Bern: Russisch-Orthodoxe Gemeinde bangt um ihr Gotteshaus – “Die Kirche ist unser Zuhause

Von Astrid Sigena

In der Folge des Dreißigjährigen Krieges entstand in Deutschland aus oft finanzieller Not ein besonderes Phänomen: die Simultankirche. Da vielen Landesherren die Mittel für separate Gotteshäuser fehlten, wurden protestantische und katholische Christen gezwungen, ein und dieselbe Kirche zu nutzen. Was einst ein pragmatischer, oft unwillkommener Kompromiss war, wird heute mitunter als frühes Beispiel gelebter Ökumene betrachtet.

Ein solches Simultaneum existiert bis heute in der Schweizer Bundesstadt Bern. In dem historischen „Antonierhaus“ in der Postgasse teilen sich die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde und die russisch-orthodoxe Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit die Räumlichkeiten. Das Gebäude diente im Mittelalter als Spital des Antoniterordens und wurde nach der Reformation für weltliche Zwecke, unter anderem als Feuerwehrmagazin, genutzt.

Seit den 1940er Jahren wird das Haus wieder als Gotteshaus genutzt: Die Lutheraner feiern ihren Gottesdienst im Erd- und Obergeschoss, die Russisch-Orthodoxen in der Krypta im Untergeschoss. Beide gehören im traditionell evangelisch-reformierten Bern zu religiösen Minderheiten. Die orthodoxe Gemeinde blickt auf eine lange, wenn auch unterbrochene Tradition seit 1814 zurück, während die lutherische Gemeinde sich 1956 einmietete.

Doch dieses interkonfessionelle Arrangement steht nun vor dem Aus. Seit drei Jahren versucht die evangelisch-lutherische Gemeinde, ihren orthodoxen Untermietvertrag zu kündigen. Die russisch-orthodoxe Gemeinde wehrt sich juristisch gegen diese Kündigung. Medienberichten zufolge sind mehrere Schlichtungsversuche der Stadt Bern, der Eigentümerin des Gebäudes, gescheitert. Sogar eine Zwangsräumung wird als Möglichkeit genannt.

Offiziell dreht sich der Konflikt nicht um Politik, sondern um baurechtliche Vorschriften. Beide Parteien äußern sich aufgrund des laufenden Verfahrens nicht öffentlich. Den Berichten zufolge geht es vor allem um den Brandschutz: Die gewachsene Gemeinde übersteigt regelmäßig die zulässige Personenzahl für den etwa dreißig Quadratmeter großen Raum in der Krypta. Die Stadt Bern als Eigentümerin legt aus Sicherheitsgründen eine Obergrenze von fünfzig Gottesdienstbesuchern fest – ein gewichtiges Argument in einem Land, das die verheerenden Folgen von Feuern, wie jüngst in Crans-Montana, schmerzlich vor Augen hat.

Dennoch hat der Streit eine unübersehbare politische Dimension. Die Berichterstattung in Schweizer Medien macht dies deutlich. So spricht die Tageszeitung Blick von 80 Jahren Frieden zwischen den Gemeinden, der „seit dem Angriff auf die Ukraine“ beendet sei. Redakteur Lino Schaeren zieht hier eine explizite Parallele zu den aktuellen geopolitischen Spannungen.

Die Behauptung einer früheren Harmonie ist jedoch fraglich. Auch vor der Kündigung schienen die beiden Gemeinden trotz der räumlichen Nähe eher koexistiert als intensiv zusammengelebt zu haben. In den Gemeindebriefen der Lutheraner finden sich kaum Hinweise auf gemeinsame Aktivitäten mit den Orthodoxen – und das nicht erst seit 2022. Während sich die orthodoxe Gemeinde aus dem Ukraine-Konflikt heraushalten möchte, bezieht die lutherische Gemeinde klar Position, etwa durch die Organisation eines Friedensgebets mit der ukrainischen Botschafterin.

Schaeren vom Blick hält es zudem für erwähnenswert, dass die Orthodoxen in Bern „noch immer“ für den Moskauer Patriarchen Kyrill I. beten. Dies ist jedoch eine in orthodoxen und auch katholischen Gottesdiensten völlig übliche Fürbitte für das Kirchenoberhaupt. Der ukrainische Priester der Gemeinde, Wladimir Swistun, betont, dies sei kein politisches Statement. Dennoch stehen russisch-orthodoxe Gemeinden in der Schweiz seit Kriegsbeginn unter besonderer Beobachtung und werden in Medien teils pauschal mit dem Kreml in Verbindung gebracht.

Die Leserkommentare unter den Medienberichten zeigen, wie sehr der Konflikt politisch aufgeladen ist. Einige fordern eine komplette Verdrängung alles „Russischen“ aus der Schweiz, andere erkennen darin eine gefährliche Russophobie. Wieder andere bedauern, dass keine praktikable Lösung gefunden wurde, um Brandschutz und die seelsorgerischen Bedürfnisse der gewachsenen Gemeinde in Einklang zu bringen.

Denn die Berner Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit war bislang ein besonderer Ort: Hier fanden alteingesessene Orthodoxe, Schweizer Konvertiten, Russen und seit 2022 auch viele ukrainische Flüchtlinge eine geistliche Heimat. Das Platzproblem resultiert maßgeblich aus diesem Zulauf. Dass ukrainische Gläubige eine Kirche besuchen, in der für Patriarch Kyrill gebetet wird, widerspricht zudem dem Narrativ eines vollständigen Bruchs der Ukraine mit dem Moskauer Patriarchat.

Ab kommendem Dienstag soll ein Zivilgericht über den Streit entscheiden. Egal, wie das Urteil ausfällt – das ökumenische Miteinander in der Antonierkirche hat bereits Schaden genommen. Die Auseinandersetzung vor einem weltlichen Gericht ignoriert das paulinische Gebot, Streit unter Christen gütlich beizulegen. Stattdessen droht der Rechtsstreit, die ohnehin aufgeheizten gesellschaftlichen Gräben noch zu vertiefen.

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