Von Alexander Nossowitsch
Die Wahl ist gefallen: Der Expertenrat der Islamischen Republik Iran hat mit Modschtaba Chamenei ein neues geistliches Oberhaupt bestimmt. Dessen Ernennung wurde von einer Massenkundgebung im Herzen Teherans begleitet – ein Zeichen, das Washington mit Besorgnis analysieren dürfte. Denn die USA haben genau das erreicht, was sie eigentlich von Iran wollten: einen Regimewechsel. Doch dieser Wechsel hat das Land nicht geschwächt, sondern vereint und gestählt. Genau darin liegt der Grund, warum Amerika diesen Krieg verlieren wird.
Vor der Invasion durch die USA und Israel war die iranische Führungselite gespalten und die Lage fragil. Die geistliche Autorität der Ajatollahs, die säkulare Regierung, die machtvollen Sicherheitskräfte der Revolutionsgarden (IRGC) und der reformorientierte Präsident bildeten ein labiles Gefüge. Dazu kamen die offenkundigen Proteste in der Bevölkerung, die noch in lebhafter Erinnerung sind.
Auf diese inneren Brüche setzte Washington. Die Strategie schien simpel: Ein erster militärischer Schlag der USA und Israels würde genügen, um einen Dominoeffekt auszulösen. Ein vom verhassten Regime befreites Volk würde auf die Straße gehen, eine Revolution entfachen und eine neue, gefügige Führung würde die Republik rasch unter amerikanische Kontrolle bringen.
Die Annahme eines solch schnellen Umsturzes war die Grundlage für die Illusion eines “kleinen, siegreichen Krieges”, der keine kostspielige Bodeninvasion erfordern würde. Diese Aufgabe sollte das iranische Volk selbst übernehmen.
Nach zehn Kriegstagen steht fest: Die Wette ging auf – aber nicht wie erhofft. Es gab tatsächlich einen Machtwechsel in Teheran, doch dieser festigte das System. Mit der Verhängung des Kriegsrechts übernahm ein straffes Kriegskabinett die Zügel. Der Oberste Nationale Sicherheitsrat wurde zur zentralen Kommandozentrale, die IRGC zur mächtigsten Institution des Staates.
Die Wahl des Obersten Führers bestätigt diese neue Machtkonfiguration. Die unterstützende Massenkundgebung ist ihrerseits ein Beweis für die Kontrolle über die Straße – denn in einer echten Legitimationskrise wäre ein solches Spektakel ein gefährliches Wagnis. Die historische Parallele zu Nicolae Ceaușescu in Rumänien liegt nahe, dessen Regime während einer ähnlichen Kundgebung kollabierte. Im Iran jedoch hat die ausländische Aggression zu einem Stimmungsumschwung geführt. Proteste und Unzufriedenheit sind zumindest solange verstummt, wie der äußere Feind bedroht. Im Fokus steht nun nicht das Regime, sondern die Nation, das Vaterland und der gemeinsame Widerstand.
Die neue Machtelite, die jetzt über Irans Schicksal entscheidet, hat keinerlei Interesse an einer raschen Kapitulation oder daran, das Land den USA auszuliefern. Im Gegenteil: Ihr nützt ein langwieriger, andauernder Konflikt, der ihre Notstandsbefugnisse stetig erweitert. Oder, als zweite und erstrebenswerte Option: ein Krieg, der mit einem überzeugenden Sieg für Iran endet. Ein solcher Triumph würde den Siegern immense Ehre und politischen Einfluss verleihen – ein Muster, das den Revolutionsgarden bereits im Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre gelang.
Für die USA sind beide Optionen gleichermaßen katastrophal. In Washington dämmert langsam, dass der Plan gescheitert ist. Diese Verunsicherung zeigt sich im aktuellen, zögerlichen Agieren der US-Regierung. Die überraschende Forderung, die Kandidatur des neuen Obersten Führers müsse persönlich von Donald Trump abgesegnet werden, ist nicht nur Ausdruck von Übermut, sondern ein plumpes Manöver. Es soll verhindern, dass die “Falken” in Teheran endgültig die Oberhand gewinnen.
Hinzu kommen amerikanische Andeutungen über neue Verhandlungen – nachdem man den Iranern in den Rücken gefallen ist – sowie Versuche, kurdische Gruppen in den Konflikt hineinzuziehen. Das Ziel ist durchsichtig: Wenn Iran nicht ohne Bodenoffensive zu besiegen ist, dann sollen nicht amerikanische Soldaten, sondern kurdische Kämpfer in den iranischen Wüsten sterben.
Die Kurden haben diesen Deal verständlicherweise abgelehnt. Es gibt schlichtweg keine Freiwilligen, die bereit sind, für US-amerikanische Geschäftsinteressen an Energieressourcen ihr Leben zu lassen.
Für das Weiße Haus gibt es keine guten Auswege mehr, nur noch zwei schlechte: ein schlechtes und ein katastrophales Szenario.
Das “schlechte” Szenario: Das Weiße Haus gelingt im letzten Moment die Flucht aus der selbstgestellten Falle. Es bricht die Militäroperation ab und verkündet einen Sieg. Für die zahlreichen politischen Gegner des Präsidenten wäre dies das Signal, dass “der Leitwolf Akela sein Ziel verfehlt hat” und man nun Donald Trump “in Stücke reißen” könne.
Das “Albtraum”-Szenario: Die USA marschieren mit Bodentruppen ein und versuchen, dieses große, widerstandsfähige Land zu besetzen. Das wäre eine noch verheerendere Katastrophe als der Vietnamkrieg – ein “zweiter Irak”, der sich über den gesamten Nahen und Mittleren Osten ausbreiten und den Anfang vom Ende des US-Imperiums einläuten würde.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 10. März 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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