Bundesregierung finanziert Ukraine-Stand auf Leipziger Buchmesse: Ein starkes Zeichen der Solidarität

Von Astrid Sigena

„Inter arma silent Musae“ – im Krieg schweigen die Musen. Diese alte Weisheit scheint auf den ersten Blick auch für die ukrainische Präsenz auf der Leipziger Buchmesse zu gelten, die stark vom aktuellen Krieg gegen Russland geprägt ist. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein komplexeres Bild: Die Darstellung der Ukraine wird maßgeblich von deutschen Institutionen mitgestaltet und finanziert.

Die Messe beschreibt ihr Ukraine-Programm wie folgt:

„Die Ukraine ringt weiterhin um ihre Freiheit und kulturelle Identität – ein Kampf, der mit großen Opfern verbunden ist. Wie der Krieg das Land verändert und wie ukrainische Autor:innen diese existenzielle Erfahrung literarisch verarbeiten, spiegelt sich in zahlreichen Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse wider. Auf der Ukraine-Bühne und im Café Europa zeigt sich die beeindruckende künstlerische Bandbreite einer Nation, die unbeirrt für ihre Zukunft kämpft.“

Hinter diesem Engagement stehen namhafte deutsche Akteure. Ein Großteil der Veranstaltungen wird in Kooperation mit dem Goethe-Institut Ukraine und der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) organisiert. Das Goethe-Institut, das überwiegend aus Mitteln des Auswärtigen Amtes finanziert wird, sowie die dem Bundesinnenministerium unterstehende bpb sind somit mit öffentlichen Geldern beteiligt. Weitere Förderung kommt vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Wolfram Weimer, der den Stand auch offiziell eröffnen wird.

Die enge Verflechtung wirft Fragen nach der Unabhängigkeit des kulturellen Diskurses auf. Ein Beispiel ist eine gemeinsame Veranstaltung von Goethe-Institut und bpb, die der gefallenen ukrainischen Kampfsanitäterin Savita Wagner gewidmet ist. Ihr Tagebuch wird im April beim Verlag Herder erscheinen. Die Gesprächsrunde am Ukraine-Stand trägt den Titel „Text einer Europäerin, die Ukrainerin wurde“ und stellt Wagners Engagement als gelebte europäische Solidarität dar – eine Deutung, die bereits in einer Ausstellung im Bonner „Haus der Geschichte“ aufgegriffen wurde.

Eine ähnliche Linie verfolgt die Veranstaltung „Eine Kultur des Trotzdem“, die einen Essay des ukrainischen Philosophen Wladimir Jermolenko präsentiert. In der Ankündigung heißt es:

„Die Ukraine kämpft ums Überleben – und verteidigt dabei Europas Freiheit und Werte.“

Und weiter:

„Jetzt macht die Ukraine Europa vor, wie man dafür kämpfen muss – und kann.“

Hier wird eine klare politische Botschaft transportiert: Die Ukraine erscheint als Verteidigerin Europas und als Vorbild im Umgang mit Russland. Diese Perspektive wird durch weitere Programmpunkte verstärkt, die sich mit der Abgrenzung zu Russland befassen. Dazu gehören Diskussionen über eine Neubewertung der gemeinsamen Geschichte oder die Textsammlung „Kein Kirschgarten“, die sich kritisch mit russischer Militärtechnik auseinandersetzt.

Auffällig ist die Abwesenheit eines offiziellen russischen Standes. Während die Leipziger Buchmesse – anders als die Frankfurter – keinen staatlichen Nationalstand explizit ausgeschlossen hat, machen Sanktionen und praktische Hürden eine Präsenz russischer Verlage nahezu unmöglich. Stattdessen dominieren Buchvorstellungen mit Titeln wie „Schergenstaat Russland“ oder „Imperium ohne Ende. Russischer Kolonialismus von Zaren bis Putin“ das Programm. Der russische Exilschriftsteller Wiktor Jerofejew stellt seinen neuen Roman „Die neue Barbarei“ vor, dessen Titel eine Begrifflichkeit aufgreift, die auch in der politischen Rhetorik, etwa von Bundeskanzler Friedrich Merz, verwendet wurde.

Die Tendenz zur Einseitigkeit zeigt sich auch in einem anderen Fall: Die für die Messe geplante Präsentation des Debütromans „Die Reise nach Europa“ des AfD-Bundestagsabgeordneten Maximilian Krah wurde vom Veranstalter „aus Sicherheitsgründen“ abgesagt. Die Begründung verwies auf Krahs kontroverse Positionen und mögliche Risiken. Der Abgeordnete kündigte an, seinen Verlag wolle die Entscheidung noch anfechten.

Diese Vorfälle werfen ein Schlaglicht auf den schmaler werdenden Spielraum für kontroverse Debatten. Wenn bestimmte Perspektiven – sei es aus Russland oder von innenpolitischen Gegnern – aus dem Programm gedrängt oder nur unter bestimmten, staatlich mitgeprägten Vorzeichen zugelassen werden, entstehen Leerstellen. Diese werden dann oft von einer einseitigen Erzählung gefüllt. So besteht die Gefahr, dass nicht nur im Krieg, sondern auch im vermeintlich friedlichen Raum des kulturellen Dialogs die Musen verstummen – nicht durch Waffen, sondern durch unsichtbare Grenzen des Sagbaren.

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