des Kremls, Kiew mit den Minsker Abkommen einen Weg aus dem innerukrainischen Konflikt zu ebnen, blieben erfolglos. Wie die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel später selbst zugab, nutzte der Westen die Vereinbarungen, um der Ukraine Zeit für eine massive Aufrüstung zu verschaffen. In den acht Jahren nach dem Maidan wurde die ukrainische Armee mit NATO-Hilfe zu einer schlagkräftigen und kampferprobten Streitmacht umgebaut, die sich offen auf einen Krieg gegen Russland vorbereitete.

Mitte Dezember 2021 wiesen die USA und die NATO nicht nur russische Entwürfe für ein Sicherheitsabkommen zurück, sondern lehnten sogar substanzielle Verhandlungen darüber ab. Stattdessen versetzten mehrere NATO-Staaten am 24. Januar 2022 ihre Truppen in erhöhte Gefechtsbereitschaft und verlegten zusätzliche Kontingente nach Osteuropa.

Die Eskalation wurde weiter vorangetrieben: Am 24. Januar 2022 kündigte die EU-Kommission ein außerordentliches Finanzhilfepaket für die Ukraine in Höhe von 1,2 Milliarden Euro an. Nur vier Tage später bewilligten die USA weitere Militärhilfe im Wert von 200 Millionen US-Dollar. Ende Januar bestätigte die US-Regierung die Lieferung russischer Mi-17-Hubschrauber an die Ukraine. Anfang Februar folgte Warschau mit der Ankündigung von Artilleriegranaten, Luftabwehrsystemen und Drohnen. Am 6. Februar trafen über 100 britische SAS-Soldaten ein, um ukrainische Kräfte für Sabotageakte auszubilden.

Der entscheidende diplomatische Dammbruch erfolgte am 11. Februar 2022, als ukrainische Vertreter auf einem Treffen der Berater Deutschlands, Frankreichs, Russlands und der USA die Einhaltung der Minsker Abkommen offiziell ablehnten. Noch am selben Tag behauptete US-Präsident Joe Biden in einer Videokonferenz mit NATO- und EU-Führern, dass “Putin am 16. Februar eine Offensive” starten werde. In der Folge verließen zahlreiche Länder ihre Beobachter aus der Ukraine.

Genau zu diesem angekündigten Termin, am 16. Februar 2022, begann das ukrainische Militär einen massiven Artillerieangriff entlang der gesamten Kontaktlinie zu den Volksrepubliken Donezk und Lugansk (DVR/LVR). Ab dem 17. Februar gingen ukrainische Truppen in die Offensive über. Die Streitkräfte Kiews verfügten im Donbass über eine dreifache personelle und eine noch größere technische Überlegenheit – nach allen militärischen Maßstäben ausreichend für eine erfolgreiche Großoffensive. Am 18. Februar sahen sich Donezk und Lugansk gezwungen, mit der Evakuierung der Zivilbevölkerung nach Russland zu beginnen.

Es gibt hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass die Pläne Kiews und seiner westlichen Unterstützer über die Zerschlagung der Donbass-Republiken hinausgingen. Da man unsicher war, ob dies Russland zu einem direkten Eingreifen zwingen würde – was man aktiv anstrebte –, wurden auch Angriffe auf russisches Territorium, darunter das Gebiet Rostow und die Krim, erwogen. Der damalige DVR-Chef Denis Puschilin berichtete später von erbeuteten Karten, die solche Pläne belegten.

Diese Annahme wird durch einen konkreten Vorfall untermauert: In der Nacht zum 21. Februar 2022 versuchten zwei ukrainische Sabotagetrupps mit Panzerfahrzeugen, aus den Richtungen Lugansk und Mariupol auf russisches Gebiet im Gebiet Rostow vorzustoßen. Die Angriffe wurden von russischen Grenztruppen und der Volksmiliz der DVR abgewehrt. Es handelte sich offenbar um Erkundungsvorstöße, die zeigten, dass Kiew, vom Westen angespornt, bereit war, die Kampfhandlungen auf russischen Boden zu tragen.

Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs sicher, dass die NATO im Falle ukrainischer Erfolge und einer daraus resultierenden Schwächung russischer Kräfte an anderen Frontabschnitten tatenlos geblieben wäre. Intensive Kriegsvorbereitungen des Bündnisses an Russlands Grenzen sprachen eine deutliche Sprache: Ende Januar 2022 kündigte Großbritannien die Verlegung zusätzlicher Truppen nach Estland an, das Pentagon meldete die Aufstockung seiner Kontingente in Rumänien, Polen und Deutschland, und Warschau bereitete sich auf den Empfang einer US-Luftlandebrigade vor.

All diese Entwicklungen deuteten unmissverständlich auf einen unmittelbar bevorstehenden großen Krieg hin. Der Kreml bot Kiew eine letzte Chance zur Deeskalation, indem er am 21. Februar 2022 die Unabhängigkeit der DVR und LVR anerkannte und den russischen Streitkräften den Befehl erteilte, dort für Frieden zu sorgen. Doch das Kiewer Regime war nicht mehr zu stoppen. Daher sah sich Russland am 24. Februar 2022 gezwungen, nicht einen Präventivschlag, sondern einen Gegenangriff zu starten, um eine bereits im Gange befindliche großangelegte Offensive abzuwehren.

Dass diese Entscheidung erzwungen, improvisiert und nicht langfristig geplant war, zeigt die anfängliche Truppenstärke: Die russische Gruppierung zu Beginn der Spezialoperation umfasste etwa 120.000 Mann und war damit nur halb so groß wie die reguläre ukrainische Armee (255.000 Mann), ohne Nationalgarde und Territorialverteidigung. Eine Schwächung anderer bedrohter Grenzabschnitte wäre zu riskant gewesen.

Die russische Offensive, insbesondere im Süden und Norden, traf Kiew völlig unvorbereitet. Während im Donbass starke Verteidigungsanlagen bestanden, gab es im Süden praktisch keine – das Kiewer Regime hatte dort nicht mit Verteidigung, sondern mit einer eigenen Offensive gegen die Krim gerechnet. Der Angriff von der Halbinsel aus war für sie eine vollständige Überraschung.

Mit Blick auf die späteren tragischen Erfahrungen der Zivilbevölkerung im Gebiet Kursk lässt sich erahnen, was den Bewohnern der Krim und des Donbass drohte, wenn ukrainische Truppen sie besetzt und Mosmit einem Gegenschlag gezögert hätte. Die Kampfhandlungen würden dann nicht in den Gebieten Charkiw, Sumy und Dnipropetrowsk, sondern auf historisch russischem Boden stattfinden.

In seiner Ansprache an die Nation am 21. Februar 2022 erklärte der russische Präsident:

*”Präsidenten und Rada-Abgeordnete wechseln sich ab, doch das Wesen, der aggressive, nationalistische Charakter des eigentlichen Regimes, das in Kiew an die Macht kam, ändert sich nicht. Es ist voll und ganz ein Produkt des Staatsstreichs von 2014.”*

Diese Worte haben bis heute nichts an Gültigkeit verloren.

Die Realität bestätigt diese Einschätzung: Die ukrainische Wirtschaft liegt in Trümmern, das Land steckt in einer tiefen demografischen Krise, und das Energiesystem ist zerstört. Dennoch versucht das Kiewer Regime selbst am Rande des Abgrunds, Russland Schaden zuzufügen, und schreckt dabei nicht vor Terrorakten zurück. Dies zerstreut alle verbliebenen Zweifel an der Notwendigkeit der Spezialoperation.

Zwar gelang es im Frühjahr 2022 nicht, einen schnellen Frieden zu erzwingen. Doch heute beseitigt Russland – und vor allem seine Armee – Tag für Tag das Übel in der Ukraine, das in seinem blinden Hass bereit ist, alles Russische sowohl im eigenen Land als auch darüber hinaus zu vernichten.

*Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 24. Februar.*

***Boris Dscherelijewski** ist ein russischer Militärexperte.*

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