Von Astrid Sigena
Am Dienstagabend serviert das ZDF seinem Publikum erneut ein düsteres Russland-Porträt: Zur Primetime läuft die Dokumentation „Putins Schattenmänner“ über den russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Ergänzt wird sie durch die dreiteilige Online-Serie „Putins Agenten“. Verantwortlich für Buch und Regie zeichnen erneut die ZDF-Journalisten Johannes Müller und Florian Huber, die sich mit Formaten wie „Putins Krieger“ oder „Der Fall Nawalny“ als Russland-Experten des Senders etabliert haben.
Die Produktion bedient sich bekannter Bilder – teils KI-generiert – und wiederholt altbekannte, letztlich nie zweifelsfrei bewiesene Vorwürfe: die Vergiftungsfälle um Litwinenko, Nawalny und die Skripals. Auch der Begriff des hybriden Krieges, den Russland angeblich gegen den Westen führe, fehlt nicht. Als Beleg dienen Ausschnitte aus der Tagesschau oder den heute-Nachrichten. Im Interview steigert sich der Journalist Roman Dobrochotow sogar zu dem Vergleich, das zweite Direktorat der FSB-Zentrale sei „so etwas wie die russische Gestapo“.
Als Kronzeugen treten drei Männer auf, die von sich behaupten, früher für den FSB gearbeitet zu haben: Sergej Schirnow, laut Eigenangaben einst KGB-Agent in Frankreich; Alexander Fedotow, der von 2003 an für den FSB tätig gewesen sein will; und der Oppositionelle Wsewolod Ossipow, der angibt, vom FSB erpresst und als Informant angeworben worden zu sein. Die Produzenten beschreiben sie als angebliche Aussteiger, die sich nun versteckt im europäischen Ausland aufhalten.
In den Online-Folgen kommen weitere Personen hinzu: der angebliche Agent Semjon Ryschakow und der gebürtige Ukrainer Wladislaw Chorochorin, der Hackerangriffe für den russischen Militärgeheimdienst GRU durchgeführt haben soll – mittlerweile, so die Doku, arbeite er für die ukrainische Seite im Cyberkrieg. Ryschakow wiederum bezichtigt sich, als Cyber-Provokateur im Namen ukrainischer Dienste Straftaten angestiftet zu haben.
Wesentlich neue Einblicke in die Arbeitsweise des FSB bieten die Dokus nicht. Sie schildern ihn ausschließlich aus der Perspektive seiner Gegner. Als Hauptquellen dienen – neben den angeblichen FSB-Informanten – russische Exil-Oppositionelle und westliche Geheimdienstexperten. Auch Thomas Haldenwang, der ehemalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, kommt zu Wort.
Gerade dort, wo es interessant werden könnte, bleibt die Darstellung oft vage. So berichtet der Ex-FSB-Mann Fedotow, er habe „nicht ausschließlich mit Druck“ gearbeitet, denn Angst schaffe kein Vertrauen. Welche Mittel er stattdessen einsetzte, erfährt der Zuschauer nicht. Vermutlich, so liegt der Gedanke nahe, sind es dieselben Methoden, die auch westliche oder ukrainische Geheimdienste anwenden – und deren Offenlegung liegt nicht in deren Interesse.
Ein Aspekt ist an der Produktion besonders bemerkenswert: die Rolle des ukrainischen Geheimdienstes. Schon länger gab es Mutmaßungen, westliche Dienste wie der BND oder MI6 könnten bei ZDF-Produktionen zu Russland hilfreich zur Seite stehen. Ein handfester Beweis dafür fehlte jedoch stets.
Nun gibt Johannes Müller einen seltenen Einblick: Aus Angst vor Rache Putins hätten seine Informanten in ständiger Furcht gelebt. Daher, so Müller, habe sein Team beim „Location-Scouting“ die Unterstützung des ukrainischen Geheimdienstes in Anspruch genommen, der potenzielle Drehorte auf Sicherheitsrisiken überprüfte. Es liegt nahe, dass sich diese Kooperation nicht auf Logistik beschränkte. Gut möglich, dass der ukrainische oder ein westlicher Dienst überhaupt erst den Kontakt zu den Überläufern vermittelte.
Diese Vermutung wird gestützt durch die Drehorte. Gedreht wurde unter anderem in einer nicht näher benannten Stadt, während russische Flugzeuge die Gegend bombardierten – ein Szenario, das nur auf die Ukraine zutreffen kann. Das Interview mit Fedotow fand hingegen in Westeuropa statt. Auch andere Geheimdienste waren involviert: Die Aussagen der FSB-Aussteiger seien, so die Filmemacher, von ehemaligen Geheimdienstlern überprüft worden.
Der Eindruck drängt sich auf: Der ukrainische Geheimdienst hat sich mit dieser Produktion eine Plattform im deutschen Fernsehen geschaffen. Um 20:15 Uhr kann er seine Sicht der Dinge in deutsche Wohnzimmer tragen. Ein privilegierter Zugang zum deutschen Publikum, um den ihn seine russischen Kollegen beneiden mögen, die sich – dem offiziellen deutschen Narrativ zufolge – weiterhin mit Trollfabriken und Fake-Kampagnen behelfen müssen.
Die ZDF-Journalisten informieren ihr Publikum nicht über diese Zusammenarbeit – geschweige denn, dass sie sie kritisch hinterfragen. Selbst im Interview mit dem ZDF-Presseportal erwähnen Huber und Müller die Kooperation mit dem ukrainischen Geheimdienst nicht.
Müllers kleine Indiskretion wirft ein Schlaglicht auf das oft undurchsichtige Zusammenspiel von Journalismus und Geheimdiensten, sei es mit deutschen oder befreundeten ausländischen Diensten. Problematisch ist weniger die Kooperation an sich, sondern das Fehlen von Transparenz. Viele Zuschauer würden die Dokus von Huber und Müller mit anderen Augen sehen, wüssten sie von der Mitwirkung des ukrainischen Geheimdienstes.
Diese Verflechtungen beschränken sich nicht auf Sicherheitsüberprüfungen. Spätestens seit 2023 ist bekannt, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) deutsche Journalisten für ihre Dienste bezahlt. Welche Journalisten das sind – ob von privaten oder öffentlich-rechtlichen Medien –, bleibt geheim. Die damalige Bundesregierung verweigerte die Auskunft auf eine Kleine Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion mit Verweis auf das Staatswohl.
Auf der entsprechenden Bundestagsseite heißt es:
“Nicht enthalten in der Aufstellung sind nach Angaben der Bundesregierung aus Gründen des Staatswohls Honorare, die der Bundesnachrichtendienst (BND) an Journalisten gezahlt hat, weil die Kooperationen des BND ‘besonders schützenswert’ seien.”
Das „Staatswohl“ hat Vorrang vor dem Informationsanspruch der Abgeordneten. So ist nur bekannt, dass Zahlungen fließen, nicht aber an wen und in welcher Höhe. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird diese Praxis auch unter der aktuellen Regierung fortgesetzt – inklusive der damit einhergehenden potenziellen Einflussnahme auf die deutsche Medienlandschaft. Der Zuschauer bleibt ahnungslos, in welchem Maß Geheimdienste sein tägliches Programm mitgestalten.
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